Interview mit Roel Dieltiens zu seiner Neuaufnahme von »J. S. Bach – Complete Cello Suites«
Geschrieben von Sal Pichireddu in Interview
Gestern habe ich die Neuaufnahme der sechs Cellosuiten (BWV1007-1012) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) des flämischen Cellisten Roel Dieltiens → besprochen, heute möchte ich, quasi zur Erläuterung, ein kurzes Interview anfügen, das ich im Vorfeld der Besprechung mit Herrn Dieltiens geführt habe.
Roel Dieltiens wurde 1957 in eine Familie von Musikern geboren und begann, nach wenig erfolgreichen Versuchen am Klavier, erst mit 15 Jahren Cello zu spielen, in das er sich sofort verliebte. Er lernte zunächst am königlichen Konservatorium in Antwerpen bei André Messens und wechselte dann an die Chapelle musicale Reine Élisabeth in Brüssel. Er fuhr seine Studien bei Pierre Fournier in Genf fort und vertiefte danach sein Studien bei André Navarra in Detmold, Wolfenbüttel und Siena.
Heute ist Dieltiens ein gefragter Solist und Kammermusiker, der schon unter den Dirigenten Frans Brüggen, Philippe Herreweghe und Reinbert De Leeuw musiziert hat. Er spielt sowohl Barock-Cello als auch die moderne Variante und ist ein gefragter Gast auf internationalen Festivals. Er hat sowohl als Solist, als auch mit dem von ihm mitbegründeten Kammerensemble Explorations mehrere Alben für renommierte Plattenfirmen (Etcetera/KTC, MDG, Harmonia Mundi France, Deutsche Harmonia Mundi, Naïve, Accent) aufgenommen, die international vielfach ausgezeichnet wurden.
Hier nun das Interview, das ich im Vorfeld meiner Besprechung geführt habe (die Originalfassung des Interviews auf Englisch findet man → hier):
Herr Dieltiens, warum haben Sie die Suiten noch einmal aufgenommen. Sie haben Sie ja bereits vor einigen Jahren aufgenommen. Was ist an der Neuaufnahme anders?
Es ist rund 20 Jahre her, dass ich meine erste Aufnahme davon gemacht habe. Da ich die Werke ununterbrochen spiele und da es wahre Meisterwerke sind, habe ich viele Dinge in meiner Interpretation verändert. Dieses stete Verändern passiert fast nur bei der Musik von Bach: Man weiß ja nie mit absoluter Sicherheit, ob man es richtig macht. Bach lässt einen immer über seine Musik nachdenken und man bleibt mit seiner Interpretation stets etwas unsicher.
Nach meinen Konzerten bemerkte, dass die alte CD immer noch gut verkauft wurde, was mich ein wenig unglücklich machte, weil doch das Publikum gerade eine komplett andere Lesart gehört hatte. Ich nahm an, dass sie sehr unglücklich sein mussten, wenn sie nach Hause kamen und die alte Aufnahme anhörten, die zwar damals durchaus frisch und gelungen war, die aber eben nichts mit dem zu tun hat, was ich heute spiele.
Ich denke, die neue Aufnahme ist gefühlvoller, die Stimmung jeder einzelnen Suite ist viel klarer und der Vortrag ist deutlich freier als in der vorigen Aufnahme.
Was macht ihre neue Aufnahme einzigartig? Ist überhaupt etwas »Neues« darin?
Ich glaube, diese Frage sollte von jenen beantwortet werden, die die Aufnahme hören. Ich mache niemals eine Aufnahme, weil ich etwas neu oder anders machen will. Das einzige, was ich möchte, ist so aufrichtig wie möglich der Musik und mir gegenüber zu sein.
Auf welchem Instrument haben sie die Suiten eingespielt und mit welcher Art von Saiten? Und wie sind Sie bei der sechsten Suite in D-Dur vorgegangen, die ja für ein 5-saitiges Instrument geschrieben worden ist?
Ich habe die ersten fünf Suiten auf einem exzellenten, neu gebauten Instrument (1992) von Marten Cornelissen gespielt, der in in Northampton, Massachusetts (USA) lebt, eine Kopie eines Stradivari-Violoncello. Das Instrument ist also als Barock-Cello aufgebaut, mit normalen Darmsaiten bespannt und hat weniger Druck auf dem Steg und ist noch ohne Stachel. Außerdem ist der zugehörige Barockbogen sehr wichtig für die Artikulation und den Klang. Die sechste Suite habe ich auf einem originalen, fünfsaitigen Violoncello piccolo gespielt, das um 1750 von einem anonymen französischem Instrumentenbauer gebaut wurde.
Die Aufnahmen von Pablo Casals der Cellosuiten aus den 1930er Jahren gehören zu den populärsten Aufnahmen der Tonträger-Geschichte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Cellisten sich an Casals »zu romantischem« Cello stören (das Publikum hingegen liebt es). Sind seine Aufnahmen wirklich so ‘historisch uninformiert’?
Casals war wirklich ein großartiger Musiker. Wir müssen berücksichtigen, dass er nicht alle jene Beispiele hatte, wie man Bach zu spielen hat, wie wir heute. Sein Ansatz kam vollständig aus seinen eigenen Überlegungen und tief aus seinem Herzen, was dann schon sehr bemerkenswert ist. Seine Bach-Interpretation ist in mancherlei Hinsicht “altmodisch”, wenn man es so nennen will, aber andererseits ist er einer der “rhetorischsten” Musiker, die ich jemals gehört habe. Und genau das macht seinen Bach so aufregend und so up-to-date.
Hört ein Cellist einen anderem Cellisten zu, wenn er die Suiten spielt? Wen würden Sie empfehlen?
Ich muss zugeben, dass ich nur die Aufnahmen von Casals und Fournier kenne. Im Allgemeinen gilt: Wenn ich Musik höre, dann jene, die ich nicht kenne. Ich höre Musik, um neue Musik kennenzulernen. Ich höre keine Aufnahmen von Kompositionen an, die ich kenne und schon gar nicht die jener Kollegen, die dieselbe Musik spielen wie ich. Nachher werde ich noch eifersüchtig … (nur ein Scherz).
Glückwunsch! Sie haben eine Fahrkarte für eine Zeitmaschine gewonnen. Wohin wollen Sie?
Es muss wundervoll sein die Welt ohne Umweltverschmutzung und ohne Lärm usw. erfahren zu können. Ich glaube, ich bleibe in Belgien, drücke aber den Knopf bis ins Jahr 900 n. Chr. oder noch früher…
Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.
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Die Doppel-CD Johann Sebastian Bach: Complete Cello Suites des belgischen Cellisten Roel Dieltiens ist am 24. September 2010 bei Etcetera (KTC 1403) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
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