Posts Tagged “Impressionismus”

Paris am Ende des 19. Jahrhundert war zumindest für viele das künstlerische Epizentrum der Welt. Kaum eine andere Stadt hatte eine größere Anziehungskraft auf Künstler, in keiner anderen Stadt trafen Komponisten, Musiker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller, Tänzer und Bohemiens aus der halben Welt so selbstverständlich aufeinander, wie in Paris. Maurice RavelWährend sich in den anderen europäischen Zentren wie Wien, Leipzig und London ein bestimmter Status Quo auf hohem Niveau etablierte, wirkte der Schmelztiegel Paris wie ein großer Katalysator auf die Kunst und war das Zentrum quasi aller Strömungen und Gegen-Strömungen. Hier entwickelte man neue Ideen (und verwarf sie), hier wurde experimentiert, hier gab es Skandale en masse, heftige Diskussionen und mutige Experimente; erst der zweite Weltkrieg sollte eine Zäsur bringen und die Kunst nachhaltig verändern.

Die Lebendigkeit der Pariser Szene wirkte selbstverständlich auch auf die heimischen Komponisten: Sie rückten international immer öfter in den Vordergrund. Waren zeitgenössische französische Komponisten zuvor hauptsächlich als Opern- und Ballettkomponisten in Erscheinung getreten, so rückte nun verstärkt die französische Orchester- und Kammermusik in den Vordergrund. In der Pariser Hoch-Zeit feierten Komponisten wie Camille Saint-Saëns (1835-1921) und Gabriel Fauré (1845-1924), vor allem aber Claude Debussy (1862-1918) und Maurice Ravel (1875-1937) weltweite Erfolge und waren gleichzeitig wichtige Innovatoren der Musik.
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Alina Ibragimova & Cédric Tiberghien: Maurice Ravel - Complete Music for Violin & PianoDie russisch-englische Violinistin Alina Ibragimova gehört für mich zu den Aufsteigern des Jahres. Nicht nur, dass sie gemeinsam mit ihrem kongenialen Partner Cédric Tiberghien am Klavier mit Bravour den Zyklus der Beethoven’schen Violinsonaten vor einigen Monaten abgeschlossen hat (s. Besprechung) und damit auf auch live auf jeder Ebene überzeugen konnte, auch ihre neueste CD mit Musik für Violine und Klavier von Maurice Ravel (1775-1937) und dem relativ unbekannten Belgier Guillaume Lekeu (1870-1894) gehört zu den absoluten Highlights der diesjährigen Kammermusik-CDs (eine ausführliche Besprechung des Albums folgt morgen an dieser Stelle). Nun wurde dieses neue Album als CD-Tipp beim süddeutschen Kultursender BR-Klassik von der Redakteurin Meret Forster vorgestellt.
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Erik SatieMan kann vieles über Erik Satie (1866-1925) schreiben: Er wird immer wieder als Wegbereiter des Impressionismus, der Minimal Music, der Atonalität, der seriellen Musik und der Musique concrète genannt, doch letzten Endes spiegelt jedes Etikett, das man der Musik Saties anheftet, nur eine Facette seines Œuvres wider und lässt sich mit mindestens ebenso vielen Beispielen entkräften. Andererseits: Vielleicht es genau dieser Nonkonformismus, der die Musik Saties heute noch so ungemein spannend und modern erscheinen lässt. Satie ist, auch fast 100 Jahre nach seinem Tod, immer noch ein über weite Strecken rätselhafter Komponist, der keine direkten Nachahmer, keine direkten Schüler hatte, wohl aber einer Vielzahl von einflussreichen Komponisten des 20. Jahrhunderts (allen voran John Cage (1912-1992)) als Inspirationsquelle und Vorbild diente. Teile seiner Musik sind heute geradezu trivialisiert (man denke nur an die in der Werbung oft verwendeten Themen der Gymnopédies und Gnossiennes), andere Teile bleiben weitgehend unbeachtet.
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Mel BonisWer war Mel Bonis? Mélanie Bonis (1858-1937) war eine französische Komponistin, die unter dem geschlechtsneutralem Pseudonym Mel Bonis Werke veröffentlichte und deren Œuvre erst in den letzten Jahren (wieder-)entdeckt wurde und deren Vita wie aus einer Hollywood-Tragödie entnommen scheint.

