Dass Mitteleuropa zu Zeiten des Barocks ein Zentrum für Musik, speziell für sakrale Musik war, ist wohl kein Geheimnis mehr. Dass unser Blick heute dabei stark auf Johann Sebastian Bach (1685-1750) fokussiert ist, mag viele gute und berechtigte Gründe haben, dass wir dabei aber oft andere originelle und hörenswerte Komponisten allzu leichtfertig übergehen ist ebenso unbestritten. Ein gutes Beispiel für solch einen immer noch unterschätzten Komponisten ist der aus Böhmen stammende, lange Zeit in Dresden wirkende Jan Dismas Zelenka (1679-1745). Dieser komponierte, laut Wikipedia, »höchst originelle und unkonventionelle Orchester- und Vokalwerke«, die auch außerhalb seiner Heimat denselben hohen Stellenwert genießen sollten, die ihnen gebühren. Den Rest des Eintrages lesen »
War da was? Ja – ein Fux-Jahr! Wann? 2010, und eigentlich war 2011 noch eines. Warum aber? Und wer war gleich nochmal dieser Fux? Nun, im Dezember erst habe ich an dieser Stelle beklagt, dass die Geschichte ungerecht ist und manch einem übel mitspielt, der besseres verdient hätte – und wenn es nur etwas mehr Ruhm ist. Die Rede war von Johann Friedrich Fasch, Hofkapellmeister in Zerbst, einem wirklich sehr interessanten Komponisten der Bach-Zeit. Sein Zeitgenosse und – wenn man so will: Kollege – Johann Joseph Fux (ca. 1660-1741) wird sich selbst nicht gerade als besonders bemitleidenswert empfunden haben; wenigstens, nachdem der steirische Bauernsohn die Mühen seines imposanten Aufstiegs bewältigt hatte. Als Kapellmeister am Wiener Kaiserhof gehörte er ab 1715 schon qua Amt zu den führenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit, dem die größte Hofkapelle Europas zur Verfügung stand: ein musikalisches Potential, das allein wegen der mit ihm verbundenen straffen Dienstverpflichtungen nicht ungenutzt bleiben konnte. So entstand ein Œuvre, das nicht nur seinem Umfang nach enorm ist, trotzdem aber atemberaubend schnell in Vergessenheit geriet – so dass es schon eines Fux-Doppeljahres bedarf, um einige Schätze, die die Forschung gehoben hat, auch dem öffentlichen Ohr wieder näher zu bringen.
Dies gelingt, es sei gleich verraten, dem österreichischen Ensemble La Gioconda auf dieser im Dezember 2011 bei Querstand erschienenen CD mit fünf Triopartiten von J. J. Fux ganz ausgezeichnet. Die vier Musikerinnen meiden die Versuchungen von übertriebener Schmissigkeit und Glamour, die sich an nicht wenigen Stellen anbieten, um lieber eine zarte, hochtransparente und dabei hervorragend durchdachte Interpretation höfischer Musik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu liefern – ein mutiger, ein guter Schachzug! Den Rest des Eintrages lesen »
Offenbar findet nicht nur unser Gast-Rezensent Nils-Christian Engel, dass Johann Friedrich Fasch »das prägnante Beispiel eines Künstlers [sei], den die Geschichte – nach reichlich Unbill im Leben – um seinen angemessenen Ruhm betrogen hat«, auch bei den Musikkritikern in den deutschen Kulturradios ist man nun zur Überzeugung gekommen, dass dem zu Lebzeiten als Hofkapellmeister in Zerbst wirkenden Komponisten mehr Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen sollte und verfolgt nun (endlich!) mit viel Interesse die Neueinspielungen seiner Werke. Die Redakteure des mitteldeutschen Kultursenders mdr Figaro haben nun das bei Chandos erschienene Album Johann Friedrich Fasch – Orchestral Works Vol. 2 des amerikanischen Barock-Ensembles Tempesta di Mare zur dieswöchigen »CD der Woche« gekürt. Den Rest des Eintrages lesen »
Johann Friedrich Fasch (1688-1758) ist das prägnante Beispiel eines Künstlers, den die Geschichte – nach reichlich Unbill im Leben – um seinen angemessenen Ruhm betrogen hat. Weit mehr als 200 Jahre hat es gedauert, bis man ihn wenigstens in seiner mitteldeutschen Heimat wieder zu würdigen begann; und dass er inzwischen als nicht ganz unbedeutender Komponist der „Bach-Zeit“ gilt, kann man schon als Erfolg verbuchen. Nun legt das amerikanische Barock-Ensemble „Tempesta di Mare“ bei Chandos eine zweite CD mit Orchesterwerken des einstigen Hofkapellmeisters von Anhalt-Zerbst vor, nach einer ersten Veröffentlichung 2008, dem 250. Todesjahr Faschs. Erneut kommt hochinteressante, stimmungsreiche Musik zu Gehör, die starke Argumente für eine Umbenennung der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts liefert. Warum sollte man, cum grano salis, nicht auch einmal von Bach als einem bedeutenden Organisten der „Fasch-Zeit“ sprechen?
