Archiv für Oktober 2010

Der kanadische Pianist Marc-André Hamelin hat mit seiner jüngsten Veröffentlichung Études für das britische Label  Hyperion seine erste CD vorgelegt, auf der ausschließlich Eigenkompositionen zu hören sind. Damit hat er offenbar genau den Nerv der Kritik (auch hier im Blog mit der CD des Monats, September 2010, s.  → Artikel) und des Publikums getroffen: Sein  durch und durch virtuoses, makelloses Spiel und seine Hingabe, seine Authentizität suchen in der Klassikwelt ihresgleichen. Dass Hamelin nicht nur ein guter Interpret seiner eigenen Werke ist, ist freilich schon länger bekannt. Trotzdem macht es immer wieder Freude solch einem Ausnahmemusiker ‘bei der Arbeit’ zuzusehen. Hier spielt der Kanadier die Ballade No. 3, op. 47 von Frédéric Chopin:

Die aktuelle CD von Marc-André Hamelin »Études« ist am 17. September 2010 bei Hyperion (CDA 67789) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Parnassi Musici: J. S. Bach - Variazioni GoldbergWie man sich täuschen kann: Hinter dem Ensemble Parnassi Musici, das beim italienischen Label MV Cremona eine Aufnahme der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach für Barock-Ensemble (bereits 2005) veröffentlicht hat (und die nun gemeinsam mit zahlreichen anderen Highlights des Labels im Codaex-Vertrieb vor einigen Tagen wiederveröffentlicht wurde), stecken keineswegs mittelitalienischen Musiker, wie man vermuten könnte, sondern ein deutsches Ensemble, das in Freiburg seine Heimat hat. Bereits im Bach-Jahr 2000 entstand diese Aufnahme (für den SWR), auf der die Parnassi Musici eine eigene Fassung der Goldberg-Variationen eingespielt haben. Die Prämisse hierbei war:

»Jede Variation sollte authentisch sein. Die Instrumentalparts sollten instrumentengerecht sein, ihr Schwierigkeitsgrad nicht über den anderer Bach’scher Musik hinausgehen.«

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Cyprien Katsaris - Foto: Willy De Jong © 2003, Quelle: cyprienkatsaris.netDer Franzose zypriotischer Abstimmung Cyprien Katsaris gilt seit über 30 Jahren als einer der besten, technisch brillantesten Pianisten der Welt. Das will etwas heißen in einer Zeit, in der quasi alle Pianisten über eine ausgezeichnete Technik verfügen. Katsaris verbindet seine technische Brillanz mit hoch emotionalen Darbietungen und ist damit fast der letzte seiner Art, eine echte Persönlichkeit am Klavier, ein charismatisches Unikat, wie sie eher in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch Horowitz, Rachmaninov, Rubinstein etc. verkörpert wurden. Darüber hinaus ist Katsaris von Anfang an bemüht gewesen, sein Repertoire ständig um Ungewöhnliches, Besonderes zu erweitern: Seine Aufnahmen der bis dahin weitgehend unbekannten und unbeachteten Transkriptionen Liszts sämtlicher Sinfonien Beethovens für Klavier, schlugen in den 1980er Jahren ein wie eine Bombe und machten ihn binnen kürzester Zeit zum Weltstar. Sie sind heute noch ein Dauerbrenner in seiner Diskografie. Anfang des 21. Jahrhunderts begann für Katsaris ein neues Kapitel in seiner künstlerischen Laufbahn: Von seiner damaligen Plattenfirma kaltgestellt, verzichtete er kurzerhand auf eine erneute Zusammenarbeit mit einem (anderen) Major Label und gründete als erster Klassik-Weltstar sein eigenes Label, Piano 21, auf dem er seit 2001 eine Vielzahl Alben veröffentlicht hat, teilweise mit Material, das er so gewiss bei keiner ‘großen’ Plattenfirma hätte veröffentlichen können. Als einer der ersten Künstler erkannte er die immensen künstlerischen Chancen sein eigener Herr und Plattenboss zu sein.
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Bach in romantischer ManierHeute schütteln wir mit einem gewissen Unverständnis den Kopf, wenn wir über die (aus unserer Sicht) massiven Eingriffe der Romantiker in die Musik Bachs und Händels sprechen. Da wurde gnadenlos gestrichen, gekürzt, umarrangiert, dazukomponiert und weggelassen. Die Ergebnisse klingen aus unserer heutigen Sicht ‘falsch’, weil sie eindeutig romantisiert sind, einem Zeitgeschmack angepasst, der nicht mehr der unsrige ist, der nach rund 50 Jahren historisch-informierter Aufführungspraxis zu wissen glaubt, wie der wahre Bach zu klingen hat.

