Posts Tagged “Impressionismus”

J.-E.-Bavouzet · BBCSO, Y. P. Tortelier: Ravel Debussy MassenetDer französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet ist einer der fleißigsten Pianisten des abgelaufenen Jahres gewesen: Drei höchst unterschiedliche, sehr gelungene Alben erschienen 2010 bei Chandos mit seiner maßgeblichen Beteiligung: Im März der erste Teil seines langfristigen Aufnahmeprojekts sämtlicher Klaviersonaten von Joseph Haydn (s. Besprechung → hier); im September folgte dann seine Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Béla Bartóks (s. Besprechung → hier) und vor einigen Wochen im November die nun vorliegende SACD mit Werken für Klavier und Orchester von Claude Debussy (1862-1918) und Maurice Ravel (1875-1937), ergänzt durch einige Klavier-Solowerke von Jules Massenet (1842-1912). Mit ihm musiziert das BBC Symphony Orchestra (das moderner ausgerichtete Orchester des britischen Rundfunks) unter der Leitung von Yan Pascal Tortelier: Es war ein Debüt für die beiden Franzosen, die zuvor noch nie miteinander zusammengearbeitet hatten und eine glückliche Fügung des Schicksals bin ich fast versucht zu schreiben (letzten Endes wohl aber eher eine gelungene Idee der Plattenfirma), denn was Bavouzet und Tortelier und der exzellente englische Klangkörper zu Gehör bringen ist wirklich bemerkenswert.
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M. Overlach: Noël de France - Französische Musik zu Weihnachten

»Weihnachtliche Musik war früher ausschließlich liturgisch verwurzelt. Daher assoziieren noch heute viele Hörer mit ihr vor allem vokale Besetzungen, die gegebenenfalls durch die Orgel oder andere Instrumente begleitet werden. Dass darüber hinaus konzertante Kammermusikkompositionen zur Weihnachtszeit existieren, tritt eher in den Hintergrund. Die vorliegende Einspielung enthält solche weihnachtsbezogenen, kammermusikalischen Juwelen, die sämtlich aus dem 20. Jahrhundert stammen.«

So eröffnen die lesenswerten Liner Notes von Dr. Vitus Froesch zu vorliegendem Album »Noël de France – Französische Musik zu Weihnachten«, das vor einigen Tagen erst beim Thüringer Label Querstand erschienen ist und diese erste Zeilen umfassen ziemlich präzise das, was den Hörer auf diesem Album erwartet: andere, unbekannte Weihnachtsmusik, jenseits der Renaissance- und Barock-Tradition.
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Katherine BryanKatherine Bryan ist ein Name, den man hierzulande (noch) nicht kennt, den man sich aber unbedingt merken sollte: Die junge englische Flötistin gewann 1997, sie war gerade erst 15 Jahre alt, den in Großbritannien sehr renommierten Audi Young Musician-Wettbewerb – als einziger Künstler jemals mit einem Blasinstrument und nahm in Folge noch an zahlreichen anderen Wettbewerben erfolgreich teil. Seit 2003, sie war gerade erst 21, ist sie erste Flötistin des ehrwürdigen Royal Scottish National Orchestra.
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Als die beiden Schwestern Katia und Marielle Labèque Anfang der 1980er mit Bearbeotungen für Piano-Duo der Musik von George Gershwin (1898-1937) auf Schallplatte, wenig später auch auf CD (für das niederländische Philips-Label) debütierten – es sollte eine der allerersten CDs überhaupt sein, die veröffentlicht wurden – war alles an dieser Veröffentlichung ungewöhnlich: Zwei bildhübsche Schwestern aus Frankreich mit offensichtlich ganz unterschiedlichem Temperamenten spielten Musik eines US-Amerikaners, dessen Musik in Klassik-Kreisen kaum als ‘ernsthafte Musik’ angesehen wurde. Mit dieser Aufnahme wurde der Grundstein für die ungewöhnliche Weltkarriere der beiden Schwestern gelegt, die bis heute andauert. Sie waren schon damals Grenzgängerinnen zwischen den Genres, die zu herausragenden Leistungen sowohl in der populären Musik, als auch in der klassischen Musik fähig sind.
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Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen (oder für zwei Klaviere) hatten bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine eminente Bedeutung bei der Popularisierung von (neuer) klassischer Musik. Zwar verbreitete sich das Grammophon zunehmend und immer mehr Werke waren als Schallplatte erhältlich, doch waren die frühen Schallplatten zeitlich sehr begrenzt, die Aufnahmetechnik steckte noch in den Kinderschuhen (von einem natürlichen Klangbild konnte noch lange nicht die Rede sein) und die Auswahl der Aufnahmen beschränkte sich auf populäre Massenware. Neue Werke wurden selten aufgenommen. Piano Duo Trenkner-Speidel - Ravel - Honegger - Rimsky-KorsakovSie waren dem Konzertsaal oder der privaten Aufführung im bürgerlichen Ambiente vorbehalten. Darüber hinaus hatte das gemeinsame Musizieren und hier insbesondere das gemeinsame Musizieren am Klavier eine eigene soziale Rolle: Nahezu puritanisch anmutende Gesellschaftskonventionen machten es Männern und Frauen nicht leicht, sich (buchstäblich) näher zu kommen. Das gemeinsame Musizieren war auch ein willkommener Anlass, um sonst nicht schickliche räumliche Nähe zwischen den Geschlechtern zuzulassen.

