Steven Osborne & Paul Lewis: Franz Schubert – Piano Duets
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Kaum ein anderer ‘großer’ Komponist hat so viel Klaviermusik für vier Hände geschrieben wie Franz Schubert (1797-1828), was in gewisser Weise erstaunlich ist, war doch das Klavierspiel zu vier Händen (ganz gleich ob an einem Klavier oder an zwei Instrumenten) spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein beliebter Zeitvertreib des gehobenen Bürgertums und eine der wenigen sozialen Gelegenheiten, bei denen sich junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts näher kommen konnten, ohne gegen die strengen gesellschaftlichen Konventionen zu verstoßen.Vierhändige Klaviermusik war für viele Komponisten eine wichtige Verdienstmöglichkeit, wurde sie doch deutlich häufiger verlegt (und verkauft), als zweihändige. Dennoch gibt es keinen anderen Komponisten, der sich so intensiv mit dieser Spielart beschäftigt hat, wie Schubert. Während andere Komponisten ihre Schüler oder Assistenten der Musikverleger ihre Werke umschrieben ließen, kümmerte sich Schubert um seine vierhändige Musik persönlich, ein Zeichen dafür, dass er sie nicht nur als ‘schnöden Broterwerb’ ansah, sondern auch ein besonderes Interesse an diesem Genre hatte.
Mehrere von Schuberts vierhändigen Werken (auf der hier vorliegenden CD namentlich nur die Variationen, D 813), haben ihren Ursprung in zwei ausgedehnten Aufenthalten in Ungarn, wo er als Musiklehrer der Töchter von Graf Eszterházy von Galánta an dessen Sommerresidenz engagiert war. Als Schubert dort zum ersten Mal eintraf, war die jüngere Komtesse Karoline erst dreizehn Jahre alt, doch als er sechs Jahre später zurückkehrte, war sie zur jungen Frau aufgeblüht, und Schubert verliebte sich Hals über Kopf in sie. Möglicherweise waren die von ihm in Zelis komponierten Duette auch eine Gelegenheit, der Komtesse näher kommen zu können. Höchstwahrscheinlich spielten sie primo und secondo abwechselnd, wie dies auch in der vorliegenden Aufnahme für das britische Hyperion-Label von Steven Osborne und Paul Lewis getan wird. Doch man sollte nicht irren: Schubert stellte, bei allen (von uns heute unterstellten) romantischen Intentionen, dieselben künstlerischen Ansprüche an seine vierhändige Klaviermusik, wie an seine zweihändige; die Tatsache, dass sich zwei der renommiertesten Pianisten ihrer Generation sich dieser Werke annehmen, mag ein Indiz für ihre außergewöhnliche künstlerische Relevanz haben.
Charakteristisch für Schuberts Musik ist oft eine direkte, ungefilterte Emotionalität: Unbändige Ausgelassenheit und tiefste Betrübnis, unverfälschte Freude und tief beklommene Trauer oder, um es romantisch auszudrücken, Licht und Schatten sind die Elemente, die in Schuberts Musik allgegenwärtig sind. Den beiden britischen Pianisten Osborne und Lewis beherrschen diese Emotionalität sowohl als Solisten (das haben sie auf ihren Soloalben der letzten Jahre immer wieder bewiesen), als auch als Duett-Partner, können Schuberts prägnante Emotionalität auf faszinierende Weise gemeinsam ausdrücken. Es ist schier unmöglich heraushören zu wollen, wer gerade welche Stimme spielt. Ineinander verwoben, verschmilzt das Spiel der beiden langjährigen Freunde zu einer Einheit. Das kommt dieser Musik unendlich zugute, die von Anfang an auf Nähe ausgelegt war. So intensiv, so intim, so ausladend komponierte wirklich niemand für Klavier zu vier Händen und so intensiv, so intim, so ausladend hat bisher niemand diese Musik spielen können. Das Album ist dramaturgisch gut aufgebaut und so spart es sich die musikalischen und interpretatorischen Höhepunkte für das Ende auf. Doch spätestens ab der e-Moll-Fuge, D 952 ist man von dieser äußerst gelungenen Einspielung vollends fasziniert.
Bei allem Respekt vor den bereits auf dem Markt befindlichen Einspielungen dieser Werke (immerhin liegen Aufnahmen von Christoph Eschenbach & Justus Frantz oder Anne Queffelec & Imogen Cooper vor), eine vergleichbar (auch aufnahmetechnisch) gelungene gibt es wirklich nicht. Ein Jammer nur, dass die beiden uns Schuberts wichtigstes und expansivstes Werk für Klavier zu vier Händen, das wahrhaft symphonische anmutende Grand Duo in C-Dur, D 812, (bisher noch?) vorenthalten haben.
Die CD Franz Schubert – Piano Duets von Steven Osborne & Paul Lewis ist am 3. Dezember 2010 auf Hyperion (CDA 67665) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Allegro in a-Moll, ‘Lebensstürme’, D 947
- Andantino varié in h-Moll, D 823 No. 2
- Fuge in e-Moll, D 952
- Rondo in A-Dur, D 951
- Variationen auf ein Original-Thema, D 813
- Fantasie In f-Moll, D 940
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