Tomáš Jamník · Prague RSO, Tomáš Netopil: Antonín Dvořák – Complete Works for Cello & Orchestra
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, RezensionZu den bekanntesten Werken des tschechischen Komponisten Antonín Dvořák (1841-1904) gehört zweifelsohne das wundervolle Cellokonzert in h-Moll, op. 104, das er 1895 während seines Aufenthalts in den USA schrieb. Dvořák kehrte nach einem längeren Urlaub in Böhmen ein letztes Mal in die USA zurück und verkündete schon bald dem Freund Alois Göbl in einem Brief »Gerade habe ich den ersten Satz eines Konzerts für Violoncello beendet!! Wundern Sie sich nicht darüber, ich habe mich selbst gewundert und wundere mich noch, dass ich mich für diese Arbeit entschieden habe«.
So verwunderlich es vielleicht auf Dvořák gewirkt haben mag, so unverständlich ist seine eigene Skepsis dieser Tatsache gegenüber. Dvořák hatte bereits zuvor Werke für das Violoncello mit Orchesterbegleitung geschrieben: So hatte er 1893 das Kammermusikwerk Waldesruhe für Cello und Klavier orchestriert, das wiederum eine Bearbeitung des 5. Satzes der Suite für Klavier zu vier Händen Aus dem Böhmerwald op. 68 (»Ze Šumavy«) war. Einige Wochen zuvor hatte er sogar ein Rondo in g-Moll für Cello und Orchester geschrieben. Gewiss, an den Umfang des h-Moll-Konzerts reichten diese Vorläufer (fast hätte ich hier “Fingerübungen” geschrieben) nicht heran, aber dennoch hatte Dvořák zweifelsohne ein ausgeprägtes (auch sich selbst ersichtliches) Talent für das Cello, gerade in Verbindung mit dem Orchester bewiesen. Mehr noch: Bereits 1865, während seiner Studienzeit, hatte er doch schon einmal ein großformatiges Cellokonzert (in A-Dur) geschrieben, das allerdings nie orchestriert wurde und von Dvořák weder vernichtet, noch überarbeitet worden war (was ziemlich ungewöhnlich für den sonst so akribisch arbeitenden Komponisten war).
Die Antwort auf dieses Rätsel ist denkbar einfach: Dvořák hatte das Manuskript an seinen Jugendfreund (und Cellisten) Ludwik Peer (1847-1904) verschenkt, der die Partitur auf seine Auslandsreisen mitnahm. Erst 1929 tauchte es wieder auf, wurde zuerst in der Originalfassung für Cello und Klavier aufgeführt. Wenig später erschien eine von Günther Raphael (1903-1960) orchestrierte Fassung, die allerdings viel zu stark in das Wesen des Werkes eingriff, 1977 erschien dann eine neue Orchestrierung von Jarmil Burghauser (1921-1997), s0 die sich offenkundig mehr darum bemühte den ursprünglichen Charakter des Werkes zu erhalten.
Nun liegt zum ersten Mal eine Einspielung dieses ersten Cellokonzerts vor. Sie basiert auf Burghausers Bearbeitung, jedoch haben der vielversprechende junge tschechische Cellist Tomáš Jamník (*1985) und der aufgehende Stern am tschechischen Dirigentenhimmel Tomáš Netopil (*1975) noch einmal Burghausers Fassung überarbeitet. Diese Welterstaufnahme des Cellokonzerts No. 1 in A-Dur ist das Herzstück der gerade bei Supraphon veröffentlichten Doppel-CD mit sämtlichen Werken für Cello und Orchester von Antonín Dvořák.
Und es gibt vieles zu entdecken auf diesem Album: Da wäre zum einen natürlich das in vielerlei Hinsicht erstaunliche Frühwerk Dvořáks, das wirklich eine Bereicherung für die Konzertliteratur des Cellos ist, da wären aber zum anderen die Protagonisten dieses Albums: Tomáš Jamník meistert nicht nur die technischen Schwierigkeiten der Partituren mühelos, er schafft es trotz seiner jungen Jahre dem reifen h-Moll-Konzerts seine poetische Erhabenheit zu geben und dem hochromantischen Frühwerk jenen jugendlichen Ungestüm einzuhauchen, den das Werk zweifelsohne hat. Tomáš Netopil lässt sein Prager Rundfunk-Sinfonieorchester kraftvoll erstrahlen (Was für Bläser im Finale des ersten Satzes von op. 104!) und arbeitet, gerade beim berühmten h-Moll-Konzert, auch die feinen Nebenstimmen sauber heraus. So vielschichtig klingt das Cellokonzert mehr denn je nach seinem Spitznamen “Dvořáks Zehnte”.
Diese Doppel-CD ist nicht nur wegen des seltenen A-Dur-Konzerts empfehlenswert, sondern auch (und nicht zuletzt) wegen der starken Leistung bei dem h gleich berühmteren Schwesterwerk eine unbedingte Kaufempfehlung.
Drei junge Überraschungen auf einem Album: Der junge Dvořák und ein bemerkenswertes Cellokonzert sowie der blutjunge Solist Tomáš Jamník und der ebenfalls junge Dirigent Tomáš Netopil, die die Musik Dvořáks zum Strahlen bringen. Eine wundervolle Veröffentlichung für alle Liebhaber romantischer Cellomusik. Die besondere CD, erschienen im Februar 2011.
Die Doppel-CD Antonín Dvořák – Complete Works for Cello & Orchestra des Cellisten Tomáš Jamník mit dem Prague RSO unter der Leitung von Tomáš Netopil ist am 18. Februar 2011 auf Supraphon (SU 4034) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Cellokonzert No. 2 in h-Moll, op. 104 (B. 191, 1895)
- Waldesruhe (»Klid«) für Cello und Orchester, op. 68/5 (B. 182, 1891)
- Rondo in g-Moll für Cello und Orchester, op. 94 (B. 181, 1893)
- Cellokonzert No. 1 in A-Dur (B. 10, 1865)
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