Thomas Albertus Irnberger, Edoardo Torbianelli – Franz Liszt and the Violin
Geschrieben von Nils-Christian Engel in Neuerscheinungen, Rezension
Im Schatten eines so gewichtigen Jubiläums wie des Liszt-Jahres 2011 lehnt man sich gern ein wenig zurück, und wenn die kulturelle Sättigung überhaupt noch ein Dessert zulässt, dann ist die Aussicht auf kammermusikalische Häppchen des gefeierten Meisters doch eine überaus angenehme. „Lecker!“ Mit ungefähr diesem Gefühl nimmt der Rezensent im Frühjahr 2012 die neue CD des jungen Salzburger Ausnahme-Violinisten Thomas Albertus Irnberger in die Hand, die – in der vertrauten klassisch-schönen Aufmachung des Labels Gramola mit Schuber und üppigem Beiheft – „Franz Liszt and the Violin“ vorstellt. Die Speisekarte auf der Rückseite verheißt schon beim Überfliegen Gutes aus Ungarn, „Zigeuner“ ist da zu lesen, ein Gang namens „Rhapsodie hongroise“, abgerundet durch einen Schuss Venedig in der „lugubre gondola“. So gleitet die CD in das Wiedergabegerät, und ob das Glas Rotwein dem Hörgenusse dienen soll oder umgekehrt, ist keineswegs ausgemacht. Es wird, das sei verraten, am Ende des Abends unbemerkt geleert worden sein – denn Irnberger und sein Klavierpartner Edoardo Torbianelli reichen keine Nascherei, sondern entführen den Hörer auf einen anregenden Spaziergang, die sprichwörtlichen tausend Schritte nach dem Mahl, die einen mit reichlich frischer Luft auf gute Gedanken bringen.
Selten hat mir Liszt so gut gefallen wie auf dieser CD, die tief in echte, private Herzblut-Themen dieses schillernden Superstars führt. Es geht, wie Irnberger in seinem vorzüglichen Begleittext gleich zu Beginn unterstreicht, um etwas wie den geheimen Liszt, den Komponisten von mehr Liedern und eben auch kammermusikalischen Stücken, als man ihm gewöhnlich zugesteht. Dieser stille Liszt begeistert sich für seine ungarische Heimat und besonders für die „Zigeunermusik“ der ungarischen Roma, die ein roter Faden durch das Programm dieser Publikation ist. Soweit ist das Faktum natürlich nicht wirklich unbekannt und auch nicht erstaunlich – wie geistreich der bekennende „erste Zigeuner im Königreich Ungarn“ in diesen unbeobachteten Momenten aber mit dem Volkslied und Volkstänzen umzugehen weiß, ist mehr als ein Vergnügen. So beeindruckt die 1850 entstandene Ungarische Rhapsodie Nr. 12 – in der Transkription für Violine und Klavier – mit ihrem Materialreichtum aus Volksliedern, Csárdás und Zitaten einer Legion ungarischer Komponisten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Vor allem ist es aber die Komposition „Die drei Zigeuner“ von 1864, mit der Irnberger und Torbianelli den Zuhörer gleich zu Beginn in eine anspielungsreiche Feier der Lebensverachtung verwickeln, als die Liszt das zugrundeliegende, gleichnamige Gedicht von Nikolaus Lenau musikalisch paraphrasiert hat.
Damit ist der Rahmen für weitere Entdeckungen aufgespannt, die zwar in relativ loser Folge auf dieser CD versammelt sind, in ihrer Vielseitigkeit aber gerade begeistern. So erlaubt das Grand Duo concertant äußerst spannende Einblicke in die Zusammenarbeit Liszts mit dem Kreutzer- und Rode-Schüler Charles-Philippe Lafont (1781-1839). Der Komposition liegt Lafonts Romanze „Le départ du jeune marin“ zugrunde, aus der diese beiden hochkarätigen Künstler ein nicht nur violintechnisches Feuerwerk der französischen Schule gemacht haben, bei dem Irnberger seine virtuose Finesse, aber auch sein enormes Gespür für die komplexen Ideen unter Beweis stellen kann, die sich bei der Interpretation derartiger Kompositionen eben ausdrücken lassen – wenn einem dieses Kunststück denn gelingt.
Von ganz anderem Charakter sind die „Trauergondel – La lugubre gondola“, ein Spätwerk, das Liszt im Jahre 1882 kurze Zeit vor dem Tod Richard Wagners in Venedig schrieb, und später als vorweggenommene, ahnungsvolle Trauermusik bezeichnete, und „Epithalam“, eine Komposition des Jahres 1872, die zur Hochzeit des Violinisten Ede Reményi mit Gizella Fáy, der Tochter des Komponisten Antal Fáy entstand. Die biographische Motivation dieser beiden Stücke und ihre Verwurzelung im Familien- und Freundeskreis Liszts wird durch das Duo für Violine und Klavier „sur des thèmes polonais“ abgerundet, das die Auseinandersetzung Liszts mit Frédéric Chopin dokumentiert. In dieser Komposition der Jahre 1832-1835 zeigt der junge Liszt, was er kann – kühn und durchaus heißblütig bearbeitet er Themen aus Chopins cis-Moll-Mazurka op. 6 Nr. 2 und bringt sie u.a. mit einer polnisch-ukrainischen Melodie ins Gespräch, die er auch bei seinem polnischen Freund kennengelernt haben dürfte.
So fügt sich nach einer guten Stunde das treffliche Liszt-Mosaik dieser CD zu einem facettenreichen Bild, das Irnberger und Torbianelli mit bissigem Zugriff, wo er geboten ist, großer Sensibilität für die feinen Strukturen der vorgetragenen Werke und – was keineswegs unwichtig ist – reichlich hörbarer Begeisterung für die Sache gestaltet haben, als selbstbewusster und eigenständiger Beitrag in der immer noch viel zu kurzen Reihe von Einspielungen der kammermusikalischen Violinkompositionen Liszts. Wer sich dabei übrigens an den Klang des 1856 gebauten Hammerflügels aus dem Hause J. B. Streicher erst gewöhnen muss, möge dieses tun – ist die Wahl dieses Instruments doch der auffallendste Ausdruck der Idee, die Irnberger in seiner dem Originalklang-Gedanken konsequent verpflichteten Arbeit verfolgt. Dabei versteht er es einmal mehr, eine präzise erarbeitete, musikwissenschaftlich begründete Interpretation mit vollkommen unverkrampfter Lebendigkeit zu Gehör zu bringen.
Unser Gast-Rezensent Nils-Christian Engel studierte Evangelische Theologie in Tübingen, Prag, Leipzig und Halle (Saale). Er arbeitet als PR-Journalist, bevorzugt an Streicherthemen, mit der persönlichen Begeisterung eines Amateur-Cellisten.
Die CD Franz Liszt and the Violin von Thomas Albertus Irnberger und Edoardo Torbianelli ist am 23. März 2012 bei Gramola (98932) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Franz Liszt, Die drei Zigeuner S 383
- Grand Duo concertant S 128
- La lugubre gondola S 134
- Epithalam S 129
- Rhapsodie hongroise Nr. 12 S 379a
- Duo (Sonata) for Piano and Violin in C sharp minor S 127
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