Archiv für die Kategorie: “Der besondere Tipp”

Der besondere Tipp: Bemerkenswerte Neu- und Wiederveröffentlichungen

Tomás Luis de VictoriaDie Musik des spanischen Renaissance-Meisters Tomás Luis de Victoria (ca. 1548-1611) rückte erst relativ spät im 20. Jahrhundert den Fokus der Öffentlichkeit, nachdem sie zuvor nur wenigen Alte-Musik-Spezialisten ein Begriff war. Eine besondere Rolle spielten dabei englische Spitzenchöre wie der Westminster Cathedral ChoirThe Sixteen und  The Tallis Scholars mit ihren bahnbrechenden Veröffentlichungen des Officium defunctorum (besser bekannt als Requiem 1603 bzw. 1605). Heute wird der Gelehrte, Mystiker, Priester, Sänger, Organist und Komponist Victoria gemeinsam mit Giovanni Pierluigi da Palestrina (ca. 1514-1594) und Orlando di Lasso (1532-1594) als der herausragend wichtigste Komponist des 16. Jahrhunderts eingeordnet.
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Eine neue, auf 5 CDs angelegte Reihe des Altenburger Labels Querstand erkundet das Werk des Komponisten Günter Raphael (1903-1960) – und überrascht mit dem ganz unkonventionellen Programm der beiden jüngst erschienenen Ausgaben Nummer 1 und 2. Raphael ist durchaus kein Unbekannter, seine Sinfonien und Vokalkompositionen, aber auch seine Kammermusik haben sich in einer signifikanten Diskographie niedergeschlagen. Die neue Edition aber, eine Initiative der Christine-Raphael-Stiftung, geht nun einen eigenständigen, sehr überzeugenden Weg. Weder verfolgt die Reihe einen enzyklopädischen Anspruch, noch werden die Rosinen herausgepickt, die den Publikumserwartungen wahrscheinlich am unmittelbarsten entsprechen und so den größten Effekt bieten würden. Komplementär zu dem im Jahr 2010 anlässlich des 50. Todestages Raphaels veröffentlichten Tagungsband „Erkundungen zu Günter Raphael“ wagen sich die beiden ersten CDs der Edition direkt an trefflich gewählte Aspekte dieses äußerst interessanten Œuvres und skizzieren in großen Bögen, wie sehr sich die Beschäftigung mit Raphael lohnt. Den Rest des Eintrages lesen »

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Alban Gerhardt, Cecile Licad: Gabriel Fauré, Cello Sonatas„Encores“ hatte der Berliner Cellist Alban Gerhardt zum Thema einer vielbeachteten CD gemacht, auf der er vor gut einem halben Jahr ausgesuchte Zugaben seines großen Idols Pau Casals neu interpretierte. Meilenweit entfernt von jeder wohlfeilen Cello-Hit-Sammlung stellte diese Hommage, die Gerhardt gemeinsam mit der philippinischen Pianistin Cecile Licad einspielte, eine ebenso ausgefallene wie klug musizierte Idee vor. Sehr wenige Monate vergingen nach dieser im Juni 2010 entstandenen Aufnahme, bis das Duo im Oktober desselben Jahres Gabriel Fauré (1845-1924) zur Einspielung brachte – sollte da mehr zu hören sein können als eine Zugabe zur Zugabe, nach dem Muster „Élégie plus X“? Aber bei aller Skepsis: das wäre nicht das Niveau dieser beiden Musiker. Gewiss ist ihr Fauré-Programm konzeptuell nicht so unorthodox-innovativ wie die Hommage an Casals, dafür überzeugt die wiederum bei Hyperion Records erschienene CD „Gabriel Fauré – Cello Sonatas“ aber durch die mustergültig gelungene Interpretation einer anspruchsvollen Materie. Den Rest des Eintrages lesen »

