The Gonzaga Band: Chamber Vespers – Miniature Masterpieces of the Italian Baroque
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, RezensionDenk man an die geistliche Musik des Barocks, so fallen einem vor allem die großen Messen, Vespern, Oratorien und Passionen ein, die die großen Barockmeister Claudio Monteverdi (1567–1643), Johann Sebastian Bach (1685–1750), Georg Friedrich Händel (1685–1759) und vielleicht noch Georg Philipp Telemann (1681–1767) komponiert haben. Doch die Realität sah in Europa vor allem im 17. Jahrhundert anders aus: Kleinere oder ländliche Kirchen hatten weder das Budget, noch die geeigneten Musiker, um die großformatigen Werke (wie eben das Marienvesper von Monteverdi) aufzuführen. So entstand eine beträchtliche Fülle von geistlicher Musik für kleine Gesangs- und Instrumentalensembles für den alltäglichen Gebrauch.
Gerade für das tägliche Abendgebet der Vesper entstanden im Italien des 17. Jahrhunderts viele Werke kleiner Meister, die oft als lokale oder regionale Größen die Gemeinden mit geeigneten Kompositionen versorgten. Es entwickelte sich der Usus, der, ganz Monteverdis berühmter Vorlage folgend, die fünf Psalmen (Dixit Dominus, Laudate pueri, Laetatus sum, Nisi Dominus, Lauda Jerusalem) mit den anderen formalen Elementen der Vesper (die Intonation Deus in adiutorium, das Responsorium Domine ad adiuvandum, einer Hymne wie Ave, maris stella und der Lobgesang Marias Magnificat) mit außerliturgischen Stücken abzuwechseln.
Das neue Album des englischen Originalinstrumente-Ensembles The Gonzaga Band versucht den Ablauf solch einer Vesper in Nord- und Mittelitalien nachzuempfinden. Dafür hat man Werke von elf Komponisten zusammengestellt. Einige von ihnen hatten niedere Priesterweihen oder waren Mönche, die wenigsten von ihnen sind heute noch der Musikwelt bekannt: Orazio Tarditi (1602-1677), Adriano Banchieri (1568-1634), Giovanni Paolo Cima (ca. 1570-1630), Giacomo Finetti (ca. 1605-1631, Alessandro Piccinini (1566-ca. 1638), Francesco Petrobelli († 1695), Girolamo Frescobaldi (1583-1643), Natale Monferrato (ca. 1615-1685), Archangelo Crotti († ca. 1606), Giovanni Felice Sances (ca. 1600-1679) und Maurizio Cazzati (1616-1778).
“Meisterwerk-Miniaturen”, so lautet der Untertitel des Albums. Hört man diese bei Chaconne, dem Alte-Musik-Label von Chandos, erschienene CD fragt man sich bald, ob das Meister nicht eher den Interpreten zu gelten hat. Fakt ist, dass gewiss nicht alle hier zusammengefassten Kompositionen (einige davon als Weltersteinspielung) über den Status sauber durchgeführter Handwerkskunst hinausreichen. Um künstlerische Höhenflüge ging es vermutlich auch gar nicht allen Komponisten, wohl aber um eine stimmige Umsetzung der Textvorlage: Schließlich erfüllt ja die geistliche Musik in Zeiten der Gegenreformation immer auch ein explizit didaktisches Ziel.
Unzweifelhaft jedoch ist die Meisterschaft, mit der das Ensemble um den Zink-Virtuosen James Savan die Musik präzise und authentisch zum Leben erweckt. Die Gonzaga Band präsentiert sich auf diesem Album im wahrsten Sinne des Wortes als Band, als fest eingespieltes, genau aufeinander abgestimmtes Ensemble, bei dem jeder Musiker (und die beiden Musikerinnen) die Gelegenheit bekommt, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Das hört man selbst heute, wo es einige exzellente Alte-Musik-Ensembles gibt, in dieser Perfektion selten. Und noch etwas: Nicht, dass es künstlerisch wirklich ins Gewicht fallen würde, aber ich persönlich bin auch sehr dankbar dafür, dass sich die sechs Musiker als jugendlich-sympathische Gruppe in Alltagskleidung fotografieren ließ und auf Gediegenes oder aufgesetzt Altertümliches verzichtete.
Auch wenn ich oben angemerkt habe, dass das Attribut “Meisterwerk” für einige Werk hier gewiss zu hoch gegriffen ist: Die Bandbreite dieser geistlichen Werke ist bemerkenswert und führt teilweise zu überraschenden (neuen) Einsichten. Hört man etwa Francesco Petrobellis “Laetatus sum”, so klingt der Psalm mit seinen Verzierungen eher nach einer Arie aus der Oper. Dasselbe gilt für Orazio Tarditis Duett “Nisi Dominus”: So viel Koloratur würde ebenso gut zu zwei klagenden Nymphen in einer arkadischen Oper passen. Da passt es ganz gut, dass die wundervollen Sängerinnen Fave Newton (Sopran) und Clare Wilkinson (Mezzosopran) so sauber und gleichzeitig so sinnlich (!) singen. Die Verweltlichung der geistlichen Musik, die Monteverdi eingeläutet hatte, ist in diesen Miniaturen allgegenwärtig und wird von der Gonzaga Band meisterlich umgesetzt. Somit ist diese CD nicht nur eine sehr interessante Veröffentlichung eines bemerkenswerten Alte-Musik-Ensembles geworden, sondern auch ein Stückchen erklärende Zeitreise. Wo wir wieder bei der Didaktik wären.
So locker ihr Auftreten in Jeans, offenem Hemd und Turnschuhen auch sein mag: The Gonzaga Band belegen mit diesem Album, dass sie zu den besten und ernsthaftesten kleinen Alte-Musik-Ensembles derzeit zu zählen sind. Die besondere CD, erschienen im September 2011.
Die CD Chamber Vespers – Miniature Masterpieces of the Italian Baroque vom Ensemble The Gonzaga Band ist am 16. September 2011 auf dem Chaconne (CHAN 0782), dem Alte-Musik-Label von Chandos erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Orazio Tarditi – Domine ad adjuvandum me
- Adriano Banchieri – Dixit Dominus (Psalm 109)
- Giovanni Paolo Cima – Sonata per il cornetto e trombone
- Giacomo Finetti – Laudate pueri (Psalm 2) – für Gesang, Zink und Continuo
- Alessandro Piccinini – Toccata 4 für Laute (aus “Intavolatura di Liuto”)
- Francesco Petrobelli – Laetatus sum (Psalm 3) – für Gesang, Zink und Continuo
- Girolamo Alessandro Frescobaldi – Canzoni da sonare…libro primo, No.3, canto solo, Canzon terza – für Instrumente
- Orazio Tarditi – Nisi Dominus (Psalm 4) – für mehrstimmigen Gesang und Continuo
- Girolamo Alessandro Frescobaldi – Capricci … et arie in partitura, Vol.1 No.11, Capriccio Undecimo sopra un soggetto – für Cembalo
- Natale Monferrato - Lauda Jerusalem (Psalm 5) – für zwei Stimmen, zwei Zinke und Continuo
- Archangelo Crotti – Sonata sopra ‘Sancta Maria’ – für Gesang und Ensemble
- Giovanni Felice Sances – Ave maris stella – Motette
- Adriano Banchieri - Magnificat primi toni
- Maurizio Cazzati – Regina caeli – für Gesang, 2 Zinke und Continuo
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