Tanja Becker-Bender · Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek: The Romantic Violin Concerto Vol. 11 – Max Reger – Violin Concerto in A major · Two Romances for violin and small orchestra
Geschrieben von Burkhard Schäfer in Neuerscheinungen, RezensionAn Max Reger (1873-1916) scheiden sich seit jeher die Geister. 1923 schrieb der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) in seinem Buch „Geist der Utopie“:
»Reger, ein leeres, gefährliches Können und eine Lüge dazu. (…) Er ist nichts, er hat nichts als eine Fingerfertigkeit höherer Ordnung, und das Empörende daran bleibt, dass er doch nicht nur nichts ist, ein Quell der beständigen, fruchtlosen Irritierung.«
Sein Komponistenkollege Arnold Schönberg(1874-1951) dagegen konstatierte:
»Reger muss meines Erachtens viel gebracht werden: 1. weil er viel geschrieben hat. 2. weil er schon tot ist und man immer noch nicht Klarheit über ihn besitzt. (Ich halte ihn für ein Genie).«
Und Paul Hindemith (1895-1963), einer seiner bedeutendsten Schüler, sagte lapidar:
»Max Reger war der letzte Riese in der Musik.«
Als einen solchen hat Max Beckmann (1884-1950) den Komponisten kurz nach dessen Tod gemalt. (s. rechts). Die neue Aufnahme seines monumentalen Violinkonzerts mit der Geigerin Tanja Becker-Bender und dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Lothar Zagrosek, erschienen beim britischen Label Hyperion Records, bietet nun eine gute Gelegenheit, den „Fall Reger“ neu zu überdenken.
Regers einziges Violinkonzert, im Jahr 1907 parallel zu seinen „Hiller-Variationen“ op. 101 und seinem nicht minder monumentalen Klaviertrio op. 102 „während langer Eisenbahnfahrten ‚im Kopf ausgearbeitet’“, wie es im sehr lesenswerten Booklet-Text heißt, teilt das Schicksal seines ebenfalls einzigen Klavierkonzerts: Es wird (um die Formulierung Schönbergs zu variieren) nicht viel gebracht: 1. weil es sehr schwer zu spielen und zu hören ist. 2. weil man immer noch nicht Klarheit darüber besitzt. (Ich halte beide Konzerte für genial).
Ganz offensichtlich stellt sich Reger mit seinem dreisätzigen Konzert in die Reihe der großen, singulären Werke von Beethoven und Brahms und betrachtete seinen eigenen Beitrag zu dieser Gattung wohl als eine Art der monumentalen Überbietung – und das bestimmt nicht im Sinne der Qualität, sondern zunächst einmal der Quantität und Masse.
Genau diese spezifisch Regersche Form der Opulenz ist dem Komponisten im Laufe der höchst unglücklichen Rezeptionsgeschichte seines Œuvres immer wieder vorgeworfen worden. Dabei verstellt nichts so sehr den Blick auf einen der faszinierendsten und fragilsten (!) deutschen Tonsetzer wie dieser Vorwurf. Regers Klangballungen, seine fast schon pathologisch zu nennenden chromatischen Wucherungen und seine geradezu manische Phrasierungsbesessenheit – viele seiner Notenbilder (s. links) sind kalligraphische Kunstwerke vom Schlage eines Cy Twombly oder Hans Hartung – zielen gerade nicht auf Wagners totale Absorbierung des Hörers, sondern bleiben trotz aller Opulenz feinst gezeichnete Protokolle von kammermusikalischer Intimität und Introspektion. Auch wenn es – vor allem in seiner Orchestermusik – vielleicht so klingen mag: Reger war kein Al-Fresco-Maler, sondern Kalligraph.
Ich wage die Behauptung, dass mit Max Reger die „absolute Musik zu ihrem „absoluten Höhepunkt“ kommt. Kein Komponist vor ihm (auch nicht Brahms) und keiner nach ihm (auch nicht Webern) hat so radikal und unbedingt „absolut reine Nur-Musik“ geschrieben wie Reger, und nichts charakterisiert ihn vielleicht besser, als dass niemand – am allerwenigsten er selbst – es gewagt, geschweige denn geschafft hat, einem seiner Kammermusikwerke (um bei der „reinsten“ Gattung zu bleiben) einen illustrierenden Namen anzuhängen. Es gibt – und das ist das spezifisch Regersche Skandalon und Faszinosum – nur Werke mit einem Gattungsnamen (Streichquartett), einer Tonartenbezeichnung (fis-Moll) und einer Opuszahl (op. 121).
