Leipziger Streichquartett · Barbara Buntrock: Ludwig van Beethoven – String Quintets, op. 4 & 29
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, RezensionWenn man von der Bedeutung Beethovens für die Kammermusik spricht, so denkt man in erster Linie an seine sechzehn Streichquartette, seine zehn Violinsonaten und fünf Cellosonaten,
die als bahnbrechende Höhepunkte ihres jeweiligen Genres angesehen werden. Ludwig van Beethoven (1770-1827) schrieb aber nicht nur Streichquartette, Violin- und Cellosonaten, er schrieb, vor allem in seiner frühen und mittleren Phase, auch Kammermusik für andere Besetzungen. Am bekanntesten sind noch die Streich- und Klaviertrios, eher unbeachtet bleiben seine drei Streichquintette (und die Fuge für Streichquintett, op. 137). Vielleicht werden sie voreilig zu den vernachlässigbaren Nebenwerken gezählt, weil es sich bei den Streichquintetten fast ausnahmslos um Bearbeitungen anderer kammermusikalischer Werke handelt. Lediglich das Streichquintett in C-Dur, op. 29 ist eine Originalkomposition für die damals übliche ‘Wiener’ Besetzung mit zwei Violinen, zwei Bratschen und Cello, die Mozart in den 1780er Jahren populär gemacht hatte (im Gegensatz zu Boccherinis Streichquintett mit zwei Celli).
Das Leipziger Streichquartett gilt laut der Zeitschrift Gramophone als »das beste deutsche Streichquartett«
und auch wenn solch ein Superlativ in einem Land mit solch einer Leistungsdichte bei den Streichquartetten etwas subjektiv erscheinen mag, so ragt das LSQ zweifelsohne unter den allerbesten Streichquartetten heraus, übrigens nicht nur auf nationaler Ebene. Viele ihrer Einspielungen, die seit 1992 exklusiv beim Detmolder Qualitätslabel MDG erscheinen, gelten zurecht als Referenz: Ihr Mozart-Zyklus, ihre Schubert-Einspielungen, ihre Mendelssohn-Aufnahmen und ihre Gesamteinspielung des Kammermusikwerks der Zweiten Wiener Schule mit Werken von Schönberg, Berg und Webern sind nur einige ihrer diskografische Highlights. Das Leipziger Streichquartett steht für transparenten, präzisen Klang, klare Stimmenführung und ein tiefgründiges Verständnis für die unterschiedlichsten Komponisten und Epochen. Es ist dieses profunde musikwissenschaftliche und musikhistorische Wissen (und Einfühlungsvermögen!), das sie anderen Spitzenensembles voraus haben.
Für ihre neue CD mit den zwei Streichquintetten opp. 4 und 29 Beethovens haben sie sich mit Barbara Buntrock mit einer der erfolgreichsten Bratschistinnen der jüngeren Generation zusammengetan. Und obwohl die Leipziger zum ersten Mal für eine Aufnahme mit der Wuppertalerin ins Studio (und in den Konzertsaal) gingen, klingen die hier eingespielten Streichquintette wie aus einem Guss. Diese wirklich hinreißenden Frühwerke Beethovens zeichnen sich durch Eleganz und Kunstfertigkeit aus. Das kraftvolle Element, das Beethovens spätere Musik auszeichnet, ist nur stellenweise erkennbar (v.a. im Quintett op. 29).
Das frühere der beiden, das Quintett in Es-Dur, op. 4, hatte Beethoven noch im Unterricht bei Joseph Haydn aus dem in Bonn geschriebenen Bläseroktett (posthum veröffentlicht als op. 103) erarbeitet und 1795 noch einmal revidiert, bevor es 1796 im Druck erschien. Auch wenn Haydn selbst kein Quintett geschrieben hat (weil er »alles mit vier Stimmen ausdrücken könne«, soll Haydn gesagt haben), steckt in diesem Werk noch sehr viel von der Sorgfalt und Kunstfertigkeit, die Haydns Kammermusik auszeichnet und die der junge Beethoven so bewunderte.
Das spätere der beiden Quintette in C-Dur (von 1800/01), ist die eigentliche Überraschung der CD. Beethovens einziges ‘echtes’ Quintett erweist sich als kammermusikalische Großtat erster Güte und gleichzeitig als völlig anders geartet als seine zeitnah entstandenen Streichquartette op. 18. Zweifelsohne zeigte sich Beethoven beim Quintett deutlich experimentierfreudiger, kühner und nonkonformistischer, was die tradierten Kompositionstechniken anbelangt. Die ausführenden Musiker glänzen hier (wie auch beim dem Quintett in Es-Dur) durch eine perfekte Balance von Temperament und Zurückhaltung, machen Beethovens kleine und große Kunstgriffe hörbar. Gerade im dynamischen Bereich überraschen die Musiker mit einer bemerkenswerten Feinabstimmung. So nuancenreich wurden diese Quintette gewiss noch nie aufgenommen. Dank der (gewohnt) exzellenten MDG-Tontechnik ist dies auch in jeder Sekunde der CD hörbar.
Fazit; Eine exzellente Einspielung bemerkenswerter Musik, die zu Unrecht eher unbeachtet bleibt, ausgeführt von fünf herausragenden Musikern. Eine Überraschung ist dies bei den Leipzigern freilich nicht, wohl aber immer wieder erfreulich.
Die CD Ludwig van Beethoven – String Quintets, op. 4 & 29 des Leipziger Streichquartett und Barbara Buntrock ist am 18. November 2011 bei MDG (MDG 307 1715) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Streichquintett für 2 Violinen, 2 Violen und Cello in Es-Dur, op. 4
- Streichquintett für 2 Violinen, 2 Violen und Cello in C-Dur, op. 29
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