Antonio VivaldiAllein in den vergangenen sechs Wochen sind rund ein halbes Dutzend CDs mit den berühmten Violinkonzerten Le Quattro Stagioni von Antonio Vivaldi (1678-1741) neu und wiederveröffentlicht worden. Neben Mozarts Kleiner Nachtmusik, Bachs Toccata und Fuge in d-moll, BWV 565 natürlich und Beethovens Sinfonie No. 5 in c-moll gehören die vier Konzerte zu den populärsten Werken der gesamten Musikgeschichte und stehen sogar oft in CD-Sammlungen, in denen oft keine andere klassische Musik zu finden ist. Es ist müßig über den späten Erfolg der Konzerte zu spekulieren, also warum diese vier Violinkonzerte gerade heutzutage den Geschmack so vieler zu treffen scheinen. Tatsache ist, dass sie erst durch die Aufnahmen der Violinisten Bernardino Molinari (1942), Louis Kaufman (1948) und Felix Ayo (1955, 1959) im 20. Jahrhundert popularisiert wurden. Heute listet die World’s Encyclopedia of Recorded Music mehr als 1000 Veröffentlichungen der Vier Jahreszeiten in allen möglichen (und unmöglichen) Varianten auflistet.

Es drängt sich natürlich die Frage auf, ob es wirklich Sinn macht, eine neue Aufnahme dieser ersten vier Konzerte aus Vivaldis zwölfteiligem Opus 8 “Il cimento dell’armonia e dell’inventione” (zu Deutsch Der Wettstreit  zwischen bzw. Das Wagnis von Harmonie und Erfindung) auf den Markt zu bringen, zumal es längst Einspielungen für jeden Gusto zu geben scheint: Von der traditionell gediegenen Interpretationsweise des italienischen Ensembles I Musici (speziell jene von 1955 und 1959 mit Felix Ayo) über den betont nicht-romantisierten Ansatz der Academy of St Martin in the Fields (1969), den kommerziell sehr erfolgreichen Aufnahmen von Anne-Sophie Mutter (1984) oder Nigel Kennedy (1989), bis hin zu den historisch-informierten Referenz-Aufnahmen der Eheleute Nikolaus und Alice Harnoncourt (1976) oder des Ensembles Il Giardino Armonico (1993) mit seiner radikal zugespitzten Deutung. Tendenziell würde ich die Frage eher mit »Nein, man braucht keinesfalls eine weitere Neuaufnahme« beantworten, wenn es dann aber doch nicht immer wieder intelligente Ensembles gäbe, die aus den wohl bekannten Violinkonzerten neue Aspekte und Sichtweisen, neue Nuancen und Feinheiten herausarbeiten könnten.

B'Rock: A. Vivaldi - J. Cage - 8 SeasonsDem belgischen Originalinstrumente-Ensemble B’Rock ist dies mit einem spannenden Experiment gelungen: Auf ihrem neuen Album “8 Seasons” kombinieren sie die berühmten Quattro Stagioni mit einer von Frank Agsteribbe  erstellten Bearbeitung des Streichquartetts von John Cage (1912-1992) für Barockorchester. Was auf den ersten Blick völlig widersinnig erscheint, ist in de facto eine ziemlich clevere Lösung: Cage forderte vibratoloses Spiel und geringen Bogendruck, etwas, das sich mit den barocken Instrumenten des belgischen Originalinstrumente-Ensembles perfekt umsetzen läßt. Die bei Etcetera erscheinende Doppel-CD (zum Preis einer Einzel-CD) bietet auf der ersten Disc eine alternierender Anordnung der Werke, sprich: Nach einem vollständigen Violinkonzert von Vivaldi folgt ein Satz des Streichquartetts und auf der zweiten Disc eine ‘traditionelle’ Anordnung, also die beiden Werke vollständig nacheinander. Das Faszinierende ist: Die Kombination kann nicht nur durch eine Art ‘Kuriositätsbonus’ überzeugen. De facto ist es wirklich so, dass die zwischen die Konzerte eingeschobenen Sätze des Cage-Streichquartetts ungemein mit den Vivaldi-Konzerten harmonieren. Sie wirken wie moderne Fußnoten der Konzerte, wie Kommentare oder das intellektuelle Echo der Moderne auf Vivaldis Geniestreich und man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass Cage sie eigentlich nicht für diesen Anlass geschrieben hat, obwohl sie wirklich bestens dafür geeignet sind.