Mélanie Bonis wurde in eine typische Pariser Kleinbürgerfamilie hineingeboren, die von ihrem musikalischen Talent und ihren Ambitionen nichts wissen wollte. Nur widerstrebend und nach eindringlicher Fürsprache von César Franck (1822-1890) studierte sie von 1876 bis 1881 am Pariser Konservatorium, wo zu jener Zeit auch Gabriel Pierné (1863-1937) und Claude Debussy (1862-1918) die Kurse besuchten. Der Konflikt mit ihrer Familie, die sie zu einer bürgerlichen Existenz (und das hieß im Falle einer Frau: Möglichst gut heiraten und Kinder bekommen) drängte, staute sich langsam im Verlauf der Jahre weiter auf. Als die junge Mélanie eine Ehe mit einem Studienkollegen, dem Sänger Amédée Hettich, anstrebt, unterbanden die Eltern die unschickliche (und unrentable) Liebschaft, in dem man sie kurzerhand vom Konservatorium nimmt und sie 1883 zu einer Ehe mit dem zweifach verwitweten und 22 Jahre älteren Industriellen Albert Domange drängt. Fortan zieht sie seine fünf in die Ehe mitgebrachten Kinder groß und brimgt drei eigene Kinder zur Welt. An das Komponieren ist in dieser Zeit nicht zu denken.
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J.-E.-Bavouzet · BBCSO, Y. P. Tortelier: Ravel Debussy MassenetDer französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet ist einer der fleißigsten Pianisten des abgelaufenen Jahres gewesen: Drei höchst unterschiedliche, sehr gelungene Alben erschienen 2010 bei Chandos mit seiner maßgeblichen Beteiligung: Im März der erste Teil seines langfristigen Aufnahmeprojekts sämtlicher Klaviersonaten von Joseph Haydn (s. Besprechung → hier); im September folgte dann seine Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Béla Bartóks (s. Besprechung → hier) und vor einigen Wochen im November die nun vorliegende SACD mit Werken für Klavier und Orchester von Claude Debussy (1862-1918) und Maurice Ravel (1875-1937), ergänzt durch einige Klavier-Solowerke von Jules Massenet (1842-1912). Mit ihm musiziert das BBC Symphony Orchestra (das moderner ausgerichtete Orchester des britischen Rundfunks) unter der Leitung von Yan Pascal Tortelier: Es war ein Debüt für die beiden Franzosen, die zuvor noch nie miteinander zusammengearbeitet hatten und eine glückliche Fügung des Schicksals bin ich fast versucht zu schreiben (letzten Endes wohl aber eher eine gelungene Idee der Plattenfirma), denn was Bavouzet und Tortelier und der exzellente englische Klangkörper zu Gehör bringen ist wirklich bemerkenswert.
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M. Overlach: Noël de France - Französische Musik zu Weihnachten

»Weihnachtliche Musik war früher ausschließlich liturgisch verwurzelt. Daher assoziieren noch heute viele Hörer mit ihr vor allem vokale Besetzungen, die gegebenenfalls durch die Orgel oder andere Instrumente begleitet werden. Dass darüber hinaus konzertante Kammermusikkompositionen zur Weihnachtszeit existieren, tritt eher in den Hintergrund. Die vorliegende Einspielung enthält solche weihnachtsbezogenen, kammermusikalischen Juwelen, die sämtlich aus dem 20. Jahrhundert stammen.«

