Posts Tagged “Transkription”

Jonathan Freeman-Attwood & Daniel-Ben Pienaar: The Romantic TrumpetAls Kind spielte ich gerne

Wenn das Wörtchen wenn nicht wär…

Aber nicht nur als Kinderreim ist dieses Gedankenspiel, dieses Spiel mit dem Was-wäre-wenn äußerst beliebt, bisweilen ist es auch in der Musik eine äußerst unterhaltsame, äußerst spannende Überlegung.

Der englische Autor, Musikpädagoge, Radiomoderator, CD-Produzent, Rektor der Londoner Royal Academy of Music und (last but not least) Trompeter Jonathan Freeman-Attwood stellt diese Frage auf seinen Solo-CDs immer wieder: Was wäre wenn die Trompete einen anderen Stellenwert als Soloinstrument eingenommen hätte und speziell im Fall seiner jüngsten Veröffentlichung “The Romantic Trumpet”: Was wäre wenn »drei kleine Sonaten von sagen wir mal Weber, Mendelssohn und Schumann, dem Vorbild eines Konzerts von Hummel folgend, ein Mini-Genre initiiert hätten?« Nun, auf The Romantic Trumpet kann man sich anhören, wie es vielleicht geklungen hätte, hätte die Romantik nicht (nur) die Violine und das Klavier als Solo-Instrument auserkoren, sondern eben (auch) die Trompete. Zu hören sind Werke von Edvard Grieg (1843-1907), Robert Schumann (1810-1856), Felix Mendelssohn und Karl Pilss (1902-1979). Bis auf die Sonate von Pilss sind es allesamt Bearbeitungen von Sonaten für andere Solo-Instrumente.
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Parnassi Musici: J. S. Bach - Variazioni GoldbergWie man sich täuschen kann: Hinter dem Ensemble Parnassi Musici, das beim italienischen Label MV Cremona eine Aufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach für Barock-Ensemble (bereits 2005) veröffentlicht hat (und die nun gemeinsam mit zahlreichen anderen Highlights des Labels im Codaex-Vertrieb vor einigen Tagen wiederveröffentlicht wurde), stecken keineswegs mittelitalienischen Musiker, wie man vermuten könnte, sondern ein deutsches Ensemble, das in Freiburg seine Heimat hat. Bereits im Bach-Jahr 2000 entstand diese Aufnahme (für den SWR), auf der die Parnassi Musici eine eigene Fassung der Goldberg-Variationen eingespielt haben. Die Prämisse hierbei war:

»Jede Variation sollte authentisch sein. Die Instrumentalparts sollten instrumentengerecht sein, ihr Schwierigkeitsgrad nicht über den anderer Bach’scher Musik hinausgehen.«

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Cyprien Katsaris - Foto: Willy De Jong © 2003, Quelle: cyprienkatsaris.netDer Franzose zypriotischer Abstimmung Cyprien Katsaris gilt seit über 30 Jahren als einer der besten, technisch brillantesten Pianisten der Welt. Das will etwas heißen in einer Zeit, in der quasi alle Pianisten über eine ausgezeichnete Technik verfügen. Katsaris verbindet seine technische Brillanz mit hoch emotionalen Darbietungen und ist damit fast der letzte seiner Art, eine echte Persönlichkeit am Klavier, ein charismatisches Unikat, wie sie eher in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch Horowitz, Rachmaninov, Rubinstein etc. verkörpert wurden. Darüber hinaus ist Katsaris von Anfang an bemüht gewesen, sein Repertoire ständig um Ungewöhnliches, Besonderes zu erweitern: Seine Aufnahmen der bis dahin weitgehend unbekannten und unbeachteten Transkriptionen Liszts sämtlicher Sinfonien Beethovens für Klavier, schlugen in den 1980er Jahren ein wie eine Bombe und machten ihn binnen kürzester Zeit zum Weltstar. Sie sind heute noch ein Dauerbrenner in seiner Diskografie. Anfang des 21. Jahrhunderts begann für Katsaris ein neues Kapitel in seiner künstlerischen Laufbahn: Von seiner damaligen Plattenfirma kaltgestellt, verzichtete er kurzerhand auf eine erneute Zusammenarbeit mit einem (anderen) Major Label und gründete als erster Klassik-Weltstar sein eigenes Label, Piano 21, auf dem er seit 2001 eine Vielzahl Alben veröffentlicht hat, teilweise mit Material, das er so gewiss bei keiner ‘großen’ Plattenfirma hätte veröffentlichen können. Als einer der ersten Künstler erkannte er die immensen künstlerischen Chancen sein eigener Herr und Plattenboss zu sein.
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Bach in romantischer ManierHeute schütteln wir mit einem gewissen Unverständnis den Kopf, wenn wir über die (aus unserer Sicht) massiven Eingriffe der Romantiker in die Musik Bachs und Händels sprechen. Da wurde gnadenlos gestrichen, gekürzt, umarrangiert, dazukomponiert und weggelassen. Die Ergebnisse klingen aus unserer heutigen Sicht ‘falsch’, weil sie eindeutig romantisiert sind, einem Zeitgeschmack angepasst, der nicht mehr der unsrige ist, der nach rund 50 Jahren historisch-informierter Aufführungspraxis zu wissen glaubt, wie der wahre Bach zu klingen hat.

