Hand auf’s Herz: Wem fällt heutzutage noch viel zu John Blow (1649-1708) ein? Sicher, der langjährige Organist der Westminster Abbey war ein englischer Komponist des Barock in Zeiten der Restauration, aber über seinen wirklichen Stellenwert innerhalb der englischen Musik ist hierzulande nicht viel bekannt. Dabei war John Blow nicht nur der Lehrer und Mentor des ungleich berühmteren Henry Purcell (1659-1695), er hat auch sehr wahrscheinlich Purcells Meisterwerk, die Oper Dido und Aeneas mit seinem eigenen Magnum Opus maßgeblich beeinflusst, der (nominellen) Masque aus dem Jahre 1683 (vielleicht auch schon 1681) Venus and Adonis, die in Wirklichkeit mit ihrer komplett gesungenen Handlung nichts anderes ist, als eine Oper, wie sie Italienischsprachig Ende des 17. Jahrhunderts in Kontinental-Europa durchaus schon üblich war. John Blow gebührt also die Ehre die erste englische Oper verfasst zu haben, ein Genre, das bald nach seinem Tod (nicht zuletzt durch Georg Friedrich Händel (1685-1759)) in London große Erfolge feiern sollte. Den Rest des Eintrages lesen »
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verliebte sich regelrecht als junger Mann in den Klang eines (für ihn) neuen Instruments, in das Hammerklavier oder Fortepiano, wie es heute international genannt wird. Dieses wurde zwar schon Ende des 17. Jahrhunderts vom toskanischen Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori (1655-1731) erfunden und später vor allem vom üblicherweise als Orgelbauer bekanntem Gottfried Silbermann (1683–1753) weiterentwickelt, doch es setzte sich erst Ende der 1770er/Anfang der 1780er Jahre als Alternative zum Cembalo mehr und mehr durch. Als Mozart 1781 endgültig seine Dienste an der Salzburger Hofkapelle quittierte und die Violine an den Nagel hing, war er längst dem neuen Instrument mit seinen nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten verfallen. 1782 erwarb er beim Wiener Klavierbauer Anton Walter (1752-1826) ein Instrument, das ihn fortan nicht nur beim Komponieren, sondern auch bei seinen Auftritten als Solist begleiten sollte. Vor allem zwischen 1782 und 1786 war das Klavierkonzert eine wichtige Ausdrucksform für Mozart. In diesen vier Jahren entstanden 16 seiner 27 Klavierkonzerte. Mozart hat das Klavierkonzert zwar nicht erfunden, durch seine Popularität und Kreativität verhalf er der Gattung allerdings zu einem neuen Stellenwert. Viele Klavierwerke der Wiener Klassik (sowohl von Mozart, als auch von Joseph Haydn (1732-1809) und Ludwig van Beethoven (1770-1827)) wurden aus verkaufstechnischen Gründen unter der Angabe “für Cembalo oder Hammerklavier” veröffentlicht, da bis ins 19. Jahrhundert das Cembalo in den Privathaushalten genutzt wurde (schon alleine, weil die Neuanschaffung eines Hammerklaviers kostspielig war). Den Rest des Eintrages lesen »
Als vor einigen Jahren (zunächst auf elf Einzel-CDs im Oktober 2006, dann als Box im April 2008) die Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte (und einiger weiterer Werke) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) der russischen Fortepiano-Spezialistin Viviana Sofronitsky mit der Musicae Antiquae Collegium Varsoviense unter der Leitung Tadeusz Karolak erschien, horchte die Musikwelt auf: Da tauchte »aus dem Nichts« die erste historisch-informierte Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Mozarts auf und dann waren diese dann auch noch ganz wunderbar anzuhören (und widersprachen damit dem Klischee der harschen Originalinstrumente-Aufnahmen). Nicht nur erwies sich Viviana Sofronitsky, Tochter des russischen Meisterpianisten Vladimir Sofronitsky (1901-1961), als exzellente Technikerin am Fortepiano und als eine sensible und intelligente Mozart-Interpretin, auch das Originalinstrumente-Ensemble aus Warschau und (last but not least) die sehr gute Aufnahmetechnik der Veröffentlichungen konnten überzeugen – und das alles ohne ganz große Namen und Plattenfirmen. Glücklicherweise wurden die Aufnahmen vor einigen Tagen vom niederländischen Label Etcetera preisgünstig wiederveröffentlicht, so dass man sie nun problemlos im Fachhandel und bei den Versendern äußerst preisgünstig beziehen kann.