Und damit wären wir wieder bei seinem Violinkonzert, diesem immer noch weitgehend unerschlossenen und unverstandenen Kammermusikwerk sui generis A-Dur op. 101 für großes Orchester und ein Solo-Instrument. Reger-Freunde (und solche, die es werden wollen) können sich glücklich schätzen, dass Hyperion mit seinem Vol. 11 der Serie The Romantic Violin Concerto“ nun eine Interpretation vorlegt, die das Werk in all seinen (kammer)musikalischen Feinheiten, aber auch in seiner ganzen orchestralen Pracht zum Leuchten bringt. Das vielleicht schönste Kompliment, das man der aus Stuttgart stammenden Geigerin Tanja Bender-Becker machen kann, ist, dass sie in ihrem Spiel ähnlich verfährt wie Max Reger beim Komponieren, der »Musik mit derselben natürlichen Folgerichtigkeit und Stetigkeit hervorbrachte wie ein Apfelbaum seine Früchte« (Alan Walker). Der „unendliche“ Klangstrom, den Becker-Bender ihrer wunderbar warm klingenden Guarneri del Gesù entlockt, fließt so natürlich aus ihrem Instrument heraus, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit und natürlichste Sache von der Welt, diese Musik (so) zu spielen. Was ihr zur ganz großen Interpretin noch fehlt, ist der ureigene, individuelle und unverkennbare Ton, wie ihn nur die Leuchttürme der Zunft wie etwa Jascha Heifetz oder Nathan Milstein hatten. Gleichwohl gelingt es ihr trefflich, die verschiedenen Charaktere der drei Sätze 1. „Allegro moderato“, 2. „Largo con gran espressione“ und 3. „Allegro moderato“ individuell herauszuarbeiten und dabei trotzdem die große, alles verbindende Linie nicht aus den Augen zu verlieren.
Das Konzerthausorchester Berlin unter der kundigen Stabführung von Lothar Zagrosek ist der ideale Begleiter von Tanja Becker-Bender. Trotz der enormen solistischen Dauerpräsenz der Violine entspinnt sich ein weitgespannter und über weite Strecken beglückend inniger Dialog mit dem Orchester, was einerseits für ein hohes Maß an Transparenz und Durchhörbarkeit sorgt, andererseits den epischen, ja geradezu linguistischen Sprachgestus des – paradox gesagt – intimen Mammutwerkes buchstäblich zu Wort kommen lässt. Allenfalls ist das Spiel der Musiker hie und da nicht zupackend, nicht „wild“ und ruppig genug. Wirklich störend an der Aufnahme ist nur das Klangbild der Solo-Kadenz im ersten Satz, der man (vor allem unter dem Kopfhörer) ablauscht, dass sie extra aufgezeichnet wurde, da sie lauter und aufdringlicher klingt und so den chromatischen Fluss unterbricht, von dem eine Reger-typische Sogwirkung ausgeht. Dieser Anziehungskraft kann man sich fast nicht entziehen, wenn man bereit ist, sich auf den – nochmals paradox gesprochen – bis zum Äußersten ausdifferenzierten heißen Magmastrom des hyperpolyphonen Klanggeschehens einzulassen.
Ein kurzes Wort noch zu den „Zwei Romanzen“ op. 50. Meiner Meinung nach hätte Hyperion besser daran getan, diese zwar netten, dabei reichlich gefälligen, aber nicht sonderlich elaborierten Gelegenheitswerke mit ihrem etwas geschmäcklerischen Gestus nicht auch noch auf die CD zu pressen, sondern das Violinkonzert für sich alleine „sprechen“ zu lassen. Weniger ist manchmal mehr.
Fazit: Diese CD ist ein hoch willkommener und wichtiger Beitrag zum Thema Reger, der bestens dazu angetan ist, das immer noch vorurteilsbehaftete Bild über einen der am meisten missverstandenen, dabei größten Komponisten auf der Schwelle zwischen Alt und Neu, Tradition und Moderne, 19. und 20. Jahrhundert zu revidieren. Tanja Becker-Bender, Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester liefern vielleicht noch nicht die ideale, aber doch eine beeindruckende Aufnahme seines Violinkonzerts in guter bis sehr guter Klangqualität. Ein ganz besonderer Dank geht an Wolfgang Rathert, den Autor des hervorragenden Booklet-Textes.
© Dr. Burkhard Schäfer
Unser Gast-Rezensent Dr. Burkhard Schäfer studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Tübingen und Wien. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er das Redaktionsbüro Schäfer. Spezialisiert auf den Bereich Kulturjournalismus (mit Schwerpunkt in der Klassik) hat Schäfer zahlreiche Interviews mit berühmten Vertretern der Musikszene geführt, beispielsweise mit Dietrich Fischer-Dieskau, Martha Argerich, Hans Werner Henze und Sofia Gubaidulina. Als freier Journalist schreibt er für Tageszeitungen, Fachmedien und Online-Portale wie Zeit-Online, Südwest Presse (SWP), die „neue musikzeitung“ (nmz) und das „Ensemble-Magazin für Kammermusik“. Am 18. Juni 2011 war er Studiogast von Ines Pasz in der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik extra“.
Burkhard Schäfer lebt mit seiner Familie in Ulm und betreibt für das Redaktionsbüro Schäfer den Twitter-Account „Kammermusik“.
Die CD The Romantic Violin Concerto Vol. 11: Max Reger - Violin Concerto in A major, Op. 101 · Two Romances for violin and small orchestra, Op. 50 des Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Lothar Zagrosek mit der Solistin Tanja Becker-Bender erscheint am 20. Januar 2012 auf Hyperion (CDA 67892) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Violinkonzert A-Dur, op. 101
- Zwei Romanzen für Violine und kleines Orchester, op. 50
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