Dann wäre da noch die spielerisch herausragende Leistung des belgischen Ensembles: So nuanciert, so wohlüberlegt, so klug dosierend habe ich das Verspielte, das Tänzerische, das Anmutige, das Träumerische und das Aufwühlende in Vivaldis Konzerten noch nie gehört. B’Rock hat sich offenbar bei jedem Konzert, ja bei jedem Satz genau überlegt, wie sie klingen möchten, welchen Eindruck Vivaldi mit der Musik (und den dazugehörigen Sonetten) hervorrufen wollte. Das Gesamtergebnis gestaltet sich so ungemein variabel: An manchen Stellen spielen B’Rock mit feinster aristokratischer Eleganz, dann wieder mit aufwühlendem Temperament, bäuerlicher Derbheit oder schlichter Poesie. Bei den Musikern glänzt nicht nur der exzellente Solist Rodolfo Richter, sondern endlich einmal das ganze Ensemble bis in die exzellente Basso-continuo-Sektion.

Durch eine hervorragende Aufnahmetechnik wird die gesamte dynamische Bandbreite des Ensembles eingefangen: Sowohl das kraftvolle Spiel in den Presti und den Allegri molto, als auch die stille, fast kontemplative Zurückhaltung in den Larghi und Adagi und alle möglichen Facetten eines klanglichen Chiaroscuros kann man hier heraushören. Das mehrsprachige Booklet (Englisch, Französisch, Deutsch) mit einem Interview mit Arrangeur und Ensemblegründer Frank Agsteribbe steckt in einem originell gestalteten Artwork.

Die Besondere CD - CodaexEs gibt sie noch, die überraschenden, aufregenden und vollends überzeugenden Einspielungen der Quattro Stagioni. In der Kombination mit Cage und so inspiriert gespielt von einem superben Ensemble wecken selbst die bekanntesten Gassenhauer so etwas wie aufregenden Entdeckergeist im Hörer. Zum ersten Mal in fast zwei Jahren Codaex-Blog verleihe ich für diese Produktion die höchstmögliche Punktzahl. Natürlich ist dies eine besondere CD, erschienen im Oktober 2011.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die Doppel-CD Antonio Vivaldi | John Cage – 8 Seasons des Barockorchesters B’Rock mit Rodolfo Richter als Solisten  ist am 20. August 2010 auf Etcetera (KTC 1429) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Antonio Vivaldi – Le Quattro Stagioni: Concerto No. 1 – La primavera, op. 8/1, RV 269
  2. John Cage – String quartet in four parts – Quietly flowing along (Arr. F. Agsteribbe)
  3. Antonio Vivaldi – Le Quattro Stagioni: Concerto No. 2 – L’estate, op. 8/2, RV 315
  4. John Cage – String quartet in four parts – Slowly rocking (Arr. F. Agsteribbe)
  5. Antonio Vivaldi – Le Quattro Stagioni: Concerto No. 3 – L’autunno, op. 8/3, RV 293
  6. John Cage – String quartet in four parts – Nearly stationary (Arr. F. Agsteribbe)
  7. Antonio Vivaldi – Le Quattro Stagioni: Concerto No. 4 – L’inverno, op. 8/4, RV 297
  8. John Cage – String quartet in four parts – Quodlibet (Arr. F. Agsteribbe)

  9. Antonio Vivaldi – Le Quattro Stagioni – Concerti Nos. 1 – 4, op. 8/1-4
  10. John Cage – String quartet in four parts (Arr. F. Agsteribbe)


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