Bevor ich in einigen Tagen die Box ausführlich an dieser Stelle bespreche, möchte ich heute an dieser Stelle schon einmal einen kleinen akustischen Vorgeschmack auf die sensationellen Aufnahmen bieten:
Wolfgang Amadeus Mozart – Concerto in D Dur, KV. 451 – Rondeau Allegro di Molto
Musicae Antiquae Collegium Varsoviense, Tadeusz Karolak
Fortepiano: Viviana Sofronitsky
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Die 11-CD-Box Complete Fortepiano Concertos von Viviana Sofronitsky und der Musicae Antiquae Collegium Varsoviense unter der Leitung von Tadeusz Karolak ist am 18. März 2011 auf Etcetera (KTC 1424) veröffentlicht worden und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Letztes Jahr gehörte die CD »Songs from the British Isles« (erschienen beim Wiener Gramola-Label) zu den angenehmsten Überraschungen des Jahres (u.a. CD des Monats auf blog.codaex.de und CD der Woche beim Deutschlandradio Kultur): Die geschmackvolle und unverkrampfte Melange aus Alter Musik und Folk aus England, Schottland und Irland des österreichischen Quadriga Consort verzichtet bei den Songs auf bierselige Pub-Stimmung und poppige Modernismen ebenso wie auf allzu schulmusikalische Beschränkungen und Glättungen.
Gerade live wirken die Arrangements des Ensembles geschmackvoll und dennoch äußerst lebendig:
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Am Donnerstag, den 24. März 2011 sendet der überregionale Kölner Radiosender Deutschlandfunk von 21:05 Uhr bis 22:50 Uhr die Aufnahme eines Konzerts des Quadriga Consort (und des österreichischen Alte-Musik-Ensemble Mikado) vom 11.9.10 aus dem Rathaus St. Veit/ Österreich. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit die ganz eigene Klangwelt der early music band kennenzulernen.
Der Deutschlandfunk ist im gesamten deutschsprachigen Raum über UKW bzw. MW, über Kabel und Satellit zu empfangen. Näheres dazu hier. Außerdem sendet der Deutschlandfunk sein gesamtes Programm live über mehrere gute Live-Streams im Internet. Alle Streams findet man → hier.
Wer das Konzert nicht bei der Ausstrahlung anhören kann, kann das Konzert ganz leicht mit dem dradio-Recorder kostenlos (und natürlich legal) aufzeichnen. Das Programm und eine verständliche Anleitung findet man → hier.
Tipp: Passend zur Sendung möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal auf das aufschlussreiche → Interview mit Nikolaus Newerkla, dem musikalischen Leiter der Quadrigas, hinweisen.
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Das Album Songs from the British Isles, gespielt vom österreichischen Quadriga Consort ist am 23. Juli auf Gramola (98876) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Gespickt mit allerlei technischen Schwierigkeiten sind die »Sei Solo. a Violino senza Basso accompagnato« (so der italienischsprachige Originaltitel), besser bekannt als die sechs Sonaten und Partiten für Violine solo, BWV 1001 – 1006 von Johann Sebastian Bach (1685-1750) der Prüfstein für jeden Violinisten. Der Interpret muss das Kunststück fertig bringen, die Partituren technisch zu meistern und interpretatorisch zu überzeugen, wahrlich keine leichte Aufgabe bei diesem gigantischen Werk und die Aufgabe ist durch die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis gewiss nicht leichter geworden.
