Dass Mitteleuropa zu Zeiten des Barocks ein Zentrum für Musik, speziell für sakrale Musik war, ist wohl kein Geheimnis mehr. Dass unser Blick heute dabei stark auf Johann Sebastian Bach (1685-1750) fokussiert ist, mag viele gute und berechtigte Gründe haben, dass wir dabei aber oft andere originelle und hörenswerte Komponisten allzu leichtfertig übergehen ist ebenso unbestritten. Ein gutes Beispiel für solch einen immer noch unterschätzten Komponisten ist der aus Böhmen stammende, lange Zeit in Dresden wirkende Jan Dismas Zelenka (1679-1745). Dieser komponierte, laut Wikipedia, »höchst originelle und unkonventionelle Orchester- und Vokalwerke«, die auch außerhalb seiner Heimat denselben hohen Stellenwert genießen sollten, die ihnen gebühren.

Collegium Marianum, Jana Semerádová: Jan Dismas Zelenka - SepolcriDie erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eingesetzte Renaissance seines Œuvres hat eine Fülle erstaunlicher Werke seiner Dresdner Zeit zu Tage gebracht, doch auch sein Frühwerk seiner Prager Zeit oder der ersten Dresdner Jahre – Zelenka lebte und arbeitete seit 1710 (mit einer längeren Unterbrechung von 1716-1719, wo er in Wien bei Johann Joseph Fux studierte) am sächsischen Hof in Dresden – birgt einige hochkarätige Momente, die schon vieles beinhalten, was Zelenka in späteren Jahren perfektionieren sollte.

Die auf der neuen CD des Prager Collegium Marianum, eines der renommiertesten Alte-Musik-Ensembles der Tschechischen Republik, unter dem Titel Sepolcri (Ital., von Lat. Sepulcrum Sacrum, wörtlich heiliges Grab, allgemeine Bezeichnung der Osternachtfeier im liturgischen Jahr) zusammengetragenen drei Osternacht-Kantaten Immisit Dominus pestilentiam (Prag 1709), Attendite et videte (Dresden 1712) und Deus est fortissime (Wien 1716) gehören zu den frühesten im Autograph erhaltenen Zelenka-Werke. Ihnen gemein ist Zelenkas typische Kühnheit des Nonkonformisten, bisweilen aber auch eine aus Unerfahrenheit resultierende Unausgewogenheit, die er später gänzlich ablegen sollte. Gleichzeitig enthalten die Kantaten einige der schönsten Momente in Zelenkas Schaffen überhaupt, etwa die Arie Orate pro me lacrimae in Immisit Dominus pestilentiam oder die überaus gelungene Stimmenführung im Schlussteil von Deus est fortissime.

Sowohl die fachkundig von Jana Semerádová geleiteten Musiker und Musikerinnen des Collegium Marianum (an Originalinstrumten), als auch die Chor- und Solo-Sänger (herausragend die Sopranistin Hana Blažíková) erweisen sich als bestmögliche Botschafter dieser Weltersteinspielungen. Ebenso bemerkenswert ist Semerádovás warmer und reiner Klang an der Querflöte, der in diesen Werken immer wieder gut zur Geltung kommt.

Das Booklet mit lesenswerten Anmerkungen zu Zelenkas nur teilweise bekannter Vita und zu den hier vorgestellten Kantaten in vier Sprachen (Englisch, Deutsch, Französisch und Tschechisch), sämtlichen Libretti und Künstlerbiografien (immerhin zweisprachig, Englisch und Tschechisch) ist vorbildlich. Der Klang der CD ist transparent: Die einzelnen Stimmen und Instrumente sind klar vernehmbar und bleiben auch in den Tutti-Passagen bemerkenswert deutlich dank einer angenehmen Klangarchitektur in Sankt Maria unter der Kette in Prag, in der das Album aufgenommen wurde.

Die Besondere CD - CodaexEine hochinteressante CD mit drei Weltersteinspielungen eines der interessantesten  (Kirchen-) Komponisten des Barocks in Mitteleuropa, vorbildlich von den Musikern und Technikern umgesetzt. Die besondere CD, erschienen im Januar 2012.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Jan Dismas Zelenka – Sepolcri des Collegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová ist am 20. Januar 2012 auf Supraphon (SU 4068) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Immisit Dominus pestilentiam, ZWV 58 (1709)
  2. Attendite et videte, ZWV 59 (1712)
  3. Deus est fortissime, ZWV 60 (1716)


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