Archiv für die Kategorie: “CD des Monats”
Die CD des Monats auf blog.codaex.de
Die h-Moll-Messe, BWV 232 (international meistens unter der englischsprachigen Bezeichnung “Mass in B minor” bekannt) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist das letzte große Chorwerk des Thomaskantors und gleichzeitig jenes, um welches sich die meisten Mythen ranken. Die Tatsache, dass Bach die ursprüngliche Kurzmesse (geschrieben 1733, anlässlich des Todes des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen) ohne (bekannten) Anlass 1748/9 zu einer vollständigen Messe ausbaute, der dann das vollständige Ordinarium des lateinischen Messetextes zugrunde liegt (und damit eher katholisch, denn protestantisch war – waren doch vollständige Messen auf Latein zu Bachs Zeiten in der protestantischen Glaubenswelt schon sehr ungewöhnlich), ließ Raum für Spekulationen. Gerade in der Romantik mutmaßte man, dass Bach sich selbst eine Totenmesse geschrieben hat (obwohl es sich bei der h-Moll-Messe nicht um eine Totenmesse, ein Requiem, sondern um eine Missa solemnis handelt), die sein wahres (katholisches) Glaubensbekenntnis beinhalte, eine gewagte These, wenn man bedenkt, wie wichtig Bach für die protestantische Kirchenmusik war und wie umworben seine Dienste waren. Wenn er wirklich katholisch hätte sein wollen, wäre es für ihn gewiss nicht unmöglich gewesen, dies zu sein.
Gleich welche Gründe es letzten Endes gegeben haben mag (am wahrscheinlichsten scheint heute einfach Bachs Wunsch ein weiteres exemplarisches Werk zu schaffen), wurde die 1733er Messe teils durch Neukompositionen, teils durch parodierende Umarbeitung vorhandener Sätze aus seinen Kantaten um ein Credo, ein Sanctus und ein Agnus Dei erweitert. Bachs zweitältester Sohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) erbte die Partitur, bearbeitete sie (möglicherweise begann er damit sogar noch zu Bachs Lebzeiten), doch erstmalig im Druck erschien die Messe allerdings erst 1805, lange nach dem Todes Carl Philipp Emanuels. Unklar bleibt, wann sie zum ersten Mal vollständig am Stück aufgeführt wurde, möglicherweise in den 1830er Jahren in Leipzig unter Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847).
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Schlagwörter: 18. Jahrhundert, Barock, Chorwerke, Johann Sebastian Bach, Originalinstrumente, sakrale Musik
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Vor etwas mehr als einem Monat schrieb ich in meiner → Besprechung zur Gesamtausgabe der Violinsonaten von Ludwig van Beethoven (1770-1827) von Jeannette Koekkoek und Sarah Kapustin:
»Die zehn Sonaten für Klavier und Violine sind zwar zumindest teilweise beim Publikum sehr beliebt (…), genießen aber bei Violinisten keinen kanonischen Charakter. Vielleicht liegt es daran, dass Violinisten üblicherweise besonders Interesse an hochvirtuosen Stücken haben, die sie als Musiker an die Grenzen der Technik (und oft genug weit darüber hinaus) bringen, mit denen man glänzen kann, wenn man sie bewältigt, weil man seine virtuosen Fähigkeiten unter Beweis stellt?«
Es gibt freilich auch eine Ausnahme: Die sogenannte “Kreutzersonate“ (ergo die Sonate für Pianoforte und Violine No. 9, op. 47) wird immer wieder von den wichtigsten und besten Violinisten aufgenommen, zum einen sicherlich weil sie zum populärsten Repertoire für Violine und Klavier gehört, zum anderen sicherlich auch, weil die Kreutzersonate sehr wohl technische Schwierigkeiten en masse bietet und jede Menge Möglichkeiten seine Interpretationskunst unter Beweis zu stellen. Am Besten gelingt sie (so scheint mir) jenen Violinisten, die sich nicht mehr beweisen müssen oder wollen, ergo den ganz Großen der Zunft, den Charakterköpfen und echten Persönlichkeiten.
