Die Tonart-Redaktion des westdeutschen Kultursenders WDR 3 sah vor kurzem die chinesische Pianistin Sa Chen, immerhin Preisträgerin der 12. Van Cliburn International Piano Competition 2005), als durchaus ernsthafte Konkurrentin für Stephen Houghs exzellente Grieg-Einspielung (nachzuhören im Podcast zur Sendung auf → dieser Seite).
Nun, zum Monatsende, können sich auch die blog.codaex.de-Leser von ihrer außerordentlichen Virtuosität und von ihren überdurchschnittlichen interpretatorischen Qualitäten überzeugen, zum einen in diesem halbstündigen Film, der die Aufnahmen zu ihrem aktuellen Grieg/Rachmaninov-Album dokumentiert:
oder, zum anderen, mit diesem separaten Video (ein Ausschnitt des langen Films oben) des 2. Satzes des Klavierkonzerts in a-Moll, op. 16 von Edvard Grieg:
Die SACD Sergei Rachmaninov / Edvard Grieg – Piano Concertos von Sa Chen mit dem Gulbenkian Orchestra unter der Leitung von Lawrence Foster ist am 18. November 2011 auf Pentatone (CDA67824) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Für das Debüt des deutschen Cello-Nachwuchsstars Benedict Klöckner (Jahrgang 1989; 2010 1. Preisträger des New Talent Wettbewerbs der EBU) hat sich das Leipziger Label Genuin für ein interessantes Experiment eingelassen: Ausgewählte wurde das bekannte Cellokonzert in a-Moll, op. 129 von Robert Schumann (1810-1856), jedoch in zwei völlig neuen Besetzungsvariationen: Zum einen in einer Fassung für Cello und Streichorchester, zum anderen in einer Fassung für Cello Quartett. Letzteres wurde von den vier Cellisten Benedict Klöckner und Leander Kippenberg, Lukas Sieber sowie Michael Preuß eingespielt, die Streicherfassung entstand abermals mit Benedict Klöckner als Solisten und der Deutschen Streichephilharmonie unter Michael Sanderling. Dieses “Spitzen-Nachwuchsstar musiziert mit Spitzen-Nachwuchsorchester”-Konzept fand in der Rubrik »Take 5« beim mitteldeutschen Kultursender mdr Figaro lobende Erwähnung. Den Rest des Eintrages lesen »
Die Romantik war zweifelsohne die Epoche des Klavierkonzerts. Zwar gab es schon im Barock und in der Klassik zahlreiche Klavier- (bzw. Cembalo-) Konzerte, doch zu keiner anderen Zeit blühte das Genre so sehr auf, wie in der Romantik. Dafür mag es viele Gründe geben: Die fortschreitende technische Verbesserung des Klaviers und der Bau großer Konzerthallen, die Verbürgerlichung der Gesellschaft und die Verstädterung der europäischen Kulturnationen, die das Aufkommen einer internationalen Konzertkultur begünstigte, das daraus resultierende Virtuosentum, das eine Vielzahl an “Stars” hervorbrachte und – last but noch least – das Wesen des Klavierkonzerts selbst, das in seiner Anlage der romantischen Musik entgegenkommt, wo ein facettenreiches Soloinstrument im Dialog (oder manchmal im Disput) mit dem Orchester steht. Das Klavier teilte sich die Aufmerksamkeit des Publikums mit relativ wenigen anderen Solo-Instrumenten, allen voran der Violine. Einige andere Solo-Instrumente, etwa das Cello, die Viola oder die Gitarre, erlangten bei einzelnen Komponisten oder in einzelnen Ländern eine gewisse Bedeutung, gegen die Übermacht des Klaviers in der Romantik konnte kein Instrument bestehen. Den Rest des Eintrages lesen »
