Posts Tagged “Originalinstrumente”

Dass Mitteleuropa zu Zeiten des Barocks ein Zentrum für Musik, speziell für sakrale Musik war, ist wohl kein Geheimnis mehr. Dass unser Blick heute dabei stark auf Johann Sebastian Bach (1685-1750) fokussiert ist, mag viele gute und berechtigte Gründe haben, dass wir dabei aber oft andere originelle und hörenswerte Komponisten allzu leichtfertig übergehen ist ebenso unbestritten. Ein gutes Beispiel für solch einen immer noch unterschätzten Komponisten ist der aus Böhmen stammende, lange Zeit in Dresden wirkende Jan Dismas Zelenka (1679-1745). Dieser komponierte, laut Wikipedia, »höchst originelle und unkonventionelle Orchester- und Vokalwerke«, die auch außerhalb seiner Heimat denselben hohen Stellenwert genießen sollten, die ihnen gebühren.
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Antonio VivaldiAllein in den vergangenen sechs Wochen sind rund ein halbes Dutzend CDs mit den berühmten Violinkonzerten Le Quattro Stagioni von Antonio Vivaldi (1678-1741) neu und wiederveröffentlicht worden. Neben Mozarts Kleiner Nachtmusik, Bachs Toccata und Fuge in d-moll, BWV 565 natürlich und Beethovens Sinfonie No. 5 in c-moll gehören die vier Konzerte zu den populärsten Werken der gesamten Musikgeschichte und stehen sogar oft in CD-Sammlungen, in denen oft keine andere klassische Musik zu finden ist. Es ist müßig über den späten Erfolg der Konzerte zu spekulieren, also warum diese vier Violinkonzerte gerade heutzutage den Geschmack so vieler zu treffen scheinen. Tatsache ist, dass sie erst durch die Aufnahmen der Violinisten Bernardino Molinari (1942), Louis Kaufman (1948) und Felix Ayo (1955, 1959) im 20. Jahrhundert popularisiert wurden. Heute listet die World’s Encyclopedia of Recorded Music mehr als 1000 Veröffentlichungen der Vier Jahreszeiten in allen möglichen (und unmöglichen) Varianten auflistet.
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Denk man an die geistliche Musik des Barocks, so fallen einem vor allem die großen Messen, Vespern, Oratorien und Passionen ein, die die großen Barockmeister Claudio Monteverdi (1567–1643), Johann Sebastian Bach (1685–1750), Georg Friedrich Händel (1685–1759) und vielleicht noch Georg Philipp Telemann (1681–1767) komponiert haben. Doch die Realität sah in Europa vor allem im 17. Jahrhundert anders aus: Kleinere oder ländliche Kirchen hatten weder das Budget, noch die geeigneten Musiker, um die großformatigen Werke (wie eben das Marienvesper von Monteverdi) aufzuführen. So entstand eine beträchtliche Fülle von geistlicher Musik für kleine Gesangs- und Instrumentalensembles für den alltäglichen Gebrauch.
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Antonio VivaldiDer Venezianer Antonio Vivaldi (1678-1741) war Zeit seines Lebens einer der erfolgreichsten Komponisten Europas. Seine Werke waren in allen wichtigen europäischen Kulturzentren bekannt und erschienen europaweit im Druck. Anders als in der heutigen Wahrnehmung seiner Musik, die eng auf einige wenige Konzerte beschränkt ist – vornehmlich natürlich dem Violinkonzert-Zyklus der Vier Jahreszeiten – war Vivaldi zu Lebzeiten nicht nur für seine Violinkonzerte (und erst recht nicht nur für die Vier Jahreszeiten) bekannt, sondern war generell einer der wichtigsten Komponisten des barocken Solokonzerts, eben nicht nur der Violine, sondern auch für das Fagott, das Cello, die Oboe, die Flöte, ja sogar für die Mandoline. Vivaldi war außerdem ein erfolgreicher und produktiver Opernkomponist, der über 40 Opern schrieb und als Priester mit niederen Weihen auch ein fleißiger Autor sakraler Musik.
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Paul Badura-Skoda & Jörg Demus - Wolfang Amadeus Mozart (Gramola 2011)Wenn es zwei unumstrittene, altgediente Experten für die Klaviermusik v0n Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) gibt, dann sind es die beiden Wiener Pianisten-Legenden Paul Badura-Skoda (Jahrgang 1927) und Jörg Demus (Jahrgang 1928). Die beiden Musiker sind nicht nur eng befreundet, sondern haben auch Vieles gemeinsam: Als der Begriff ‘historisch-informiertes Spiel’ noch nicht erfunden war, setzten sie sich bereits für das Musizieren an Originalinstrumenten ein und gehören somit zu den frühesten Pionieren der historisch authentischen Aufführungspraxis. Beide gehören mit zahllosen Aufnahmen zu den meist aufgenommenen Pianisten des 20. Jahrhunderts, viele ihrer Aufnahmen haben bis heute Referenzcharakter. Beide Wiener sind ausgewiesene Experten für die Klaviermusik der Wiener Klassik und Romantik; beide trotzen mit erstaunlicher Vitalität und ungebrochener Virtuosität dem Alter und sind bis heute im Tonstudio und auf den Konzertbühnen äußerst aktiv.