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Schlagwörter: 19. Jahrhundert, Kammermusik, Klavier, Ludwig van Beethoven, Originalinstrumente, Violine, Wiener Klassik
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Spätestens seit Januar dieses Jahres, als das Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ (u. a. Album des Monats Januar auf blog.codaex.de, s. → Rezension dazu), gilt der Düsseldorfer Pianist Tobias Koch als einer der kompetentesten und versierten Interpreten für die Musik von Robert Schumann (und selbstverständlich darüber hinaus): Ihn zeichnet nicht nur seine brillante Technik und sein tiefes musikwissenschaftliches Verständnis für das Wesen und das Werk Schumanns aus, Koch wählt auch bei seinen Aufnahmen bewusst die Instrumente aus, auf denen er musiziert – ein Punkt, den er vielen anderen Pianisten voraus hat, die immer auf demselben Instrument, zumeist einem modernen Konzertflügel, spielen. Für Tobias Koch kommen prinzipiell nur Instrumente der entsprechenden Zeit der Komposition/des Komponisten (im Original, nicht im Nachbau!) in Frage: Die Begründung ist ebenso einfach, wie logisch: Die Werke wurden auf diesen Instrumenten, für diese Instrumente komponiert. Der Komponist hatte dieses Klangbild im Kopf. Wenn man also Musik möglichst authentisch wiedergeben will – und Koch ist so intelligent zu wissen, dass dies kein Selbstzweck ist, sondern immer dem Stück nützt, weil der gesamte erwünschte Klangeindruck auf die jeweils zeitgenössischen Instrumente zugeschnitten war – dann muss man jene Instrumente einsetzen, die der Komponist selbst kannte und schätzte. (Zu Kochs musikalischem Selbstverständnis lese man auch seine interessanten Ausführungen im → Interview auf diesen Seiten).
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Schlagwörter: 19. Jahrhundert, Klavier, Robert Schumann, Romantik, Tobias Koch
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Die Reihe The Romantic Piano Concerto des britischen Labels Hyperion gehört seit 1991 zu den interessantesten lang angelegten Aufnahmeprojekten in der Musiklandschaft. In bisher 49 Ausgaben wurden zahlreiche nahezu vergessene Schätze der romantischen Klavierkonzert-Literatur gehoben: Die Klavierkonzerte von Eugen d’Albert, Charles-Valentin Alkan, Mili Balaki rev, Ferruccio Busoni, Ernö Dohnányi, Adolph von Henselt, Henry Charles Litolff, Erich Wolfgang Korngold, Joseph Marx, Nikolai Medtner,Eduard Nápravník, Nikolai Rimsky-Korsakov, Anton Rubinstein und vielen anderen Komponisten wurden größtenteils zum ersten Mal aufgenommen und so dem interessierten Hörer zugänglich gemacht.
Für die 50. Veröffentlichung dieser vielfach ausgezeichneten Reihe hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Das Jubiläumsalbum präsentiert sämtliche Werke für Klavier und Orchester von Pyotr Ilyich Tchaikovsky (1840-1893): Neben dem berühmten Klavierkonzert No. 1 in b-Moll sind auch die selten zu hörenden (und selten aufgenommenen) Klavierkonzerte No. 2 in G-Dur (mit dem ungekürzten 2. Satz) und das unvollendete Klavierkonzert No. 3 in Es-Dur zu hören, außerdem die Konzertfantasie op. 56 für Klavier und Orchester, die zwar zu Lebzeiten des Komponisten beliebt war, danach aber in Vergessenheit geriet. Darüber hinaus wurden zwei Alternativ-Fassungen des 2. Satzes aus dem 2. Klavierkonzert angehängt: Die gekürzte Fassung des Pianisten der Uraufführung Alexander Siloti (dessen radikale Einschnitte Tchaikovsky vehement ablehnte) und eine behutsamere Neufassung des hier grandios agierenden Pianisten Stephen Hough. des vielleicht »besten Pianisten Großbritanniens« (so The Sunday Times), der dieses Doppelalbum mit dem Minnesota Orchestra (»the greatest orchestra in the world« so The New York Times) unter Osmo Vänska aufgenommen hat.
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Schlagwörter: 19. Jahrhundert, Klavier, Konzert, Pyotr Ilyich Tchaikovsky, Romantik
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Ich gebe zu, ich habe eine Schwäche für Renaissance-Musik: Die poetischen Texte und die schlicht arrangierten Melodien sind auch heute noch aktuell. Erstaunlich, wie sehr uns diese alte Musik heute noch ansprechen kann, mehr noch: Die Lieder der Renaissance scheinen uns näher zu sein, als vieles, was dazwischen kam und was uns chronologisch näher liegt. Sogar die sogenannte U-Musik greift immer wieder auf sie zurück, man denke nur an das Album des Pop- und Rocksängers Sting mit Liedern von John Dowland (“Songs from the Labyrinth”, Deutsche Grammophon, 2006) oder an die zahlreichen Adaptionen, die italienische und französische Chansonniers in den 1960er und 1970er Jahre immer wieder zu Gehör brachten. Nun haben der weibliche Gesangsstar der Alte-Musik-Szene, die englische Sopranistin Carolyn Sampson und der Lautist Matthew Wadsworth einen Konzertmitschnitt vom 7. Dezember 2008 aus der Wigmore Hall in London unter dem Titel “Not just Dowland – Songs for soprano and lute” veröffentlicht, auf dem Lieder (und Solo-Stücke für Laute und Theorbe) der englischen und italienischen Renaissance zu hören sind, wie der Titel schon sagt, beileibe nicht nur von John Dowland.