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Retrospect Trio: Henry Purcell - Twelve Sonatas in Three PartsSchon seit einigen Monaten (genauer gesagt seit September) auf dem Markt, aber viel zu gut, um (an dieser Stelle und anderswo) übersehen zu werden, ist die jüngste Veröffentlichung des Retrospect Trio, dem kammermusikalischen Ableger des Retrospect Ensembles, das hier in der im Barock üblichen Triosonaten-Besetzung (Sophie Gent, Violine; Matthew Truscott, Violine, Jonathan Manson, Viola da Gamba und Matthew Halls, Cembalo & Orgel)  die kompositorisch ausgefeilten zwölf Sonatas in Three Parts, Z.290-Z801 von Henry Purcell (1659-1695) aufgenommen hat. Damit kehren das Retrospect Trio auch bei seinem zweiten Album (und dem zwischenzeitlichen Album des gesamten Ensembles mit Bachs Oster- und Himmelfahrtsoratorien, s. Besprechung → hier) zu Purcells filigraner Kammermusik zurück. Bereits 2009 hatten sie mit Purcells Ten Sonatas in Four Parts das Publikum und die Fachwelt gleichermaßen überzeugt.
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Klassische Gitarre - (cc-by-sa 2.0) Martin Möller (Ausschnitt)Wenn ich ehrlich bin, dann wundert es mich immer wieder, dass viele Gitarrenmusik-CDs in den Klassik-Abteilungen der großen Plattenläden so ein Nischen-Dasein fristen. Die akustische Gitarrenmusik hat Schnittmengen mit (quasi) allen Bereichen der Musik: Folk, Klassik, Jazz, Pop. Wenn man Musik auf sechs Saiten reduziert, scheint es nebensächlich zu sein, ob man das Werk der einen oder anderen Musikwelt zuspricht. Gitarristen sind in erster Linie Gitarristen und definieren sich nicht über ein einziges, abgrenztes Genre. So gibt es sehr gelungene ‘klassische-Musik’-CDs von Rock-Gitarristen, beispielsweise von Steve Hackett (Ex-Genesis) und von Jazz-Größen wie John McLaughlin, der zum Beispiel ein sehr gelungenes ‘klassisches’ Gitarrenkonzert komponiert hat. Der Flamenco-Gitarrist Paco De Lucía hat eigens für sein Album Paco De Lucia plays Manuel De Falla (1978) Noten lesen gelernt und auf der anderen Seite hat der australisch-britische ‘klassische Gitarrist’ John Williams in seiner Karriere immer wieder mit Jazz und Rock experimentiert – so gründete er unter anderem Mitte der 1970er Jahre die Progressive-Rock-Band Sky. Kurzum: Die Gitarre vermag viele Hörer (und Musiker) ganz unterschiedlicher Genres anzusprechen.
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Dass Mitteleuropa zu Zeiten des Barocks ein Zentrum für Musik, speziell für sakrale Musik war, ist wohl kein Geheimnis mehr. Dass unser Blick heute dabei stark auf Johann Sebastian Bach (1685-1750) fokussiert ist, mag viele gute und berechtigte Gründe haben, dass wir dabei aber oft andere originelle und hörenswerte Komponisten allzu leichtfertig übergehen ist ebenso unbestritten. Ein gutes Beispiel für solch einen immer noch unterschätzten Komponisten ist der aus Böhmen stammende, lange Zeit in Dresden wirkende Jan Dismas Zelenka (1679-1745). Dieser komponierte, laut Wikipedia, »höchst originelle und unkonventionelle Orchester- und Vokalwerke«, die auch außerhalb seiner Heimat denselben hohen Stellenwert genießen sollten, die ihnen gebühren.
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La Gioconda: Johann Joseph Fux - TriopartitenWar da was? Ja – ein Fux-Jahr! Wann? 2010, und eigentlich war 2011 noch eines. Warum aber? Und wer war gleich nochmal dieser Fux? Nun, im Dezember erst habe ich an dieser Stelle beklagt, dass die Geschichte ungerecht ist und manch einem übel mitspielt, der besseres verdient hätte – und wenn es nur etwas mehr Ruhm ist. Die Rede war von Johann Friedrich Fasch, Hofkapellmeister in Zerbst, einem wirklich sehr interessanten Komponisten der Bach-Zeit. Sein Zeitgenosse und – wenn man so will: Kollege – Johann Joseph Fux (ca. 1660-1741) wird sich selbst nicht gerade als besonders bemitleidenswert empfunden haben; wenigstens, nachdem der steirische Bauernsohn die Mühen seines imposanten Aufstiegs bewältigt hatte. Als Kapellmeister am Wiener Kaiserhof gehörte er ab 1715 schon qua Amt zu den führenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit, dem die größte Hofkapelle Europas zur Verfügung stand: ein musikalisches Potential, das allein wegen der mit ihm verbundenen straffen Dienstverpflichtungen nicht ungenutzt bleiben konnte. So entstand ein Œuvre, das nicht nur seinem Umfang nach enorm ist, trotzdem aber atemberaubend schnell in Vergessenheit geriet – so dass es schon eines Fux-Doppeljahres bedarf, um einige Schätze, die die Forschung gehoben hat, auch dem öffentlichen Ohr wieder näher zu bringen.

