Alban Gerhardt & Cecile Licad: Encores – as performed by Pablo Casals
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Der Berliner Cellist Alban Gerhardt verdankt seine ersten musikalischen Impulse dem wohl wichtigsten Cellisten des 20. Jahrhunderts, dem Spanier (genauer, dem Katalanen) Pablo Casals (1876-1973). Wie so viele andere Cellisten (und Musikfreunde!) vor und nach ihm, lernte er Casals über dessen zahlreichen Schallplattenaufnahmen kennen und liebte an ihm »seine Eindringlichkeit, seine Artikulation und seine “interpretierende” Intonation (er spielte die kleine Terz sehr tief, Leittöne sehr hoch usw.)«. Obwohl Gerhardts späterer Lehrer Boris Pergamenschikov ihm »eine modernere und großzügigere Art des Cellospiels« beibrachte, blieb seine Liebe zu Casals’ Stil ungebrochen.
Vielleicht war es auch diese besondere Hingabe, die ihn dazu veranlasste, aus den fünf Schallplatten Casals mit Zugaben seine 20 liebsten Stücke herauszusuchen und sie auf einer Art Tribute-Album zusammenzufassen. Die Kunst dabei war, Casals nicht zu imitieren (was sicher schwer, vor allem aber sinnlos wäre), sondern als Alban Gerhardt diese Miniaturen, die teilweise der ‘leichten’ Salonmusik zuzuordnen sind, mit der selben Empfindsamkeit und Ernsthaftigkeit zu spielen, mit der es Casals getan hat. Das Ergebnis “Encores – as performed by Pablo Casals” ist nun auf Hyperion Records erschienen.
Es ist eine sehr eigene Mischung, die hier von Gerhardt zusammengetragen wurde und die doch im Grunde so typisch für die Bandbreite Casals ist, auch (und gerade) in seinen Zugaben. Sie reicht von der Klassik mit einem Auszug einer Sonate von Luigi Boccherini (1743-1805), über die Romantik mit Werken von Frédéric Chopin (1810-1849), Camille Saint-Saëns (1835-1921) und Gabriel Fauré (1845-1924), dem Impressionismus mit einem Menuett von Claude Debussy (1862-1918) bis zur spanischen Musik mit Miniaturen von Enrique Granados (1867-1916) und Manuel De Falla (1876-1946) und der gediegenen Salonmusik von Edward MacDowell (1860-1908) und David Popper (1843-1913). So unterschiedlich die Werke auch insgesamt sein mögen, ihnen allen ist (zumindest auf dieser CD) in Gerhardts Spiel ein weicher, freundlicher Grundton und eine gewisse ‘ernsthafte Grundhaltung’ gemein: Hier wird nichts trivialisiert, Emotionen werden nicht zu Kitsch entwertet, ganz im Sinne des Vorbildes Casals. Als ideale Begleiterin Gerhardts erweist sich hier die Philippina Cecile Licad am Klavier, die mit ihrem überaus zurückhaltenden Spiel (zurückhaltend, nicht zu zurückhaltend!) diese respektvolle, hingebungsvolle Ernsthaftigkeit unterstreicht.
Ich will ehrlich sein: Einiges des hier vorgestellten Materials gehört nicht unbedingt zu der Art von (Cello-) Musik, die ich normalerweise bevorzuge. Aber das Einfühlungsvermögen, mit der Alban Gerhardt diese Auswahl, diese Hommage spielt, die Kunstfertigkeit, mit der er nach der Art Casals spielt, ohne Casals zu imitieren, ist wirklich hörenswert und über alle Maße beeindruckend. Und selbst wenn man, wie ich, den vielen zart schmelzenden Werken auf diesem Album zunächst etwas ratlos gegenüber steht, so prophezeie ich, dass jeder Hörer an irgendeinem Punkt des Albums von Gerhardts sanglichem, betörenden Spiel berauscht wird, spätestens bei der Bearbeitung des Regentropfen-Prélude von Chopin. Dieses Album ist, man vergebe mir das abgegriffene Klischee, wie eine Reise in eine gute, alte Zeit, als der große Pablo Casals am Ende seiner Programme das Publikum noch einmal mit diesen Miniaturen in eine andere Welt zauberte. Wie schön, dass es mit Alban Gerhardt noch einen Cellisten gibt, dem das ebenso gelingt.
Hier noch, als Appetithappen ein Video über das Album:
Die CD Encores – as performed by Pablo Casals von Alban Gerhardt und Cecile Licad ist am 17. Juni 2011 auf Hyperion (CDA 67831) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- David Popper – Chanson villageoise, op.62/2
- Claude Debussy – Menuet (3. Satz aus der “Petite suite”), arr. Gaston Choisnel (1857-1921)
- Benjamin Godard – Berceuse de Jocelyn
- Giovanni Sgambati – Serenata napoletana, op. 24/2
- Eduard Lassen – Mit deinen blauen Augen, arr. Pablo Casals
- Frédéric Chopin – Nocturne in E flat major, op. 9/2, arr. David Popper
- Gabriel Fauré – Après un rêve, op. 7/1, arr. Pablo Casals
- David Popper – Mazurka in g-Moll, op. 11/3
- Richard Wagner – Lied an den Abendstern (Transkription aus “Tannhäuser”), arr. Leo Schulz
- David Popper – Vito (No 5 aus “Spanish Dances”, op. 54)
- Edward Elgar – Salut d’amour, op. 12
- Luigi Boccherini – Allegro moderato (1. Satz aus der Sonate in A-Dur, G4)
- Manuel De Falla – Nana (No. 5 aus “Siete Canciones populares españolas”), arr. Maurice Maréchal
- Edward MacDowell – Romanze, op. 35
- Enrique Granados – Andaluza (No. 5 aus “Danzas españolas”, op. 37), arr. Pablo Casals
- Fritz Kreisler – Chanson Louis XIII und Pavane
- Frédéric Chopin – Sostenuto ‘Regentropfen-Prélude’ (aus “24 Préludes”, op. 28), arr. Pablo Casals
- Camille Saint-Saëns – Le Cygne (No. 13 aus “Le carnaval des animaux”)
- Camille Saint-Saëns – Allegro appassionato, op. 43
- Trad. – The Song of the Birds, arr. Pablo Casals
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