So eröffnen die lesenswerten Liner Notes von Dr. Vitus Froesch zu vorliegendem Album »Noël de France – Französische Musik zu Weihnachten«, das vor einigen Tagen erst beim Thüringer Label Querstand erschienen ist und diese erste Zeilen umfassen ziemlich präzise das, was den Hörer auf diesem Album erwartet: andere, unbekannte Weihnachtsmusik, jenseits der Renaissance- und Barock-Tradition.
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Katherine BryanKatherine Bryan ist ein Name, den man hierzulande (noch) nicht kennt, den man sich aber unbedingt merken sollte: Die junge englische Flötistin gewann 1997, sie war gerade erst 15 Jahre alt, den in Großbritannien sehr renommierten Audi Young Musician-Wettbewerb – als einziger Künstler jemals mit einem Blasinstrument und nahm in Folge noch an zahlreichen anderen Wettbewerben erfolgreich teil. Seit 2003, sie war gerade erst 21, ist sie erste Flötistin des ehrwürdigen Royal Scottish National Orchestra.
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Als die beiden Schwestern Katia und Marielle Labèque Anfang der 1980er mit Bearbeotungen für Piano-Duo der Musik von George Gershwin (1898-1937) auf Schallplatte, wenig später auch auf CD (für das niederländische Philips-Label) debütierten – es sollte eine der allerersten CDs überhaupt sein, die veröffentlicht wurden – war alles an dieser Veröffentlichung ungewöhnlich: Zwei bildhübsche Schwestern aus Frankreich mit offensichtlich ganz unterschiedlichem Temperamenten spielten Musik eines US-Amerikaners, dessen Musik in Klassik-Kreisen kaum als ‘ernsthafte Musik’ angesehen wurde. Mit dieser Aufnahme wurde der Grundstein für die ungewöhnliche Weltkarriere der beiden Schwestern gelegt, die bis heute andauert. Sie waren schon damals Grenzgängerinnen zwischen den Genres, die zu herausragenden Leistungen sowohl in der populären Musik, als auch in der klassischen Musik fähig sind.
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Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen (oder für zwei Klaviere) hatten bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine eminente Bedeutung bei der Popularisierung von (neuer) klassischer Musik. Zwar verbreitete sich das Grammophon zunehmend und immer mehr Werke waren als Schallplatte erhältlich, doch waren die frühen Schallplatten zeitlich sehr begrenzt, die Aufnahmetechnik steckte noch in den Kinderschuhen (von einem natürlichen Klangbild konnte noch lange nicht die Rede sein) und die Auswahl der Aufnahmen beschränkte sich auf populäre Massenware. Neue Werke wurden selten aufgenommen. Piano Duo Trenkner-Speidel - Ravel - Honegger - Rimsky-KorsakovSie waren dem Konzertsaal oder der privaten Aufführung im bürgerlichen Ambiente vorbehalten. Darüber hinaus hatte das gemeinsame Musizieren und hier insbesondere das gemeinsame Musizieren am Klavier eine eigene soziale Rolle: Nahezu puritanisch anmutende Gesellschaftskonventionen machten es Männern und Frauen nicht leicht, sich (buchstäblich) näher zu kommen. Das gemeinsame Musizieren war auch ein willkommener Anlass, um sonst nicht schickliche räumliche Nähe zwischen den Geschlechtern zuzulassen.

Es war üblich von größeren symphonischen Werken Fassungen für Klavier, für Klavier-Duo und/oder für Klavier zu vier Händen anzufertigen. Das brachte den Komponisten eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle und half bei der Verbreitung der neuen Werke, brachte sie auch ohne Orchester einem breiteren Publikum zu Gehör. Oft genug fertigen die Schüler oder Assistenten der Komponisten diese Arrangements an, in nicht seltenen Fällen arbeiteten die Komponisten selbst diese Bearbeitungen aus, die oft genug mit den Fassungen Dritter (zurecht!) nicht einverstanden waren. Auf der vorliegenden CD des Duos Trenkner/Speidel (mit den Pianistinnen Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel) finden sich drei Werke, die von ihren Komponisten selbst für Klavier zu vier Händen arrangiert wurden: Die Reduktion für Klavier zu vier Händen der symphonischen Suite Scheherazade, op 35 (aus dem Jahre 1899) von Nikolai Rimsky-Korsakov (1844-1908); die Reduktion des symphonischen Satzes Pacific 231 (1924) von Arthur Honegger (1892-1955) und der Boléro von Maurice Ravel (1875-1937) in der Transkription für Klavier zu vier Händen (1929, ein Jahr später fertigte Ravel noch eine weitere Bearbeitung für zwei Klaviere an).
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Gabriel FauréMan könnte meinen, 2010 sei in Großbritannien ein Jubiläumsjahr des französischen Komponisten Gabriel Fauré (1845-1924), so sorgfältig eingespielt (und getimt) sind die Neuerscheinungen mit seiner Musik. Doch so sehr man auch an den Zahlen herumdrehen mag (auch wenn man bedenkt, dass die Uhren im Vereinigten Königreich anders ticken): Es ist wohl eher Zufall, dass nur einen Monat nach der überragenden Neueinspielung seiner Klavierquintette durch das Schubert Ensemble nun eine ebenfalls exzellente Neuveröffentlichung mit seinen Klavierquartetten (wieder) bei Chandos erschienen ist. Dieses Mal zeichnen sich die einfühlsame Pianistin und Fauré-Expertin Kathryn Stott und das Hermitage Stringtrio (ein Streichtrio, dass aus russischen Musikern besteht, deren Lebensmittelpunkt in Großbritannien liegt) dafür verantwortlich.

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