Dies gelingt, es sei gleich verraten, dem österreichischen Ensemble La Gioconda auf dieser im Dezember 2011 bei Querstand erschienenen CD mit fünf Triopartiten von J. J. Fux ganz ausgezeichnet. Die vier Musikerinnen meiden die Versuchungen von übertriebener Schmissigkeit und Glamour, die sich an nicht wenigen Stellen anbieten, um lieber eine zarte, hochtransparente und dabei hervorragend durchdachte Interpretation höfischer Musik aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu liefern – ein mutiger, ein guter Schachzug!
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Klavier (Konzertflügel) - (cc--by-sa 2.5) Andreas PraefckeDie Romantik war zweifelsohne die Epoche des Klavierkonzerts. Zwar gab es schon im Barock und in der Klassik zahlreiche Klavier- (bzw. Cembalo-) Konzerte, doch zu keiner anderen Zeit blühte das Genre so sehr auf, wie in der Romantik. Dafür mag es viele Gründe geben: Die fortschreitende technische Verbesserung des Klaviers und der Bau großer Konzerthallen, die Verbürgerlichung der Gesellschaft und die Verstädterung der europäischen Kulturnationen, die das Aufkommen einer internationalen Konzertkultur begünstigte, das daraus resultierende Virtuosentum, das eine Vielzahl an “Stars” hervorbrachte und – last but noch least – das Wesen des Klavierkonzerts selbst, das in seiner Anlage der romantischen Musik entgegenkommt, wo ein facettenreiches Soloinstrument im Dialog (oder manchmal im Disput) mit dem Orchester steht. Das Klavier teilte sich die Aufmerksamkeit des Publikums mit relativ wenigen anderen Solo-Instrumenten, allen voran der Violine. Einige andere Solo-Instrumente, etwa das Cello, die Viola oder die Gitarre, erlangten bei einzelnen Komponisten oder in einzelnen Ländern eine gewisse Bedeutung, gegen die Übermacht des Klaviers in der Romantik konnte kein Instrument bestehen.
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Sofia Gubaidulina (*1931) will nicht als religiöse Komponistin verstanden werden, und nicht nur die Höflichkeit gebietet es, von solchen Schlagworten Abstand zu halten. Basque National Orchestra, Ramón Encinar: Sofia Gubaidulina - KadenzaDenn auch wenn sie zu großen Themen des Glaubens arbeitet und 2009 vollkommen zu Recht den Preis der Europäischen Kirchenmusik erhielt, ist ihre religiöse Kunst nicht das, was man leichtfertig „geistliche Musik“ nennen würde. Mit den „Sieben Worten“ und „In Croce“ liegen nun zwei Kompositionen Gubaidulinas in einer neuen Aufnahme vor, die seit langer Zeit als exemplarisch für ihre Auseinandersetzung mit christlichen Inhalten stehen. Sie wurden für Etcetera Records neu eingespielt vom Baskischen Nationalorchester (auf Baskisch Euskadiko Orkestra) unter der Leitung von José Ramón Encinar und den Solisten Iñaki Alberdi (Akkordeon) und Asier Polo (Violoncello). Diese CD gehört zu den ausgezeichneten Veröffentlichungen des vergangenen Jahres, mit denen die Komponistin anlässlich ihres 80. Geburtstages geehrt wurde – und ist zugleich ein Dokument des tiefen künstlerischen Austauschs, den sie mit den Interpreten ihrer Musik pflegt.

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Christianne Stotijn: Stimme der Sehnsucht

Ich bin ein dunkler, verworr´ner Klang,
Der weit aus Thule herüberdrang.
Ich bin deiner Jugend verlühender Traum,
Dein erster Kuß unterm Apfelbaum.

Ich bin deine heil´ge Herzensnot,
Ich ruf dich in Morgen- und Abendrot.

Die Worte des Dichters Carl Busse (1872-1918) aus dem Gedicht Stimme der Sehnsucht, musikalisch umgesetzt von Hans Pfitzner im eröffnenden Titelstück des neuen Albums der niederländischen Sängerin Christianne Stotijn, charakterisieren sehr bildhaft, was den Hörer auf diesem Lieder-Album erwartet: Düster-schwermütige Spätromantik, melancholisch auf die Vergangenheit zurückblickend. Und die aus Delft stammende Mezzosopranistin belegt (einmal mehr), dass sie derzeit zu den besten Lied-Interpretinnen gehört. So variantenreich, so einfühlsam, so zart, so schmerzvoll, so kraftvoll, so stolz, so zerbrechlich singt heute kaum eine andere Sängerin Lieder.
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