Alban Gerhardt · Cecile Licad: Gabriel Fauré – Cello Sonatas
Geschrieben von Nils-Christian Engel in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
„Encores“ hatte der Berliner Cellist Alban Gerhardt zum Thema einer vielbeachteten CD gemacht, auf der er vor gut einem halben Jahr ausgesuchte Zugaben seines großen Idols Pau Casals neu interpretierte. Meilenweit entfernt von jeder wohlfeilen Cello-Hit-Sammlung stellte diese Hommage, die Gerhardt gemeinsam mit der philippinischen Pianistin Cecile Licad einspielte, eine ebenso ausgefallene wie klug musizierte Idee vor. Sehr wenige Monate vergingen nach dieser im Juni 2010 entstandenen Aufnahme, bis das Duo im Oktober desselben Jahres Gabriel Fauré (1845-1924) zur Einspielung brachte – sollte da mehr zu hören sein können als eine Zugabe zur Zugabe, nach dem Muster „Élégie plus X“? Aber bei aller Skepsis: das wäre nicht das Niveau dieser beiden Musiker. Gewiss ist ihr Fauré-Programm konzeptuell nicht so unorthodox-innovativ wie die Hommage an Casals, dafür überzeugt die wiederum bei Hyperion Records erschienene CD „Gabriel Fauré – Cello Sonatas“ aber durch die mustergültig gelungene Interpretation einer anspruchsvollen Materie.
Im Fokus steht das Spätwerk Faurés, mit den beiden Cellosonaten Nr. 1 in D-Dur op 109 und Nr. 2 in g-Moll op 117, zu denen sich die fünf kürzeren Kompositionen für Violoncello Romance op 69, Papillon op 77, Sérénade op 98 und Sicilienne op 78 gesellen, angeführt von besagter Élégie op 24 und abgerundet mit einer alternativen Interpretation des Allegro commodo aus der 1. Cellosonate. Hier wird also nicht ein zurechtgeschnittener Zugaben-Fauré vorgestellt, dessen sprichwörtliche Eleganz traditionell zur Abrundung so mancher Cello-Publikation herangezogen wird. Gerhardt und Licad gelingt es vielmehr, die überaus angenehme Oberfläche dieser Musik zu durchbrechen, ohne sie dabei zu beschädigen – indem sie den Einfallsreichtum und ebenso melodischen wie harmonischen Wagemut dieses Komponisten bedingungslos ernst nehmen.
Natürlich liegt der Schlüssel zu diesem Ansatz in den Werken selbst, denn die subtilen Spannungen und die Fragilität der späten Kammermusik Faurés sind gerade der Grund, weshalb diese Stücke so anspruchsvoll sind – der Komponist meidet hier den ausgreifenden Gestus noch mehr, so dass die Versuchung enorm ist, dieser noblen Zurückhaltung auf den Leim zu gehen und alles über den einen großen Kamm zu scheren, mit dem man – partiell genießend – bequem an Fauré vorbeihört. Werden aber, um die Zuspitzung noch etwas weiter zu treiben, die Sonaten nach Maßgabe der Élégie gespielt, bzw. nach den mit ihr verbundenen Hörgewohnheiten – dann bleibt von der gedanklichen Tiefe dieser Werke nicht viel übrig.
Gerhard und Licad wählen die Gegenrichtung, und es scheint, als entfalte das Studium der Cellosonaten seine guten Wirkungen gerade auch bei den früheren Kompositionen. Für diesen Zugang spricht nicht nur, dass der alte Fauré die künstlerische Auseinandersetzung mit seinem Frühwerk gesucht hat, wie der lesenswerte Begleittext von Roger Nichols anschaulich darlegt. Auch ohne dieses Wissen ist die CD aber ein erstaunliches und aufschlussreiches geistiges Hörerlebnis; wenigstens kenne ich keine Interpretation der Cellowerke Faurés, die sich durch eine so durchdachte Klarheit auszeichnet, in der präzise Phrasierungen mit einer selbstverständlich erscheinenden Einmütigkeit ausgeführt werden, und die dabei noch die Natürlichkeit in der Artikulation erreicht, die moderne französische Musik unbedingt verlangt. Viel an Fauré, das gebe ich gern zu, habe ich erst beim Hören dieser CD verstanden.
So ist es auch keine akademische Spielerei, dass der dritte Satz Allegro commodo aus der 1. Cellosonate am Ende des Programms in einer alternativen, schnelleren Fassung wiederholt wird.
Historisch gesehen ist seine Tempoangabe umstritten; künstlerisch offenbaren die beiden Versionen aber ganz unterschiedliche Aspekte ein und derselben Arbeit. Eine Reprise, mit der die Interpreten beeindruckend darlegen, wie viel es über Gabriel Fauré immer noch zu lernen gibt. Die besondere CD, erschienen im Januar 2012.
Unser Gast-Rezensent Nils-Christian Engel studierte Evangelische Theologie in Tübingen, Prag, Leipzig und Halle (Saale). Er arbeitet als PR-Journalist, bevorzugt an Streicherthemen, mit der persönlichen Begeisterung eines Amateur-Cellisten.
Die CD Gabriel Fauré – Cello Sonatas von Alban Gerhardt und Cecile Licad ist am 20. Januar 2012 bei Hyperion Records (CDA 67872) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Gabriel Fauré, Cellosonate Nr. 1 in d-Moll op 109
- Cellosonate Nr. 2 in g-Moll op 117
- Élégie op 24
- Romance op 69
- Papillon op 77
- Sérénade op 98
- Sicilienne op 78
- Allegro commodo, Finale der Cellosonate Nr. 1, in schnellerem Tempo
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