Über die Persönlichkeit des sowjetischen Komponisten Dmitri Shostakovich (1906-1975) ist von der Musikwissenschaft in den letzten Jahrzehnten viel spekuliert worden. Anstoß dieser regelrechten Psychologisierung der Musik Shostakovichs war wohl das Buch des russisch-amerikanischen Musikwissenschaftlers Solomon Volkov Zeugenaussage (besser bekannt unter dem englischen Titel Testimony, 1979), der vermeintlichen Autobiografie Shostakovichs. Auch wenn es heute starke Zweifel an der Authentizität der angeblichen Aussagen Shostakovichs gibt (Volkov stilisiert Dmitri Dmitriyevich als anti-sowjetische, regimekritische Persönlichkeit, deren Werke fast ausschließlich als verbissene Kritik am Stalinismus zu interpretieren sind), war das Buch der Anlass für eine Neubewertung der Musik Shostakovichs im Ausland, der im Westen zuvor als regimetreuer Muster-Komponist des Ostblocks galt. Wahrheit oder Fiktion: Volkovs Buch lehrte einen neue, genauere Analyse des Œuvre Shostakovichs und ermöglichte den Blick auf das Matrjoschka-Prinzip in dessen Musik, bei dem die eigentliche Botschaft hinter einer vordergründigen Hülle verborgen bleibt. Erst jetzt wurde man Shostakovichs seelischer Zerrissenheit im Spiegel seiner Musik gewahr. Den Rest des Eintrages lesen »
An Max Reger (1873-1916) scheiden sich seit jeher die Geister. 1923 schrieb der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) in seinem Buch „Geist der Utopie“:
»Reger, ein leeres, gefährliches Können und eine Lüge dazu. (…) Er ist nichts, er hat nichts als eine Fingerfertigkeit höherer Ordnung, und das Empörende daran bleibt, dass er doch nicht nur nichts ist, ein Quell der beständigen, fruchtlosen Irritierung.«
Sein Komponistenkollege Arnold Schönberg(1874-1951) dagegen konstatierte:
»Reger muss meines Erachtens viel gebracht werden: 1. weil er viel geschrieben hat. 2. weil er schon tot ist und man immer noch nicht Klarheit über ihn besitzt. (Ich halte ihn für ein Genie).«
Max Reger (Max Beckmann, 1917)
Und Paul Hindemith (1895-1963), einer seiner bedeutendsten Schüler, sagte lapidar:
Offenbar findet nicht nur unser Gast-Rezensent Nils-Christian Engel, dass Johann Friedrich Fasch »das prägnante Beispiel eines Künstlers [sei], den die Geschichte – nach reichlich Unbill im Leben – um seinen angemessenen Ruhm betrogen hat«, auch bei den Musikkritikern in den deutschen Kulturradios ist man nun zur Überzeugung gekommen, dass dem zu Lebzeiten als Hofkapellmeister in Zerbst wirkenden Komponisten mehr Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen sollte und verfolgt nun (endlich!) mit viel Interesse die Neueinspielungen seiner Werke. Die Redakteure des mitteldeutschen Kultursenders mdr Figaro haben nun das bei Chandos erschienene Album Johann Friedrich Fasch – Orchestral Works Vol. 2 des amerikanischen Barock-Ensembles Tempesta di Mare zur dieswöchigen »CD der Woche« gekürt. Den Rest des Eintrages lesen »
Viele Jahre lang standen sie im Schatten der kontinentaleuropäischen Tonkunst, wurden (von Adorno und seinen Adepten) verachtet, bestenfalls belächelt und nie wirklich ernst genommen: Die Komponisten und ihre Werke aus dem vereinigten Königreich hatten einen schweren Stand, waren isoliert – und machten aus dieser Not eine Tugend, indem sie ihre Insel-Existenz in eine sprichwörtliche „Splendid Isolation“ ummünzten. Genau diese Abgeschlossenheit und die mit ihr einhergehende Unangreifbarkeit (z.B. gegenüber Dogmen der zentraleuropäischen Avantgarde) werden von vielen Menschen zunehmend als ästhetischer Mehrwert wahrgenommen und goutiert. Und so kann man Douglas Boyd, dem britischen Chefdirigenten des Musikkollegium Winterthur, nur beipflichten, wenn er im Interview mit der Schweizer Zeitschrift „Musik & Theater“ (Ausgabe Dezember 2011, Seite 23) sagt: »Heute erlebt britische Musik ihre wohl aufregendsten Zeiten.« Den Rest des Eintrages lesen »
