The Sixteen, Harry Christophers: Claudio Monteverdi – Selva morale e spirituale
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Der italienische Komponist Claudio Monteverdi (1567-1643) gilt mit einiger Berechtigung als einer der wichtigsten Erneuerer und Modernisierer der Musik: Er ‘erfand’ die Oper (nicht als ihr erster Komponist, wohl aber als ihr erster Meister), revolutionierte die Kirchenmusik und ebnete mit seinen harmonischen Erweiterungen und Experimenten den Weg aus der Renaissance in den Barock. Zu seinen wichtigsten weltlichen Werken gehören seine erste Oper L’Orfeo (1607) und seine letzte L’incoronazione di Poppea (1642); ebenso immens wichtig sind seine beiden großen geistlichen Werke Vespro della beata vergine (1610) und die Selva morale e spirituale (1641), letzteres eine resümierende Sammlung verschiedenster geistlicher Werke Monteverdis: Eine Messe, dazu zahlreiche Motetten, Hymnen und Psalmenvertonungen, insgesamt 40 Werke, die die gesamte Bandbreite an kompositorischen Stilen, die Monteverdi im Lauf seiner Kapellmeister-Tätigkeit (ab 1613) am Markusdom in Venedig erdacht hat, darstellt. Monteverdi schuf mit dieser Zusammenstellung nichts weniger als ein monumentales Vermächtnis seiner Arbeit.
Der englische Spitzenchor The Sixteen (gerade erst wurden The Sixteen vom britischen Musikmagazin Gramophone als einer der besten 20 Chöre der Welt ausgezeichnet, s. Artikel dazu → hier) hat nun unter der bewährten Leitung des Gründers Harry Christophers begonnen, die Sammlung Selva morale e spirituale (zu Deutsch “Moralischer und geistiger Wald“) komplett aufzunehmen. Der erste Teil des vermutlich über drei Volumina veröffentlichten Großwerkes liegt nun vor und schon dieses erste Album verspricht eine wegweisende Referenzaufnahme dieses bemerkenswert selten gesamt aufgenommenen Werkes zu werden.
Zum Gelingen dieses ersten Parts trugen verschiedene Faktoren bei: Da wäre zum einen natürlich das ausgezeichnete Ensemble selbst, das seit vielen Jahren als einer der besten Chöre (und Instrumentalisten-Ensembles!) für weltliche und geistliche Chorwerke der Renaissance und des Barock zahlreiche Erfahrungen mit dieser Art von Musik sammeln konnte und dessen Darbietungen an Sicherheit, Präzision und Lebendigkeit nicht zu überbieten sind. Von den allesamt überragenden Sängern muss ich die Sopranistin Elin Manahan Thomas besonders hervorheben: Was sie etwa mit ihrer wunderschönen Stimme etwa beim “Salve Regina” macht, scheint fast nicht von dieser Welt so sein. Ferner wäre da Harry Christophers bemerkenswerte Fähigkeit, aus einer Gruppe von individuell überragenden Sängern und Musikern ein homogenes Gefüge zu schaffen, das wirklich gemeinsam musiziert und da wäre – last but not least – die gute, sehr direkte Aufnahmequalität der CD, die ein warmes, intimes Klangbild schafft und die zu viel Hall vermeidet. Ein Fehler, den man meiner Meinung nach bei viel zu vielen Alte-Musik-Einspielungen immer wieder macht, ist der Versuch einen möglichst ‘kathedralischen’ Klang zu reproduzieren, weil man allgemein geistliche Musik gerne mit dem Klischee der gotischen Kirche verbindet. Aber Monteverdis Musik erklang nicht nur im Markusdom, sondern auch in den kleineren Kirchen der Stadt und sie war nicht nur zweckgebundene Musik zum Ausdruck einer tief empfunden Frömmigkeit, sondern auch und vor allem der Ausdruck der künstlerischen Fähigkeiten seines Komponisten.
Der vielleicht wichtigste Punkt beim Gelingen dieser Aufnahme liegt aber auf einer emotionalen Ebene: Es ist die unüberhörbare Freude, mit der Christophers und sein Ensemble hier musizieren. Trotz beachtlicher technischer Schwierigkeiten, bewegen sich die Sänger (und Musiker) mit einer freudigen Gelöstheit durch die Partituren. Monteverdis Selva morale e spirituale ist hier kein düsterer Forst der Erkenntnis reich an dunklen Vorahnungen im Dante’schen Sinne, sondern ein heller, freundlicher, mannigfach farbenfroher Wald des Lebens. Monteverdis Musik löst die Jenseitsgewandtheit der mittelalterlich geprägten Musik endgültig auf und hat noch nichts von der moralischen Strenge des Hochbarocks. Vielleicht ist seine Musik deswegen für uns heute noch so verständlich und ‘modern’.
Ein erster Teil, der schon die folgenden Teile sehnsüchtig erwarten lässt: Harry Christophers und seine Sixteen arbeiten zweifelsohne an einer Referenzeinspielung der Selva morale e spirituale von Monteverdi. Die besondere CD, erschienen im November 2010.
Die CD Claudio Monteverdi – Selva morale e spirituale des Ensembles The Sixteen unter der Leitung von Harry Christophers ist am 19. November 2010 auf Coro (COR 16087) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Beatus vir (Primo) a 6
- Gloria a 7
- Confitebor Terzo alla francese a 5
- Voi ch’ascoltate
- Laudate pueri (Primo)
- Salve Regina
- Chi vol che m’innamori
- Deus tuorum militum
- Laudate Dominum omnes gentes (Primo)
- Dixit Dominus (Secondo) a 8
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