Aber schwierige Aufgaben fordern den Künstler heraus und so gibt es in der Geschichte der Musikaufnahmen kaum einen bedeutenden Violinisten, der sich nicht an den Sonaten und Partiten (zumindest auszugsweise) versucht hätte: Adolf Busch (1929), Yehudi Menuhin (1934-38), George Enescu (1948-49), Jascha Heifetz (1952), Joseph Szigeti (1955-56), Gidon Kremer (1981), Thomas Zehetmair (1982, vielleicht meine liebste Aufnahme), Shlomo Mintz (1983), die junge Hilary Hahn (1997) und zuletzt Viktoria Mullova und Isabelle Faust (beide 2009). Interessanterweise haben aber auch einige große Namen die Sonaten und Partiten nicht eingespielt, obwohl sie ganz gewiss das technische Rüstzeug dazu gehabt hätten, die beiden prominentesten “Verweigerer” sind der russische Violinist David Oistrach (1908-1974) und die populäre deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter. Den Rest des Eintrages lesen »
Der böhmische Komponist František Jiránek (1698–1778) ist bis dato so unbeachtet und unbekannt geblieben, dass es bisher keinen Eintrag in der Wikipedia über ihn gibt, weder in der englischsprachigen, noch in der deutschen, noch nicht einmal in der tschechischen. Dabei war František Jiránek zu Lebzeiten ein durchaus respektierter Musiker und Komponist, der vermutlich sogar bei Antonio Vivaldi (1678-1741) zwei Jahre in Venedig studiert hat. Ansonsten weiß man über Jiránek relativ wenig: Er ist als Kind von Angestellten des Grafen Wenzel Morzin in Lomnitz an der Popelka geboren und arbeitete zunächst im inneren Kreis der Bediensteten des Grafen. In den Jahren 1724-26 schickte ihn dieser nach Venedig, wahrscheinlich zur musikalischen Weiterbildung, wahrscheinlich bei eben Vivaldi (eine Zahlung von 400 Gulden direkt an Vivaldi legt dies nah). 1726 ist Jiránek wieder in Prag und spielt fortan in der Morzinschen Kapelle. Er heiratet und lebt bis zum Ableben seines Dienstherren 1737 mit Frau und Kindern in Prag. Danach muss sich Jiránek neu orientieren und findet schließlich eine Anstellung in Dresden in der Kapelle von Heinrich von Brühl, dem Premierminister der sächsisch-polnischen Union. Als Brühl 1763 stirbt, wird Jiránek pensioniert und bleibt bis zu seinem Tode 1778 in Dresden. Den Rest des Eintrages lesen »
Den kleinen Artikel dazu kann man → hier nachlesen.
Hörbeispiel auf chandos.net | ► klicken zum abspielen oder diesen Link anklicken zum downloaden:
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Das Album Musical London c. 1700 from Purcell to Handel, gespielt von Philippa Hyde und The Parley of Instruments unter der Leitung von Peter Holman ist am 14. Januar 2011 auf Chandos/Chaconne (CHAN 0776) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Gestern habe ich die Neuaufnahme der sechs Cellosuiten (BWV1007-1012) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) des flämischen Cellisten Roel Dieltiens → besprochen, heute möchte ich, quasi zur Erläuterung, ein kurzes Interview anfügen, das ich im Vorfeld der Besprechung mit Herrn Dieltiens geführt habe.
Roel Dieltiens wurde 1957 in eine Familie von Musikern geboren und begann, nach wenig erfolgreichen Versuchen am Klavier, erst mit 15 Jahren Cello zu spielen, in das er sich sofort verliebte. Er lernte zunächst am königlichen Konservatorium in Antwerpen bei André Messens und wechselte dann an die Chapelle musicale Reine Élisabeth in Brüssel. Er fuhr seine Studien bei Pierre Fournier in Genf fort und vertiefte danach sein Studien bei André Navarra in Detmold, Wolfenbüttel und Siena.