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John BlowHand auf’s Herz: Wem fällt heutzutage noch viel zu John Blow (1649-1708) ein? Sicher, der langjährige Organist der Westminster Abbey war ein englischer Komponist des Barock in Zeiten der Restauration, aber über seinen wirklichen Stellenwert innerhalb der englischen Musik ist hierzulande nicht viel bekannt. Dabei war John Blow nicht nur der Lehrer und Mentor des ungleich berühmteren Henry Purcell (1659-1695), er hat auch sehr wahrscheinlich Purcells Meisterwerk, die Oper Dido und Aeneas mit seinem eigenen Magnum Opus maßgeblich beeinflusst, der (nominellen) Masque aus dem Jahre 1683 (vielleicht auch schon 1681) Venus and Adonis, die in Wirklichkeit mit ihrer komplett gesungenen Handlung nichts anderes ist, als eine Oper, wie sie Italienischsprachig Ende des 17. Jahrhunderts in Kontinental-Europa durchaus schon üblich war. John Blow gebührt also die Ehre die erste englische Oper verfasst zu haben, ein Genre, das bald nach seinem Tod (nicht zuletzt durch Georg Friedrich Händel (1685-1759)) in London große Erfolge feiern sollte.
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Fortepiano (Walter)Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verliebte sich regelrecht als junger Mann in den Klang eines (für ihn) neuen Instruments, in das Hammerklavier oder Fortepiano, wie  es heute international genannt wird. Dieses wurde zwar schon Ende des 17. Jahrhunderts vom toskanischen Instrumentenbauer Bartolomeo Cristofori (1655-1731) erfunden und später vor allem vom üblicherweise als Orgelbauer bekanntem Gottfried Silbermann (1683–1753) weiterentwickelt, doch es setzte sich erst Ende der 1770er/Anfang der 1780er Jahre als Alternative zum Cembalo mehr und mehr durch. Als Mozart 1781 endgültig seine Dienste an der Salzburger Hofkapelle quittierte und die Violine an den Nagel hing, war er längst dem neuen Instrument mit seinen nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten verfallen. Wolfgang Amadeus Mozart1782 erwarb er beim Wiener Klavierbauer Anton Walter (1752-1826) ein Instrument, das ihn fortan nicht nur beim Komponieren, sondern auch bei seinen Auftritten als Solist begleiten sollte. Vor allem zwischen 1782 und 1786 war das Klavierkonzert eine wichtige Ausdrucksform für Mozart. In diesen vier Jahren entstanden 16 seiner 27 Klavierkonzerte. Mozart hat das Klavierkonzert zwar nicht erfunden, durch seine Popularität und Kreativität verhalf er der Gattung allerdings zu einem neuen Stellenwert. Viele Klavierwerke der Wiener Klassik (sowohl von Mozart, als auch von Joseph Haydn (1732-1809) und Ludwig van Beethoven (1770-1827)) wurden aus verkaufstechnischen Gründen unter der Angabe “für Cembalo oder Hammerklavier” veröffentlicht, da bis ins 19. Jahrhundert das Cembalo in den Privathaushalten genutzt wurde (schon alleine, weil die Neuanschaffung eines Hammerklaviers kostspielig war).
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Als vor einigen Jahren (zunächst auf elf Einzel-CDs im Oktober 2006, dann als Box im April 2008) die Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte (und einiger weiterer Werke) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) der russischen Fortepiano-Spezialistin Viviana Sofronitsky mit der Musicae Antiquae Collegium Varsoviense unter der Leitung Tadeusz Karolak erschien, horchte die Musikwelt auf: Da tauchte »aus dem Nichts« die erste historisch-informierte Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Mozarts auf und dann waren diese dann auch noch ganz wunderbar anzuhören (und widersprachen damit dem Klischee der harschen Originalinstrumente-Aufnahmen). Nicht nur erwies sich Viviana Sofronitsky, Tochter des russischen Meisterpianisten Vladimir Sofronitsky (1901-1961), als exzellente Technikerin am Fortepiano und als eine sensible und intelligente Mozart-Interpretin, auch das Originalinstrumente-Ensemble aus Warschau und (last but not least) die sehr gute Aufnahmetechnik der Veröffentlichungen konnten überzeugen – und das alles ohne ganz große Namen und Plattenfirmen. Glücklicherweise wurden die Aufnahmen vor einigen Tagen vom niederländischen Label Etcetera preisgünstig wiederveröffentlicht, so dass man sie nun problemlos im Fachhandel und bei den Versendern äußerst preisgünstig beziehen kann.

