Collegium Marianum: Frantisk Jiranek - Concertos & SinfoniasDer böhmische Komponist František Jiránek (1698–1778) ist bis dato so unbeachtet und unbekannt geblieben, dass es bisher keinen Eintrag in der Wikipedia über ihn gibt, weder in der englischsprachigen, noch in der deutschen, noch nicht einmal in der tschechischen. Dabei war František Jiránek zu Lebzeiten ein durchaus respektierter Musiker und Komponist, der vermutlich sogar bei Antonio Vivaldi (1678-1741) zwei Jahre in Venedig studiert hat. Ansonsten weiß man über Jiránek relativ wenig: Er ist als Kind von Angestellten des Grafen Wenzel Morzin in Lomnitz an der Popelka geboren und arbeitete zunächst im inneren Kreis der Bediensteten des Grafen. In den Jahren 1724-26  schickte ihn dieser nach Venedig, wahrscheinlich zur musikalischen Weiterbildung, wahrscheinlich bei eben Vivaldi (eine Zahlung von 400 Gulden direkt an Vivaldi legt dies nah). 1726 ist Jiránek wieder in Prag und spielt fortan in der Morzinschen Kapelle. Er heiratet und lebt bis zum Ableben seines Dienstherren 1737 mit Frau und Kindern in Prag. Danach muss sich Jiránek neu orientieren und findet schließlich eine Anstellung in Dresden in der Kapelle von Heinrich von Brühl, dem Premierminister der sächsisch-polnischen Union. Als Brühl 1763 stirbt, wird Jiránek pensioniert und bleibt bis zu seinem Tode 1778 in Dresden.

Als Komponist ist František Jiránek eher den “komponierenden Musikern” als den “professionellen Komponisten” zuzuordnen, was allerdings nichts über die Qualität seiner Werke aussagen soll, denn diese belegen ein geschultes handwerkliches Geschick, die große Erfahrung als Orchestermusiker und einiger phantasievoller Ideen. Zwar stehen die auf dieser Supraphon-CD eingespielten Werke Jiráneks – es handelt sich ausschließlich um Weltersteinspielungen, de facto ist dies die erste Tonaufnahme mit Werken František Jiráneks überhaupt – in der musikalischen Tradition Vivaldis, aber eine gewisse persönliche, böhnische Note ist nicht von der Hand zu weisen. Das Geschick, mit dem Jiránek für das Fagott und die Flöte schrieb, scheint auf die böhmische Tradition der Konzerte für Holz- und Blechbläser hinzuweisen, wie sie bald nach Jiránek bei Komponisten wie Johann Stamitz (1717-1757), Antonio Rosetti (1750-1792), Anton Reicha (1770-1836) usw. aufblühen sollte.

Collegium Marianum - Quelle: collegiummarianum.cz; Photo © Prokop SoučekDas Collegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová spielt (auf Originalinstrumenten) diese einfachen, aber überaus wirkungsvollen Konzerte mit einer Reihe bemerkenswerter Solisten, allen voran der italienische Fagott-Virtuose Sergio Azzolini, außerdem der russischen Violinistin Marina Katarzhnova und schließlich Jana Semerádová selbst an der Flöte. Gerade das die CD eröffnende Konzert in g-Moll für Fagott, Streicher und Basso continuo mit seinem ungewöhnlichen Intro (das Konzert beginnt mit einer Art Solo des Fagotts, dass vom Ensemble alsbald aufgegriffen wird) und seiner eigenwilligen Mischung aus tänzerischen, typisch italienischen Elementen und schwermütigeren, böhmisch anmutenden Momenten ist eine echte Entdeckung, die es verdient hätte öfter gehört zu werden. Das Collegium Marianum erweist sich als wendiges, frisches, aber insgesamt angenehm unaufdringliches Ensemble, dass den exzellenten Solisten genügend Raum zur Entfaltung lässt.

Sicher, František Jiránek ist kein vergessener großer Meister, der nun wiederentdeckt wurde; er ist allerdings ein sehr gutes Beispiel für die hohe Spiel- und Kompositionskultur Böhmens, die schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt hat. In Konzerten wie jenen Jiráneks stecken die Wurzeln der großartigen böhmischen Musiktradition mit ihrem unverkennbaren Klang.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD František Jiránek – Concertos & Sinfonias des Collegium Marianum unter der Leitung von Jana Semerádová ist am 14. Januar 2011 auf Supraphon (SU 4039) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Concerto in g-Moll für Fagott, Streicher und Basso continuo
  2. Concerto in G-Dur für Flöte, Streicher und Basso continuo
  3. Sinfonia D-Dur
  4. Concerto in F-Dur für Fagott, Streicher und Basso continuo
  5. Concerto in d-Moll für Violine, Streicher und Basso continuo
  6. Sinfonia F-Dur


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Eine Antwort zu “Collegium Marianum, Jana Semerádová: František Jiránek – Concertos & Sinfonias”
  1. [...] war einer der zahlreichen hervorragenden Musiker am Hofe Morzins (darunter auch der hier kürzlich vorgestellte František Jiránek (1698–1778)) und betätigte sich ebenfalls als Komponist, dies freilich unter [...]

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