Posts Tagged “Neoklassizismus”

Mieczyslaw WeinbergBei den Bregenzer Festspielen 2010 wurden bedeutende Teile des Œuvres des polnisch-sowjetischen Komponisten Mieczysław Weinberg (1919-1996) in Spitzenbesetzung aufgeführt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand dabei die szenische Uraufführung seiner Oper Die Passagierin, über 40 Jahre nach deren Fertigstellung 1968.  Darüber hinaus wurden während der Festspiele zwanzig weitere Werke des in Warschau geborenen Komponisten aufgeführt, um die bemerkenswerte Bandbreite der Musik Weinbergs darzustellen.

Nun veröffentlicht die Münchener Plattenfirma Neos Music, ausgewiesene Spezialisten auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik, den ersten Teil an Mitschnitten dieser Konzerte, die auf fünf Alben den Auftakt der “Weinberg Edition” bilden: Vol. 1: Sinfonie No. 6, op. 79 · Sinfonietta No. 1, op. 41 | Vol. 2: Sinfonie No. 17 “Memory”, op. 137 | Vol. 3: Requiem, op. 96 | Vol. 4: Cellosonate No. 2, op. 63 · Klavierquintett | Vol. 5, op. 18: “Three Palms” für Streichquartett und Sopran, op. 120 · Streichtrio, op. 48 · Trompetenkonzert No. 1, op. 94; die DVD bzw. BluRay der Oper “Die Passagierin” wurde bereits im November 2010 veröffentlicht.
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James Ehnes · BBC Philharmonic, G. Noseda: Béla Bartók -Violin Concertos / Viola ConcertoFast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Erscheinen des überragenden und von der Kritik (und auch an dieser Stelle) hochgelobten Albums mit sämtlichen Klavierkonzerten von Béla Bartók (1881-1945), legt nun das BBC Philharmonic unter Gianandrea Noseda erneut ein Album mit Konzerten des wichtigsten ungarischen Komponisten des 20. Jahrhunderts vor. Gemeinsam mit dem kanadischen Violinisten (und Bratschisten!) James Ehnes haben sie die beiden Violinkonzerte und das Violakonzert Bartóks für Chandos aufgenommen. Damit sind die einzigen drei Konzerte zusammengefasst, die Bartók nicht für ‘sein’ Instrument, das Klavier schrieb: Sowohl Béla Bartók, als auch seine Ehefrau Ditta Pásztory-Bartók, verdienten ihr Geld hauptsächlich als Pianisten; vom Komponieren ließ sich keine gesicherte Existenz aufbauen.
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Grażyna BacewiczDie polnische Violinistin und Komponistin Grażyna Bacewicz (1909-1969) hatte das Pech, dass sie in einer Zeit lebte, in der der eiserne Vorhang quasi undurchdringlich war. Nur die wenigsten Komponisten des (sogenannten) Ostblocks konnten weltweit die gebührende Anerkennung erlangen. Das hatte beileibe nicht immer etwas mit der Qualität ihrer Werke zu tun. In der Nachrkriegsära, einer Zeit der Rückbesinnung auf traditionelle Rollenklischees (hüben wie drüben), waren sicher auch die Vorurteile komponierenden Frauen gegenüber noch deutlich tiefer in der Gesellschaft verwurzelt, als heute, so dass die überaus originelle und produktive Komponistin und Meisterin der Instrumentierung kaum über die Grenzen ihres Heimatlandes bekannt wurde.