Bevor ich in einigen Tagen die Box ausführlich an dieser Stelle bespreche, möchte ich heute an dieser Stelle schon einmal einen kleinen akustischen Vorgeschmack auf die sensationellen Aufnahmen bieten:

Wolfgang Amadeus Mozart – Concerto in D Dur, KV. 451 – Rondeau Allegro di Molto
Musicae Antiquae Collegium Varsoviense, Tadeusz Karolak
Fortepiano: Viviana Sofronitsky
► klicken zum abspielen | Datenquelle → hier

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Die 11-CD-Box Complete Fortepiano Concertos von Viviana Sofronitsky und der Musicae Antiquae Collegium Varsoviense unter der Leitung von Tadeusz Karolak ist am 18. März 2011 auf Etcetera (KTC 1424) veröffentlicht worden und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Quadriga Consort - Songs from the British IslesLetztes Jahr gehörte die CD »Songs from the British Isles« (erschienen beim Wiener Gramola-Label) zu den angenehmsten Überraschungen des Jahres (u.a. CD des Monats auf blog.codaex.de und CD der Woche beim Deutschlandradio Kultur): Die geschmackvolle und unverkrampfte Melange aus Alter Musik und Folk aus England, Schottland und Irland des österreichischen Quadriga Consort verzichtet bei den Songs auf bierselige Pub-Stimmung und poppige Modernismen ebenso wie auf allzu schulmusikalische Beschränkungen und Glättungen.

Gerade live wirken die Arrangements des Ensembles geschmackvoll und dennoch äußerst lebendig:

Am Donnerstag, den 24. März 2011 sendet der überregionale Kölner Radiosender Deutschlandfunk von 21:05 Uhr bis 22:50 Uhr die Aufnahme eines Konzerts des Quadriga Consort (und des österreichischen Alte-Musik-Ensemble Mikado) vom 11.9.10 aus dem Rathaus St. Veit/ Österreich. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit die ganz eigene Klangwelt der early music band kennenzulernen.

Radioprogramm DLF, 24. März 2011

Der Deutschlandfunk ist im gesamten deutschsprachigen Raum über UKW bzw. MW, über Kabel und Satellit zu empfangen. Näheres dazu hier. Außerdem sendet der Deutschlandfunk sein gesamtes Programm live über mehrere gute Live-Streams im Internet. Alle Streams findet man → hier.

Wer das Konzert nicht bei der Ausstrahlung anhören kann, kann das Konzert ganz leicht mit dem dradio-Recorder kostenlos (und natürlich legal) aufzeichnen. Das Programm und eine verständliche Anleitung findet man → hier.

Tipp: Passend zur Sendung möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal auf das aufschlussreiche → Interview mit Nikolaus Newerkla, dem musikalischen Leiter der Quadrigas, hinweisen.

Das Album Songs from the British Isles, gespielt vom österreichischen Quadriga Consort ist am 23. Juli auf Gramola (98876) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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J. S. Bach, BWV 1001 - Autograph von 1720Gespickt mit allerlei technischen Schwierigkeiten sind die »Sei Solo. a Violino senza Basso accompagnato« (so der italienischsprachige Originaltitel), besser bekannt als die sechs Sonaten und Partiten für Violine solo, BWV 1001 – 1006 von Johann Sebastian Bach (1685-1750) der Prüfstein für jeden Violinisten. Der Interpret muss das Kunststück fertig bringen, die Partituren technisch zu meistern und interpretatorisch zu überzeugen, wahrlich keine leichte Aufgabe bei diesem gigantischen Werk und die Aufgabe ist durch die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis gewiss nicht leichter geworden.

Aber schwierige Aufgaben fordern den Künstler heraus und so gibt es in der Geschichte der Musikaufnahmen kaum einen bedeutenden Violinisten, der sich nicht an den Sonaten und Partiten  (zumindest auszugsweise) versucht hätte: Adolf Busch (1929), Yehudi Menuhin (1934-38), George Enescu (1948-49), Jascha Heifetz (1952), Joseph Szigeti (1955-56), Gidon Kremer (1981), Thomas Zehetmair (1982, vielleicht meine liebste Aufnahme), Shlomo Mintz (1983), die junge Hilary Hahn (1997) und zuletzt Viktoria Mullova und Isabelle Faust (beide 2009). Interessanterweise haben aber auch einige große Namen die Sonaten und Partiten nicht eingespielt, obwohl sie ganz gewiss das technische Rüstzeug dazu gehabt hätten, die beiden prominentesten “Verweigerer” sind der russische Violinist David Oistrach (1908-1974) und die populäre deutsche Violinistin Anne-Sophie Mutter.
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