Es war üblich von größeren symphonischen Werken Fassungen für Klavier, für Klavier-Duo und/oder für Klavier zu vier Händen anzufertigen. Das brachte den Komponisten eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle und half bei der Verbreitung der neuen Werke, brachte sie auch ohne Orchester einem breiteren Publikum zu Gehör. Oft genug fertigen die Schüler oder Assistenten der Komponisten diese Arrangements an, in nicht seltenen Fällen arbeiteten die Komponisten selbst diese Bearbeitungen aus, die oft genug mit den Fassungen Dritter (zurecht!) nicht einverstanden waren. Auf der vorliegenden CD des Duos Trenkner/Speidel (mit den Pianistinnen Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel) finden sich drei Werke, die von ihren Komponisten selbst für Klavier zu vier Händen arrangiert wurden: Die Reduktion für Klavier zu vier Händen der symphonischen Suite Scheherazade, op 35 (aus dem Jahre 1899) von Nikolai Rimsky-Korsakov (1844-1908); die Reduktion des symphonischen Satzes Pacific 231 (1924) von Arthur Honegger (1892-1955) und der Boléro von Maurice Ravel (1875-1937) in der Transkription für Klavier zu vier Händen (1929, ein Jahr später fertigte Ravel noch eine weitere Bearbeitung für zwei Klaviere an).
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Gabriel FauréMan könnte meinen, 2010 sei in Großbritannien ein Jubiläumsjahr des französischen Komponisten Gabriel Fauré (1845-1924), so sorgfältig eingespielt (und getimt) sind die Neuerscheinungen mit seiner Musik. Doch so sehr man auch an den Zahlen herumdrehen mag (auch wenn man bedenkt, dass die Uhren im Vereinigten Königreich anders ticken): Es ist wohl eher Zufall, dass nur einen Monat nach der überragenden Neueinspielung seiner Klavierquintette durch das Schubert Ensemble nun eine ebenfalls exzellente Neuveröffentlichung mit seinen Klavierquartetten (wieder) bei Chandos erschienen ist. Dieses Mal zeichnen sich die einfühlsame Pianistin und Fauré-Expertin Kathryn Stott und das Hermitage Stringtrio (ein Streichtrio, dass aus russischen Musikern besteht, deren Lebensmittelpunkt in Großbritannien liegt) dafür verantwortlich.

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Gabriel Fauré - Piano QuintettDer NDR Kultur-Redakteur Raliza Nikolov hat in der Sendung “Klassisch unterwegs” vom 10. Feburar die auch an dieser Stelle hochgelobte Aufnahme des Schubert Ensemble der Klavierquintette von Gabriel Fauré sehr wohlwollend besprochen. Nikolov resümiert: »Zweifellos darf diese Aufnahme zu den Entdeckungen des noch jungen CD-Jahres gezählt werden (…) An den beiden Fauré-Quintetten in der Einspielung durch das Schubert Ensemble führt kein Weg vorbei, wenn man ein Faible für entlegenes Repertoire oder für französische Musik im Allgemeinen hat«.