Johann Friedrich Fasch (1688-1758) ist das prägnante Beispiel eines Künstlers, den die Geschichte – nach reichlich Unbill im Leben – um seinen angemessenen Ruhm betrogen hat. Weit mehr als 200 Jahre hat es gedauert, bis man ihn wenigstens in seiner mitteldeutschen Heimat wieder zu würdigen begann; und dass er inzwischen als nicht ganz unbedeutender Komponist der „Bach-Zeit“ gilt, kann man schon als Erfolg verbuchen. Nun legt das amerikanische Barock-Ensemble „Tempesta di Mare“ bei Chandos eine zweite CD mit Orchesterwerken des einstigen Hofkapellmeisters von Anhalt-Zerbst vor, nach einer ersten Veröffentlichung 2008, dem 250. Todesjahr Faschs. Erneut kommt hochinteressante, stimmungsreiche Musik zu Gehör, die starke Argumente für eine Umbenennung der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts liefert. Warum sollte man, cum grano salis, nicht auch einmal von Bach als einem bedeutenden Organisten der „Fasch-Zeit“ sprechen?
Die 55. Ausgabe der Hyperion-Reihe The Romantic Piano Concerto kommt offenbar nicht nur bei unserem Gast-Rezensenten Burkhard Schäfer gut an (s. seine Besprechung von gestern), auch die Kritikerkollegen der Kulturradios zeigen sich überrascht und erfreut über diese erneute Schatzhebung in der monumentalen Reihe mit Klavierkonzert-Raritäten aus der Romantik. Die beiden Klavierkonzerte und die Fantaisie für Klavier und Orchester von Charles-Marie Widor (1844–1934). eingespielt vom BBC National Orchestra of Wales (BBCNOW) unter Thierry Fischer mit Markus Becker als Solisten, waren nun fast zeitgleich der Gegenstand der Betrachtung bei zwei großen deutschen Kultursendern, dem norddeutschen NDR Kultur und dem westdeutschen WDR 3. Beiden gemein ist eine äußerst positive Bewertung von der vorgestellten Musik und den ausführenden Musikern.
Unser Gast-Rezensent Dr. Burkhard Schäfer studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Tübingen und Wien. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er das Redaktionsbüro Schäfer. Spezialisiert auf den Bereich Kulturjournalismus (mit Schwerpunkt in der Klassik) hat Schäfer zahlreiche Interviews mit berühmten Vertretern der Musikszene geführt, beispielsweise mit Dietrich Fischer-Dieskau, Martha Argerich, Hans Werner Henze und Sofia Gubaidulina. Als freier Journalist schreibt er für Tageszeitungen, Fachmedien und Online-Portale wie Zeit-Online, Südwest Presse (SWP), die „neue musikzeitung“ (nmz) und das „Ensemble-Magazin für Kammermusik“. Am 18. Juni 2011 war er Studiogast von Ines Pasz in der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik extra“.
Burkhard Schäfer lebt mit seiner Familie in Ulm und betreibt für das Redaktionsbüro Schäfer den Twitter-Account „Kammermusik“.
Ohne Übertreibung darf man sagen, dass die vom britischen Label Hyperion Records vor ziemlich genau 20 Jahren ins Leben gerufene Serie „The Romantic Piano Concerto“ sich längst zu der wohl wichtigsten CD-Reihe ihrer Art gemausert hat. Was am 6. November 1991, dem Erscheinungstag von Volume 1 [→ bei amazon.de | → bei jpc.de], mit den Klavierkonzerten von Paderewski und Moszkowski begann, erreicht mit den beiden schönen Klavierkonzerten von Charles-Marie Widor (1844–1934) und seiner nicht minder berührenden „Fantaisie“ für Klavier und Orchester jetzt die stolze „Hausnummer“ 55 – und ein Ende der Reihe ist, so hat es den Anschein und so ist auch nur zu hoffen, immer noch nicht abzusehen. Den Rest des Eintrages lesen »