Heute, über 40 Jahre nach ihrem Tod, entdeckt man in Grażyna Bacewicz einer der interessantesten und versiertesten Komponistinnen des 20. Jahrhunderts und einer der bedeutendsten Vertreter der modernen polnischen Musik, ein Urteil, das ihr Kollege Witold Lutosławski (1913-1994) schon vorwegnahm, als er ausdrücklich ihre kompositorischen Qualitäten lobte.
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Bei genauerer Betrachtung haben die politischen Verhältnisse immer Einfluss auf die Kunst und somit auch auf die Musik genommen. Sei es in Zeiten religiöser Dominanz, in Zeiten absolutistischer Herrscher, in Zeiten bürgerlicher Revolten: Jedes Mal hat die Musik auf die äußeren Umstände reagiert, mal freiwillig, dem Zeitgeist folgend, mal eher unfreiwillig. Besonders bewusst wird uns heute die politische Einflussnahme auf die Musik an der osteuropäischen Musik des 20. Jahrhunderts. Der Stalinismus gängelte ganze Generationen von Komponisten unter das Diktat des sozialistischen Realismus und verdammte jede Abweichung als westlichen Formalismus, einer leeren Worthülle, hinter der sich nichts anderes verbarg, als alles, was den Funktionären des Kulturapparates gerade nicht gefiel. Komponisten wie Dmitri Shostakovich und Sergei Prokofiev litten ihr ganzes Leben unter solchen Drangsalierungen und versuchten einen schwierigen Balanceakt zwischen Anpassung und verborgener Rebellion.
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Bohuslav Martinů - Foto (cc) Bohuslav Martinů Zentrum in PoličkaBohuslav Martinů (1890-1959), einer der wichtigsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, war in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Mann. Nicht nur, dass er ein umfangreiches, interessantes und hochklassiges Œuvre mit sechs Sinfonien, zahlreichen Konzerten (darunter fünf Klavierkonzerten, zwei Violinkonzerten, zwei Cellokonzerten sowie zahlreiche Doppelkonzerten, Concerti grossi, Concertini usw.), dreizehn Ballettmusiken, sechzehn Opern, zahlreichen Chorwerke, Lieder, Klavierwerke, sowie ein großes, breit gefächertes Kammermusik-Werk geschaffen hat, sein gesamter Lebenslauf ist ungewöhnlich.