Den Artikel gibt es hier → Gabriel Fauré: Klavierquintette, erschienen in der täglichen Rubrik “Neue CDs” (bei NDR Kultur); den Podcast mit der Sendung gibt es → hier (rechte Maustaste, “Ziel speichern unter”)

Das Album des Schubert Ensemble mit den Klavierquintetten Nos. 1 und 2 von Gabriel Fauré ist am 20. Januar 2010 bei  Chandos (10576) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Simon Keenlyside - Lieder

Dass Simon Keenlyside derzeit zu den meistbeschäftigten und besten Baritonen (nicht nur) der britischen Insel gehört, sollte jedem aufmerksamen Beobachter der Szene längst bekannt sein: Seine Leistungen bei einigen der besten Opernaufnahmen der letzten Jahre, etwa bei den “Nozze des Figaro” unter Jacobs (harmonia mundi, 2004) und als “Don Giovanni” unter Charles Mackerras (DVD/ Blu-ray; Opus Arte, 2008) haben sein Renommee als Opernsänger mit exzellenter Stimme, klarer Artikulation und immensen Einfühlungsvermögen beträchtlich vergrößert. Doch Kennlyside hat schon vor seinen spektakulären Opernproduktionen der späten 1990er/200er eine zweite, ebenso beeindruckende Karriere als Lied-Interpret gestartet. Dabei profilierte er sich sowohl als exzellenter Interpret des deutschen Liedes, unter anderem als einer der beteiligten Sänger der epochalen Gesamteinspielung aller Lieder von Franz Schubert (Hyperion, 1987-1999), als auch als versierter Interpret geistlicher und weltlicher französischer Werke. Das alles ist freilich kein Zufall, denn Großbritannien gilt, ähnlich wie Deutschland, schon seit Generationen als Land mit einer besonderen Affinität zur Liedkunst, sei es beim Publikum, sei es bei den Interpreten.

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Claude Debussy

Claude Debussy

Maurice Ravel

Als im Dezember 1893 das Streichquartett von Claude Debussy uraufgeführt wurde, war die Reaktion sehr gespalten: Ein Teil der Kritik zeigte sich begeistert, ein anderer Teil – darunter pikanterweise eine Reihe Komponisten – waren von dem Quartett nicht angetan. Dennoch setzte sich das ungewöhnliche Quartett, das so gar nicht in das Schema der klassischen Streichquartetts im Sinne von Haydn und Beethoven passt, nach und nach durch und inspirierte Maurice Ravel, den anderen Hauptvertreter des Impressionismus (obwohl längst nicht alles von Ravel impressionistisch ist) zu seinem Streichquartett, das 1904 uraufgeführt wurde. Das Streichquartett sollte ein Wendepunkt in der Wahrnehmung von Ravel Komponisten darstellen: Zuvor war er allzu oft als Salon-Komponist abgetan worden, das Streichquartett war der bisherige Höhepunkt seines Schaffens und barg – neben einiger struktureller Ähnlichkeiten zum Quartett seines Freundes Debussy – einen ganz persönlichen Charakter.
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Gabriel FauréGabriel Fauré (1845-1924) gehört meiner Meinung nach zu den meist unterschätzten Komponisten des 19. Jahrhunderts, dessen Œuvre heute zu weiten Teilen leider unbeachtet bleibt. Abgesehen von seinem Requiem erklingt seine Musik, die irgendwo zwischen Romantik und Impressionismus liegt, viel zu selten (In gewisser Weise stimmt es, wenn man ihn als missing link, als Bindeglied zwischen Brahms und Debussy bezeichnet.) und steht wohl im Schatten seiner bekannteren Landsleute wie Debussy, Satie und Ravel. Dabei ist sein gesamtes Werk einer genaueren Betrachtung wert: Ein überzeugendes Plädoyer für die Kammermusik Faurés präsentiert das Londoner Schubert Ensemble auf seiner neuesten CD mit den beiden Klavierquintetten des Pariser Meisters.
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