Allein in den vergangenen sechs Wochen sind rund ein halbes Dutzend CDs mit den berühmten Violinkonzerten Le Quattro Stagioni von Antonio Vivaldi (1678-1741) neu und wiederveröffentlicht worden. Neben Mozarts Kleiner Nachtmusik, Bachs Toccata und Fuge in d-moll, BWV 565 natürlich und Beethovens Sinfonie No. 5 in c-moll gehören die vier Konzerte zu den populärsten Werken der gesamten Musikgeschichte und stehen sogar oft in CD-Sammlungen, in denen oft keine andere klassische Musik zu finden ist. Es ist müßig über den späten Erfolg der Konzerte zu spekulieren, also warum diese vier Violinkonzerte gerade heutzutage den Geschmack so vieler zu treffen scheinen. Tatsache ist, dass sie erst durch die Aufnahmen der Violinisten Bernardino Molinari (1942), Louis Kaufman (1948) und Felix Ayo (1955, 1959) im 20. Jahrhundert popularisiert wurden. Heute listet die World’s Encyclopedia of Recorded Music mehr als 1000 Veröffentlichungen der Vier Jahreszeiten in allen möglichen (und unmöglichen) Varianten auflistet. Den Rest des Eintrages lesen »
Denk man an die geistliche Musik des Barocks, so fallen einem vor allem die großen Messen, Vespern, Oratorien und Passionen ein, die die großen Barockmeister Claudio Monteverdi (1567–1643), Johann Sebastian Bach (1685–1750), Georg Friedrich Händel (1685–1759) und vielleicht noch Georg Philipp Telemann (1681–1767) komponiert haben. Doch die Realität sah in Europa vor allem im 17. Jahrhundert anders aus: Kleinere oder ländliche Kirchen hatten weder das Budget, noch die geeigneten Musiker, um die großformatigen Werke (wie eben das Marienvesper von Monteverdi) aufzuführen. So entstand eine beträchtliche Fülle von geistlicher Musik für kleine Gesangs- und Instrumentalensembles für den alltäglichen Gebrauch. Den Rest des Eintrages lesen »
Die Musik von Jean-Philippe Rameau (1683-1764) bleibt trotz einer gewissen Renaissance in den letzten Jahren zumindest hierzulande weitgehend unbeachtet. Vielleicht ist die ‘Konkurrenz’ seiner Zeitgenossen Bach, Händel, Vivaldi und Telemann zu groß um sich durchzusetzen; vielleicht neigt man letzten Endes doch dazu sich mit der vertrauten Musikvergangenheit intensiver zu beschäftigen, zumal wenn sie aus dem eigenen Land kommt? Die Schweizerin Viviane Chassot legt nun ein Album vor, das auf seine ungewöhnliche Weise die überaus virtuose und tänzerische Musik Rameaus wieder populärer machen könnte: Die international bekannte Akkordeon-Virtuosin hat ausgewählte Werke, die eigentlich für Cembalo geschrieben worden sind, für ihr eigenes Instrument transkribiert und aufgenommen. Den Rest des Eintrages lesen »
Die aktuelle besondere CD-Empfehlung der Holland Baroque Society “Barbaric Beauty”, die mit dem slowakischen Violinisten Miloš Valent und dem Hackbrett-Solisten und Flötisten Jan Rokyta entstand, ist ein unterhaltsames Beispiel für eine Genre-übergreifende Zusammenarbeit, die die barocken Tänze von Georg Philipp Telemann (1681-1767) in einem anderen Licht erscheinen lässt. Dies kann man nicht nur auf der aktuellen CD nachhören, sondern auch in diesem kurzen Konzert-Video ansehen:
Die SACD Barbaric Beauty – Telemann & 18th c. Dance Manuscripts von Holland Baroque Society meets Miloš Valent mit Jan Rokyta ist am 16. September 2011 auf Channel Classics (CCS 31911) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Ich habe schon fast damit gerechnet, dass die neue SACD der Holland Baroque Society mit Tänzen von Georg Philipp Telemann (1681-1767) und Volkstänzen aus dem polnisch-ungarisch-mährischen Grenzgebiet auf ein positives Echo stoßen wird. Kein Wunder: Die Zusammenarbeit des niederländischen Spitzenensembles mit dem slowakischen Violinisten Miloš Valent und dem Hackbrett-Solisten und Flötisten Jan Rokyta ist wirklich ein überzeugendes Plädoyer für die Musik des stets unterbewerteten Telemann und außerdem ein durch und durch inspiriertes (und unterhaltsames!) Beispiel für eine Genre-übergreifende Zusammenarbeit. Nun wurde die Channel Classics Produktion beim Deutschlandradio Kultur als »CD der Woche« empfohlen. Den Rest des Eintrages lesen »
Die Musik von Georg Philipp Telemann (1681-1767) steht heutzutage immer noch etwas im Schatten seines ungleich bekannteren und populäreren Freundes Johann Sebastian Bach (1685-1750). Das war zu Lebzeiten völlig anders, da galt Telemann als sehr einflussreicher Impulsgeber und Innovator der Musik. Spätestens ab 1721, als er Stadtmusikdirektor in Hamburg wurde (und wenig später auch die Leitung der dortigen Oper übernahm), wurde er landesweit berühmt; ein ausgedehnter Besuch in Paris 1737/38 brachte den internationalen Durchbruch.
Telemann war nicht nur äußerst bekannt und erfolgreich, er war auch ungemein produktiv. In der Wikipedia kann man nachlesen:
Mit über 3600 verzeichneten Werken ist Telemann einer der produktivsten Komponisten der Musikgeschichte. Dieser große Umfang ist teils auf seine flüssige Arbeitsweise, teils auf eine mit 75 Jahren sehr lange Schaffensphase zurückzuführen. (…) Telemanns Erbe umfasst alle zu seiner Zeit verbreiteten Gattungen. Allerdings sind viele Kompositionen verschollen. Aus Telemanns Anfangszeit sind nur wenige Werke erhalten; der Großteil der überlieferten Stücke fällt in die Zeit von Frankfurt und Hamburg.