Vor nunmehr sieben Jahren begründeten die Geigerin Ilona Then-Bergh und der Pianist Michael Schäfer die Reihe „Unerhört“ beim Leipziger Label Genuin. Ilona Then-Bergh · Michael Schaefer · Wen-Sinn Yang: Leonid Sabaneev - Piano TriosAls erste CD dieser Reihe erschienen dort 2006 die Klavierwerke von Cyril Scott (bei → amazon.de | bei → jpc.de). Seitdem haben die beiden Interpreten, die es sich zur Aufgabe machen, verschollene Schätze der Klavier- und Kammermusik (wieder) zu entdecken, so manche Trouvaille zutage befördert – zuletzt die wahrlich „unerhört“ guten Violinsonaten von Grigorij Krein und Samuil Feinberg (s. → Besprechung). Wer geglaubt hat, schöner könne es nun nicht mehr werden, wird durch das Erscheinen der beiden Klaviertrios von Leonid Sabaneev (1881-1961, auch Sabaneyeff oder Sabenejew geschrieben) eines Besseren belehrt: Die vorliegende CD ist mehr als „nur“ unerhört. Es handelt sich um nichts Geringeres als um eine Sensation von musikhistorischer Tragweite, die das Zeug dazu hat, die Lehrbücher und Lexika neu zu schreiben.

Die Wenigen, die mit dem Namen Sabeneev etwas anfangen können, verbinden damit allenfalls einen russischen Musiktheoretiker. Und wer in seinem Leben schon einmal den 1912 von Wassily Kandinsky und Franz Marc herausgegebenen Almanach Der Blaue Reiter gelesen hat, wird sich vielleicht an den Aufsatz „Prometheus von Skrjabin“ erinnern, den ein gewisser „L. Sabanejew“ – also eben jener Leonid Sabeneev – geschrieben hat, und in dem es unter anderem heißt:

»Leonid SabaneevDie einzelnen Zweige der Künste haben sich seit der Zeit der antiken religiösen Handlungen selbständig gemacht und erreichten getrennt eine verblüffende Vollkommenheit. […]. Es ist die Zeit der Wiedervereinigung dieser sämtlichen zerstreuten Künste gekommen. Diese Idee, die unklar schon von Wagner formuliert wurde, ist heute viel klarer von Skrjabin aufgefaßt. Alle Künste, von denen jede eine enorme Entwicklung erreicht hat, müssen, in einem Werk vereinigt, die Stimmung eines so titanischen Aufschwunges geben, daß ihm unbedingt eine richtige Ekstase, ein richtiges Sehen in höheren Plänen folgen muss.»

[Aus: „Der Blaue Reiter“, Hg. Von Wassily Kandinsky und Franz Marc. Dokumentarische Neuausgabe von Klaus Lankheit. München (Piper) 1984, Seite 110 - Hervorhebungen im Text]

Alexander Skrjabin (1872-1915) war einer der schillerndsten Figuren der Epoche, seine von der Theosophie und anderen esoterischen Strömungen beeinflusste Vorstellung von einer ekstatischen und synästhetischen Kunst macht damals Furore. Der Kreis um Skrjabin, zu dem – neben zahlreichen anderen Künstlern – auch von Krein, Feinberg und Sabeneev gehörten, war exzentrisch und hoch intellektuell, voll „verrückter“ Ideen. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Zeit zwischen Brahms’ Tod (1897) und dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) – sprich: zwischen Fin de siècle und Spätexpressionismus – eine der musikalisch fruchtbarsten Epochen überhaupt war. In diesem „Klima“ schien und war auch alles möglich – von den schwelgerischen Jugendstil-Phantasien eines Gustav Mahler über die chromatischen Klangexzesse eines Max Reger bis hin zur dodekaphonen Kristallographie eines Arnold Schönberg.

Michael Schäfer · Wen-Sinn Yang · Ilona Then-Bergh - © wildundleise.de, Quelle: GenuinAuch die Entstehung von Sabeneevs gut 18-minütigen Trio-Impromptu op. 4, datiert auf das Jahr 1907, fällt in diese Zeit. Mit einem unruhigen, nervösen und unheimlich brüchigen Duktus, der dem Werk etwas Gehetztes gibt, scheint es den heraufziehenden Expressionismus zu antizipieren. Die Harmonie bleibt gewahrt, erscheint aber prekär, gleichsam wie mit Fragezeichen versehen und ständig bereit, ihre Bodenlosigkeit zu offenbaren. Keine Frage, dieses Trio-Impromptu ist voll auf der Höhe seiner an musikalischen Neuerungen wahrlich nicht armen Zeit und würde schon für sich allein genommen ausreichen, seinem Schöpfer einen Ehrenplatz im Olymp der Komponisten-Galerie zu sichern. Unfassbare Tatsache ist jedoch, dass dieses kammermusikalische Juwel von seinem rund 16 Jahre jüngeren Schwesterwerk mit der Opuszahl 20 aus den Jahren 1923/1924 noch einmal übertroffen wird – und zwar so gründlich und auf einer solchen künstlerischen Höhe und Vollendung, dass es einem fast den Atem verschlägt. Es kann, es darf doch nicht wahr sein, dass ein Meisterwerk von diesen Gnaden rund 90 Jahre unentdeckt und unaufgeführt im Archiv schlummerte! Das Trio gehört in die Reihe der größten Werke, die im 20. Jahrhundert für diese Gattung komponiert wurden – zusammen mit Reger (op. 102), Ravel (a-Moll), Shostakovich (op. 67), um drei der Gewichtigsten zu nennen.