Heute ist Dieltiens ein gefragter Solist und Kammermusiker, der schon unter den Dirigenten Frans Brüggen, Philippe Herreweghe und Reinbert De Leeuw musiziert hat. Er spielt sowohl Barock-Cello als auch die moderne Variante und ist ein gefragter Gast auf internationalen Festivals. Er hat sowohl als Solist, als auch mit dem von ihm mitbegründeten Kammerensemble Explorations mehrere Alben für renommierte Plattenfirmen (Etcetera/KTC, MDG, Harmonia Mundi France, Deutsche Harmonia Mundi, Naïve, Accent) aufgenommen, die international vielfach ausgezeichnet wurden.
Hier nun das Interview, das ich im Vorfeld meiner Besprechung geführt habe (die Originalfassung des Interviews auf Englisch findet man → hier): Den Rest des Eintrages lesen »
Es war der spanische Cellist Pablo Casals (1876-1973), der die sechs Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach (1685-1750) Anfang des 20. Jahrhunderts quasi zufällig wiederentdeckte und als erster moderner Cellist komplett aufführte. Seit jener Zeit, speziell nach den legendären Aufnahmen aus den 1930er Jahren, sind die Cellosuiten Bachs nicht mehr aus den Konzertsälen und den Schallplattenläden wegzudenken. Sie gelten vielen Cellisten als »Bibel« oder als »Alte Testament« und sind auch heute noch unerreichter Maßstab dessen, was ein Cellist heute spielerisch und künstlerisch leisten kann. Wer als Cellist etwas auf sich hält, muss die Cellosuiten aufgenommen haben. Die Liste der renommierten Instrumentalisten ist lang und reicht eben von Pablo Casals (1936-39), Pierre Fournier (1960), Mstislav Rostropovich (1956, 1991 und 1995), Paul Tortelier (1922), Yo-Yo Ma (1982), Heinrich Schiff (1984), Boris Pergamenshikov (1998) und Misha Maisky (1999), Truls Mørk (2005) usw. Seit Aufkommen der historischen Aufführungspraxis liegt der Schwerpunkt der Neuaufnahmen immer öfter auf der möglichst originalgetreuen Umsetzung der Suiten: Jaap ter Linden (1997, 2006), Pieter Wispelwey (1990, 1998), Sigiswald Kujiken (2006) und der flämische Cellist Roel Dieltiens (1991) setzten hier neue Maßstäbe für die Rezeption der Cellosuiten. Den Rest des Eintrages lesen »
Auch wenn wir heute Georg Friedrich Händel (auch anglisiert als George Frideric Handel, 1685-1759) heutzutage hauptsächlich als den Komponisten des Messiah und der Feuerwerksmusik und der Wassermusik-Suiten wahrgenommen wird, hat er in Wirklichkeit zu zahlreichen Gattungen wichtige Beiträge geschrieben. Einen besonderen Rang in seinem Œuvre nehmen seine 46 Opern (später auch die Oratorien) ein, die für ihn eine essentielle Wichtigkeit hatten, bedeuteten sie doch über viele Jahre seinen wichtigsten Broterwerb – und auch mehrfach seinen finanziellen Ruin. Flavio, Re de’ Langobardi, HWV 16 (zu Deutsch Flavio, König der Langobarden) ist eine Oper in drei Akten nach dem italienischsprachigen Libretto von Nicola Francesco Haym (1678-1729), die am 14. Mai 1723 im Londoner King’s Theatre uraufgeführt wurde. Die Oper konnte den Erfolg der zuvor gespielten Opern Floridante und Ottone nicht wiederholen, war aber auch kein völliger Misserfolg. Den Rest des Eintrages lesen »