Markus Becker · BBC National Orchestra of Wales, Thierry Fischer: The Romantic Piano Concerto Vol. 55 – Charles-Marie Widor – Piano Concerto No. 1 in F minor · Fantaisie in A flat major · Piano Concerto No. 2 in C minor
Geschrieben von Burkhard Schäfer in Neuerscheinungen, RezensionUnser Gast-Rezensent Dr. Burkhard Schäfer studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Tübingen und Wien. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er das Redaktionsbüro Schäfer. Spezialisiert auf den Bereich Kulturjournalismus (mit Schwerpunkt in der Klassik) hat Schäfer zahlreiche Interviews mit berühmten Vertretern der Musikszene geführt, beispielsweise mit Dietrich Fischer-Dieskau, Martha Argerich, Hans Werner Henze und Sofia Gubaidulina. Als freier Journalist schreibt er für Tageszeitungen, Fachmedien und Online-Portale wie Zeit-Online, Südwest Presse (SWP), die „neue musikzeitung“ (nmz) und das „Ensemble-Magazin für Kammermusik“. Am 18. Juni 2011 war er Studiogast von Ines Pasz in der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik extra“.
Burkhard Schäfer lebt mit seiner Familie in Ulm und betreibt für das Redaktionsbüro Schäfer den Twitter-Account „Kammermusik“.
Ohne Übertreibung darf man sagen, dass die vom britischen Label Hyperion Records vor ziemlich genau 20 Jahren ins Leben gerufene Serie „The Romantic Piano Concerto“ sich längst zu der wohl wichtigsten CD-Reihe ihrer Art gemausert hat. Was am 6. November 1991, dem Erscheinungstag von Volume 1 [→ bei amazon.de | → bei jpc.de], mit den Klavierkonzerten von Paderewski und Moszkowski begann, erreicht mit den beiden schönen Klavierkonzerten von Charles-Marie Widor (1844–1934) und seiner nicht minder berührenden „Fantaisie“ für Klavier und Orchester jetzt die stolze „Hausnummer“ 55 – und ein Ende der Reihe ist, so hat es den Anschein und so ist auch nur zu hoffen, immer noch nicht abzusehen.
Erst unlängst hat Blog-Betreiber Sal Pichireddu an dieser Stelle dem Volume 54 der Reihe seine Referenz erwiesen. Vieles, was dort gesagt wurde, gilt auch für die Nummer 55. Wieder einmal ist es schier unfassbar, dass die beiden Klavierkonzerte von Widor erst jetzt von Hyperion zum ersten Mal auf Platte eingespielt worden sind. Das ist um so erstaunlicher, als es sich bei diesen Werken nicht etwa um zurecht vergessene oder an den Rand gedrängte Konzerte minderer Güte handelt, sondern im Gegenteil um zwei Musterbeispiele ihrer Gattung, die alles, aber auch wirklich alles haben, was das Herz und Ohr begehren: Kantabilität, Melodienreichtum, Spielwitz, kompositorische Meisterschaft und tiefste Musikalität.
Hätte Charles Marie Widor, der in Deutschland allenfalls als Orgelkomponist und „titulaire“ an der Kirche Saint-Sulpice bekannt ist, nur das f-Moll-Klavierkonzert aus dem Jahre 1876 geschrieben – er wäre trotzdem ein herausragender Komponist. Auch wenn dieses Werk aus der französischen Hochromantik noch ganz in der Tradition der großen deutschen Klavierkonzerte eines Beethoven und Brahms steht, kann man es keinesfalls als epigonal oder gar eklektizistisch bezeichnen. Wie alle Werke des vornehmen Franzosen, der, weiß Gott, mehr geschrieben hat als nur die „Toccata“ aus seiner 5. Orgelsinfonie, auf die er notorisch festgelegt wird, besitzt auch das Konzert diese Widor-typische Altmeisterlichkeit und zurückhaltende Noblesse, die sein Œuvre für Kenner so anziehend macht. Vielleicht kann man das Wesen des f-Moll-Konzerts, ja die Musik von Widor generell, auf die folgende Formel bringen: Sie bietet keine Überraschungen, gewinnt aber mit jedem Hören an Substanz hinzu.
Und genau so wird sie von dem ausgezeichnet disponierten BBC National Orchestra of Wales unter seinem Dirigenten Thierry Fischer und Markus Becker am Klavier auch gespielt. Alle Musiker agieren, man verzeihe die etwas altmodische Ausdrucksweise, völlig uneitel im Dienst der Sache. So entsteht eine Aufnahme, die man nahezu mustergültig nennen könnte – wäre da nicht dieses Klavier. Nein, Markus Becker ist kein schlechter Pianist, er ist ein guter, vielleicht sogar sehr guter Pianist, aber sein Spiel wirkt – bei aller zugestandenen Könnerschaft – in allen drei Werken etwas blass und, bei allem Respekt, langweilig. Zur allerersten Riege der großen Klavierspielerinnen und Klavierspieler – Martha Argerich, Marc-André Hamelin, Krystian Zimerman – gehört er nicht, dafür fehlen ihm hörbar der eigene Ton und die Unverwechselbarkeit des Anschlags.
Was oben über Widors erstes Klavierkonzert gesagt wurde, gilt – mit Einschränkungen – auch für sein zweites in c-Moll aus dem Jahre 1905. Rund 30 Jahre nach dem f-Moll-Werk entstanden, ist es komplexer und – mit seiner knapp 20minütigen Spielzeit – auch konziser in der Anlage als sein halbstündiges Schwesterwerk. An die Stelle der romantisch ausladenden Weitschweifigkeit tritt hier Energie, Leidenschaft und, ja, Expression. Höhepunkt des Konzertes – und vielleicht der ganzen CD – ist der dritte Satz „Tempo deciso“, auf den alle musikalischen Entwicklungen des Werkes zulaufen und den man als Juwel unter den wahrlich nicht edelsteinarmen Sätzen aus der Feder von Widor bezeichnen darf.
Die zeitlich zwischen den beiden Konzerten stehende „Fantaisie“ in As-Dur aus dem Jahr 1889 charakterisiert ihr Widmungsträger, der Pianist Isodore Philipp, zutreffend mit den Worten „heiter und edel“ sowie „von unfehlbar gutem Geschmack“. Sie ist vielleicht ein bisschen akademischer geraten als die beiden Konzerte, aber gleichwohl ein geniales Stück Musik. Man kann dem ersten Rezensenten auch heute noch beipflichten, der vor mehr als 120 schrieb: „Das Werk ist mehr als nur ein brillantes und wirkungsvolles Stück, da es, wie alle Kompositionen Widors, eine ernsthafte Zielgerichtetheit, große Originalität und nicht wenig melodische Schönheit besitzt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
© Dr. Burkhard Schäfer
Die CD The Romantic Piano Concerto Vol. 55: Charles-Marie Widor – Piano Concerto No. 1 in F minor · Fantaisie in A flat major · Piano Concerto No. 2 in C minor des BBC National Orchestra of Wales unter der Leitung von Thierry Fischer mit dem Solisten Markus Becker ist am 18. November 2011 auf Hyperion (CDA 67817) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Klavierkonzert No. 1 in f-Moll, op. 39
- Fantaisie in As-Dur, op. 62
- Klavierkonzert No. 2 in c-Moll, op. 77
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