Die Faszination, die von diesem höchst individuellen und eigenwilligen Werk ausgeht, dessen vier Sätze quasi nahtlos miteinander verzahnt sind, ist nur sehr schwer in Worte zu fassen. Auch der Verfasser des lesenswerten, in Anbetracht des Entdeckungswertes aber leider etwas schmalen Booklet-Textes – ein gewisser Chaim Färschele, hinter dem sich, setzt man die Buchstaben des Namens neu zusammen, sicher der Pianist Michael Schäfer selbst verbirgt – nimmt Zuflucht zu Bildern und Metaphern, um das Musikgeschehen verständlich zu machen. So spricht er etwa von der „gestaltlosen Untiefe schwarz-wabernder Klangmassen“, über die sich die „Therenodien der Streicher“ zu erheben versuchen.

Tatsächlich handelt es sich hier um ein katastrophisches Kammermusikwerk von apokalyptischen Ausmaßen. Das tatsächlich rabenschwarze Trio steht zwar noch auf dem Boden des harmonisch-chromatischen Tonraumes, aber dieser sinistre Urwaldboden ist derart schwankend und faulend, dass das zugleich strenge und morbide Gefüge der Komposition wie morsches Leuchtholz aus sich selbst heraus zu glimmen scheint. Die bestürzende Modernität des Klaviertrios besteht vielleicht darin, dass es die „alte“ Tonalität zu Ende denkt, indem es ihre Brüchigkeit ein letztes Mal zum Leuchten und damit auch zum Einsturz bringt. In gewissem Sinne ist Sabeneevs Opus 20 die Apotheose der Schwarzen Romantik und der musikalischen Décadence. Die Tonalität erscheint hier nicht, wie noch im früheren Schwesterwerk, mit Fragezeichen versehen, sondern steht hier durchweg in Anführungszeichen: Das Dur-/Moll-System wird gleichsam zitiert, es steht im Grunde für etwas anderes, wahrhaft „Unerhörtes“.

Michael Schäfer · Wen-Sinn Yang · Ilona Then-Bergh - © wildundleise.de, Quelle: GenuinDie Interpreten spielen mit einer solchen bedingungslosen Hingabe, Leidenschaft und Präzision, dass man ihre Lust und Entdeckerfreude, diese hochkarätigen Kronjuwelen aus der Kammer der verborgenen Musikschätze jetzt auf CD präsentieren zu können, förmlich mit Händen greifen kann. Auch die Klang- und Aufnahmetechnik der Silberscheibe ist überragend und lässt auch nicht die kleinsten akustischen Wünsche offen. Auch in dieser Beziehung ist die CD ein Non plus ultra.

Fazit: Ohne Übertreibung handelt es sich bei dieser sensationellen CD um die vielleicht wichtigste Kammermusik-Einspielung der letzten 20 Jahre. Die (Wieder-) Entdeckung der Klaviertrios von Leonid Sabaneev markiert einen der ganz seltenen Glücksfälle in der Geschichte der Klassik, die das Zeug dazu hat, die Musikgeschichte um eines der schönsten und wichtigsten Ensemble-Werke des 20. Jahrhunderts zu erweitern. CD des Monats - blog.codaex.deMan darf diese CD schon jetzt zur „CD des Jahres“, wenn nicht gar zur „CD des Jahrzehnts“ küren. Es müsste fast ein Wunder geschehen, wenn sich ein solcher diskographischer Glücksfall auch nur annähernd wiederholen ließ. Aber Wunder gibt es ja bekanntlich immer wieder. Lassen wir uns also überraschen, was die Reihe „Unerhört“ als nächstes zu Tage fördert. Natürlich: CD des Monats, erschienen im Februar 2012.

© Dr. Burkhard Schäfer

Unser Gast-Rezensent Dr. Burkhard Schäfer studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Tübingen und Wien. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er das Redaktionsbüro Schäfer. Spezialisiert auf den Bereich Kulturjournalismus (mit Schwerpunkt in der Klassik) hat Schäfer zahlreiche Interviews mit berühmten Vertretern der Musikszene geführt, beispielsweise mit Dietrich Fischer-Dieskau, Martha Argerich, Hans Werner Henze und Sofia Gubaidulina. Als freier Journalist schreibt er für Tageszeitungen, Fachmedien und Online-Portale wie Zeit-Online, Südwest Presse (SWP), die „neue musikzeitung“ (nmz) und das „Ensemble-Magazin für Kammermusik“.

Burkhard Schäfer lebt mit seiner Familie in Ulm und betreibt für das Redaktionsbüro Schäfer den Twitter-Account „Kammermusik“.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Leonid Sabaneev – Piano Trios von Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello) und Michael Schäfer (Klavier) ist am 24. Februar 2012 auf Genuin (GEN 12236) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Trio-Impromptu pour Piano, Violon et Violoncelle op. 4
  2. Sonate pour Piano, Violon et Violoncelle op. 20

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