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Schlagwörter: Alessandro Grandi, Alfonso Ferrabosco, Claudio Monteverdi, Giovanni Kapsberger, Giulio Caccini, John Dowland, Laute, Philip Rosseter, Renaissance, Robert Johnson, Songs, Sopran, Taequinio Merula
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L'Armonia Sonora, Quelle: ramee.org
 Hana Blažíková, Quelle: ramee.org
Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts war in Deutschland geprägt vom Dreißigjährigen Krieg. Nach dem westfälischen Frieden 1648 erholte sich das Land auch kulturell nur langsam. Das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen war kein Ende der religiösen Differenzen. Mehr denn je war geistliche Musik gefragtes Gut, sowohl in den katholischen, als auch in den evangelischen Kirchen. Rechtzeitig zur heute beginnenden Fastenzeit, erscheint auf dem Label für Alte Musik Ramée das Album “Harmoniae Sacrae”, eine Sammlung mit Kantaten (oder »geistlichen Konzerten« wie es auf dem Cover heißt), die unmittelbar nach der verheerenden Zäsur des Krieges in Deutschland entstanden. Das belgische Originalinstrumente-Ensemble L’Armonia Sonora, geleitet von der Gambistin Mieneke van der Velden hat sich gemeinsam mit der jungen tschechischen Sopranistin Hana Blažíková und einem der derzeit besten und gefragtesten Bässe in der Szene für Alte Musik, dem Niederländer Peter Kooij Kompositionen kleiner Meister vorgenommen, deren Namen heute fast vergessen sind und deren Werke heute selten aufgenommen und aufgeführt werden.
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Schlagwörter: 17. Jahrhundert, Benedictus Buns, Christoph Bernhard, Frany Tunder, Frühbarock, Heinrich Ignaz Franz von Biber, Johann Valentin Meder, Matthias Weckmann, sakrale Musik
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Wenn man Musikfreunde nach ihrem Lieblingsinstrument fragt, dann wird besonders häufig das Cello genannt. Der singende, melancholische Klang des Instruments spricht viele an, ebenso seine Eigenschaft federleicht und verspielt klingen zu können, wie kraftvoll und tiefgründig. Antonio Vivaldi (1678-1741) hatte eine besondere Beziehung zu diesem Instrument und schrieb einige seiner gelungensten und schönsten Kompositionen für das Cello, seine Sonaten für Cello und Basso continuo. Wie so oft bei barocken Werken, gibt es mehrere Unsicherheiten, was die Zählung, die Reihenfolge und die Autorschaft anbelangt: Sechs Sonaten für Cello und Basso continuo wurden 1740 als Opus 14, wahrscheinlich ohne Genehmigung Vivaldis, in Paris im Druck veröffentlicht. Das Ryom-Verzeichnis (RV), das vollständigste Werksverzeichnis des venezianischen Meisters, listet insgesamt zehn Cellosonaten (RV 38-47), von denen eine verschollen (verbrannt, der Legende nach) ist (RV 38). Auf der vorliegenden CD des belgischen Cellisten Roel Dieltiens mit dem von ihm gegründeten Originalinstrumente-Ensemble Roel Dieltiens sind die Sonaten RV 40 in e-Moll, RV 47 in B-Dur, RV 43 in a-Moll, RV 46 in B-Dur und RV 44 in a-Moll zu hören. Von diesen Sonaten liegen Handschriften mit Tempo-Notationen in Neapel bzw. in Wiesentheid vor.
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Schlagwörter: Antonio Vivaldi, Cello, Kammermusik
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 Robert Schumann
Ich gebe zu, Robert Schumann (1810-1856) gehört eigentlich nicht zu meinen Lieblingskomponisten. Die Romantik, oder vielmehr das, was wir gemeinhin mit romantischer Musik verbinden, erschließt sich mir einfach nicht, dies gilt besonders die Klaviermusik, vielleicht einmal abgesehen von einigen Spitzen-Interpretationen vergangener Generationen (ich denke da an Walter Gieseking). Als ich aber eher zufällig beim ostdeutschen Kultursender mdr Figaro einen Podcast über das Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ des Düsseldorfer Pianisten Tobias Koch hörte (s. dazu diesen → Blogbeitrag), wollte ich zunächst meinen Ohren kaum trauen: Das sollte wirklich Schumann sein? So strukturiert, so klar, so revolutionär, so gänzlich ohne ohne »romantische Gefühlsduselei« auf einem Instrument, das frisch und perlend und ganz und gar anders klang, hatte ich Schumann noch nie gehört.
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Schlagwörter: Klavier, Robert Schumann, Romantik
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