Auf dem Kirchturm (!) von Polička in Ostböhmen als Sohn eines Schuhmachers und Türmers geboren, wuchs Martinů in ärmlichen Verhältnissen auf. Seinen ersten Violinunterricht erhielt er beim Schneider des Dorfes; aufgrund seiner bemerkenswerten Talentes finanzierten ihm die Dorfbewohner sein Studium am Prager Konservatorium, wo er zunächst Violine, später auch noch Orgel und Komposition studierte. 1910 wurde er wegen mangelnder Disziplin vom Unterricht ausgeschlossen, trotzdem konnte er 1912 sein Diplom als Violinlehrer machen. Danach verdiente er sein Geld als Musiklehrer und als Violinist bei der Tschechischen Philharmonie. Erst 1922 nahm er wieder Kompositionsunterricht (wie schon zuvor am Konservatorium bei Josef Suk (1874-1935)), zog dann aber 1923 nach Paris, wo er bis 1940 lebte und arbeitete und seine Studien bei Albert Roussel (1869-1937) abschloss. Dann flüchtete er vor den Nazis in die USA, wo er buchstäblich bei Null beginnen musste. Er kehrte in den 1950er Jahren nach Europa, allerdings nie mehr in seine Heimat zurück.
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Mieczyslaw WeinbergMittlerweile ist es längst kein Geheimnis mehr, dass man den zu Lebzeiten im Westen kaum wahrgenommenen Mieczysław Weinberg (1919-1996) zu den bedeutendsten Komponisten der Sowjetzeit zählen muss. Auch in seiner Wahlheimat, der Sowjetunion – Weinberg wurde in Warschau geboren und flüchtete beim Einmarsch der deutschen Truppen zunächst nach Weißrussland und zog zog dann, auf Einladung seines väterlichen Freundes und Mentors Dmitri Shostakovich (1906-1975) nach Moskau, wo er Zeit seines Lebens bleiben sollte – war Weinberg vor allem als Pianist und als Komponist von Film- und Bühnenmusiken bekannt. Zahlreiche seiner Werke wurden nur im kleinen Rahmen aufgeführt (wenn überhaupt) und erst relativ spät aufgenommen. Sein Magnum Opus, die Oper Die Passagierin wurde erstmals 2006 konzertant in Moskau uraufgeführt und erlebte erst 2010, 42 Jahre nach der Fertigstellung, seine Weltpremiere auf der Bühne der Bregenzer Festspiele.
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Katherine BryanKatherine Bryan ist ein Name, den man hierzulande (noch) nicht kennt, den man sich aber unbedingt merken sollte: Die junge englische Flötistin gewann 1997, sie war gerade erst 15 Jahre alt, den in Großbritannien sehr renommierten Audi Young Musician-Wettbewerb – als einziger Künstler jemals mit einem Blasinstrument und nahm in Folge noch an zahlreichen anderen Wettbewerben erfolgreich teil. Seit 2003, sie war gerade erst 21, ist sie erste Flötistin des ehrwürdigen Royal Scottish National Orchestra.
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Jean-Efflam Bavouzet; © Guy Vivien; Quelle: harrisonparrott.comDer französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet ist wirklich ein musikalisches Chamäleon: Zuerst begeistert er die Fachwelt mit der Gesamteinspielung der Klaviermusik von Claude Debussy (1862-1918), dann überrascht und überzeugt er mit dem ersten Volumen einer groß angelegte Gesamteinspielung der Klaviermusik von Joseph Haydn (1732-1809) (s. → Rezension auf blog.codaex.de)., nun legt er mit dem BBC Philharmonic unter Gianandrea Noseda – quasi im Vorbeigehen – eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Béla Bartók (1881-1945) vor. Und das Ergebnis ist alles andere als beiläufig oder nebensächlich geworden. Drei höchst unterschiedliche Komponisten, die augenscheinlich mehr trennt, als vereint, aus drei verschiedenen Epochen und dreimal überzeugt Bavouzet durch seine Wandelbarkeit, seine Anpassungsfähigkeit und sein Verständnis für die Musik, die er spielt.
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Gothenburg SO - M. Weinberg - Symphonies Nos. 1 and 7Das große US-amerikanische öffentliche Radio-Netzwerk National Public Radio (NPR) hat die auf Chandos erschienene Einspielung der Sinfonien Nos. 1 und 7 von Mieczysław Weinberg (1919-1996) des Gothenburg Symphony Orchestra unter Thord Svedlund (s. → Besprechung auf blog.codaex.de), in seine Halbjahres-Bestenliste aufgenommen.

Der Redakteur Tom Huizenga stellt heraus:

»Man muss schon so etwas wie ein Klassik-Nerd sein, um etwas über Weinberg zu wissen, aber es lohnt sich, ihn zu entdecken. Obwohl er von seinen Zeitgenossen – also den größten Namen der sowjetischen Musik Shostakovich, Prokofiev und Khachaturinan – überschattet wurde, schrieb Weinberg faszinierende und fesselnde Musik (…).«

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Gothenburg SO - M. Weinberg - Symphonies Nos. 1 and 7Zeitgleich mit meiner → Besprechung der soeben erschienenen Einspielungen der Sinfonien Nos. 1 und 7 von Mieczysław Weinberg (1919-1996) des Gothenburg Symphony Orchestra unter Thord Svedlund, ist auf den Seiten des bayrischen Kultursenders BR Klassik ebenfalls eine aufschlussreiche Besprechung des Albums mit einer Einführung über Weinbergs Leben und Rezeption in Westeuropa erschienen. Ähnlich wie ich in meinem Beitrag, plädiert der BR Klassik-Redakteur Oswald Beaujean für eine Wiederentdeckung des polnisch-russischen Komponisten. Er schreibt:

»Tatsächlich, darauf deutet alles hin, was greifbar ist, hat es dieser Komponist verdient, wieder entdeckt zu werden.«

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