Dabei ist solcher Hochmut sicher nicht angebracht: Noch vor einigen Jahren war es für den Klassikfreund selbstverständlich barocke Werke von vollen Sinfonieorchester gespielt zu hören, in Partituren, bei denen heftigst in die Instrumentierung eingegriffen wurde, um sie für die moderne Orchestergröße passend zu machen, Chöre wurden verdoppelt und verdreifacht, barocke Musik wurde opulent ausgebreitet und klang unterm Strich dann auch nicht viel anders als Kompositionen der Wiener Klassik oder der Romantik, die wir auch heute noch völlig bedenkenlos gerne auf einem Instrumentarium musizieren lassen, für die sie seinerzeit nicht geschrieben wurden. Die Claviersonaten von Bach und Händel spielen wir heute auf dem modernen Konzertflügel (Und wer würde den Bach-Interpretationen von Glenn Gould, Svjatoslav Richter oder Angela Hewitt ihren künstlerischen Wert wegen der Wahl des Instrumentes wirklich ernsthaft absprechen wollen?), die Bach’schen Cellosuiten auf Aluminumsaiten mit modernem Bogen und Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« kennen wir vor allem in der Orchestrierung des Impressionisten Ravels – kurzum: Wir sind alles andere als gefeit vor Modernisierungen und Anpassungen an unsere Hörgewohnheiten.
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Johann Sebastian BachAls ich einmal vor einigen Jahren durch die Kölner Altstadt, genauer gesagt durch die Passage zwischen Dom und Römisch-Germanisches Museum eilte, hörte ich einen Akkordeonist, der die berühmt-berüchtigte Toccata und Fuge in d-Moll, BWV 565 von Johann Sebastian Bach spielte. Der junge Mann, offenbar ein Musikstudent aus der nahegelegenen Kölner Hochschule für Musik und Tanz, beherrschte sein Instrument: Ich war wie vom Blitz getroffen und konnte einfach nicht mehr weitergehen, war fasziniert vom Spiel des Musikers und vom Klang seines Instruments. Beides war mir freilich wohlbekannt: Die Toccata aus zahlreichen Einspielungen (Klassik und Pop), das Akkordeon als populäres Instrument der Volksmusik-Veranstaltungen meiner Heimat Sardinien. Was mir an jenem Tag quasi im Vorbeigehen klar wurde (und dem Musiker mein gesamtes Kleingeld einbrachte) war, wie gut man die kontrapunktische Musik Bachs auf dem Akkordeon spielen kann, wie natürlich sie auf diesem Instrument klingt, das in der Öffentlichkeit leider viel zu oft mit fragwürdigen volkstümlichen Gassenhauern in Verbindung gebracht wird.
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Dass man in Nordamerika längst nicht so streng zwischen U- und E-Musik, zwischen klassischer Musik und Popmusik trennt wie bei uns in Europa ist hinlänglich bekannt. Was in der Alten Welt bisweilen noch zu Irritationen führen kann, ist in Kanada und den USA längst Alltag: Die Orchester sind zu Brückenbauern geworden und eröffnen mit ihren Bearbeitungen populärer zeitgenössischer Musik neue Hörerschichten peu à peu für andere musikalische Genres; dasselbe gilt freilich auch in die andere Richtung.

Hier ein Video der franko-kanadischen Violinistin Angèle Dubeau (ihre aktuelle CD “Arvo Pärt – Portrait” war ‘die besondere CD’ im Juni 2010, s. die → Besprechung hier auf blog.codaex.de) an der e-Violine (!) mit einem temperamentvollen Abba-Tribute-Medley, arrangiert von Sergei Dreznin für-Violine, Streichorchester und Klavier. Man beachte bitte das Violinensolo am Ende, dass jedem gestanden Hardrock-Gitarristen zur Ehre gereichen würde.

Das aktuelle Album von Angèle Dubeau & La Pietà, Arvo Pärt – Portrait ist am 25. Juni 2010 auf Analekta (2 8731) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Wolfgang Amadeus MozartMozart Cellokonzerte? Was für ein ungewöhnlicher Titel und was für eine ungewöhnliche Vorstellung: Es gibt kein echtes Cellokonzert (wohl aber eine hie und da eingespielte Transkription des Flötenkonzerts in D-Dur, KV 314), es gibt sogar fast gar keine Werke mit solistischem Cello von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Warum dies so ist, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Mozarts Zeitgenossen Joseph Haydn (1732-1809) und Luigi Boccherini (1743-1805) schrieben Cellokonzerte, ebenso Mozarts frühes Vorbild Johann Christian Bach (1735-1782), Mozart hingegen verwendete das Cello mit einer unvollendeten Ausnahme (dem Andantino in B für Klavier und Violoncello, KV Anh. 46, vor einigen Jahren von John Hilliard fertiggestellt, s. → hier) stets nur im kammermusikalischen Verband, im Trio, im Quartett oder im Quintett.
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Nicht erst in jüngerer Zeit machen sich Musiker und Komponisten Gedanken über eine sinnvolle Reproduktion alter Musik. Schon in der Romantik und noch mehr in der Spätromantik haben sich Komponisten und Musikverleger darum bemüht, die ‘alten Meister’ Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel adäquat umzusetzen. Was für das Verständnis mancher Originalklang-Puristen heute wie ein unzulässiger Eingriff in die Komposition wirken mag, war damals, im Zeitalter vor der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, der einzig sinnvolle Weg diese Musik auf damaligen Instrumenten überhaupt wiederzugeben. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Musizieren im Hause damals die geläufigste Art der Musik war: So wie man heute CDs kauft, kaufte man damals Noten. Ein weiterer Grund für Transkriptionen war die nimmersatte Zunft der Berufspianisten, die spätestens seit Franz Liszt durch die Europa reisten und stets auf der Suche nach unverbrauchtem Material waren, an dem sie ihre Künste beweisen konnten. Den Bearbeitern Ferruccio Busoni, Max Reger, Eugen d’Albert etc. ging es um das Erhalten der Musik, um das Aufschließen der barocken Meister für ein Publikum, das eine andere Klangwelt gewohnt war.
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