Dabei ist solcher Hochmut sicher nicht angebracht: Noch vor einigen Jahren war es für den Klassikfreund selbstverständlich barocke Werke von vollen Sinfonieorchester gespielt zu hören, in Partituren, bei denen heftigst in die Instrumentierung eingegriffen wurde, um sie für die moderne Orchestergröße passend zu machen, Chöre wurden verdoppelt und verdreifacht, barocke Musik wurde opulent ausgebreitet und klang unterm Strich dann auch nicht viel anders als Kompositionen der Wiener Klassik oder der Romantik, die wir auch heute noch völlig bedenkenlos gerne auf einem Instrumentarium musizieren lassen, für die sie seinerzeit nicht geschrieben wurden. Die Claviersonaten von Bach und Händel spielen wir heute auf dem modernen Konzertflügel (Und wer würde den Bach-Interpretationen von Glenn Gould, Svjatoslav Richter oder Angela Hewitt ihren künstlerischen Wert wegen der Wahl des Instrumentes wirklich ernsthaft absprechen wollen?), die Bach’schen Cellosuiten auf Aluminumsaiten mit modernem Bogen und Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung« kennen wir vor allem in der Orchestrierung des Impressionisten Ravels – kurzum: Wir sind alles andere als gefeit vor Modernisierungen und Anpassungen an unsere Hörgewohnheiten.
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Das britische Label Hyperion Records (das gerade seinen 30. Geburtstag feiert, s. Artikel dazu → hier) hat eine Schwäche für die Musik der Romantik: Neben den akkuraten, sehr erfolgreichen und hochgelobten Gesamteinspielungen der Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms (und demnächst auch Franz Liszt) veröffentlicht die Plattenfirma mit Sitz in London drei viel beachtete Reihen, deren Fokus auf weniger bekannte romantische Komponisten und Werke zielt:Ferdinand David The Romantic Piano Concerto (seit 1991 mit bis dato 52 Veröffentlichungen), The Romantic Cello Concerto (seit 2005 mit bis dato 2 Veröffentlichungen) und The Romantic Violin Concerto (seit 1999 mit bisher 9 Veröffentlichungen). Bei allen drei Reihen ist der Qualitätsanspruch besonders hoch, angefangen von den Komponisten und ihren Werken, über die Werktreue der Partituren, bis hin zu den ausführenden Solisten, Orchester und Dirigenten.

In der Reihe mit romantischen Violinkonzerten ist nun (als Volume 9) ein Album mit den Violinkonzerten Nos. 4 & 5, opp. 23 & 35, sowie dem Andante & Scherzo capriccioso, op. 16 des Hamburger Violinisten und Komponisten Ferdinand David (1810-1873) erschienen, passend zum 200. Jahrestag seines Geburtstages.
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30 Years Hyperion

Der vielleicht beste deutschsprachige Musikversender JPC schreibt auf seiner Labelseite über die britische Plattenfirma Hyperion Records:

»Britain’s brightest record label« nennt sich Hyperion Records – und tatsächlich ist »bright« ein gutes Wort, um sich selbst zu beschreiben, entspricht es doch laut Lexikon deutschen Wörtern wie »leuchtend«, »gescheit«, »fröhlich« und »vielversprechend«. In dieser Geisteshaltung widmet sich die unabhängige britische Produktionsfirma seit nunmehr 30 Jahren dem Ziel, Musik aller Zeiten und Stile vom 12. bis ins 21. Jahrhundert anzubieten, und hat so manchem Musikfreund ganz neue Horizonte erschlossen.

Entgegen dem Trend immer schneller, immer billiger, immer mehr Ware für den Massenmarkt (Welcher Massenmarkt?) zu produzieren, hat sich Hyperion erfolgreich als Qualitätslabel nicht nur auf dem wichtigen britischen, sondern auf dem Weltmarkt etabliert, das auf allen Ebenen der CD-Produktion auf höchste Qualität achtet, angefangen von der Auswahl, der Förderung und der Betreuung der Künstler, über das zu einspielende Repertoire bis hin zur Aufnahmetechnik, dem Artwork und – oft genug das Stiefkind der CD-Produktionen – den sachkundigen Begleittexten.
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François Adrien BoieldieuFrançois Adrien Boieldieu? Wer war das noch einmal? Nun, die Wikipedia sagt:

François Adrien Boieldieu (* 16. Dezember 1775 in Rouen (Normandie); † 8. Oktober 1834 auf seinem Landsitz Jarcy bei Paris) war ein französischer Opernkomponist.

und man könnte mit einiger Berechtigung sagen, dass Boieldieu der Komponist par excellence (oder zumindest einer der wichtigsten Komponisten) der Opéra comique war, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unglaublich populären Variante der heiteren, leichten Oper. Boieldieu schrieb über 40 Opern, einige von ihnen liefen damals sehr erfolgreich an den Theatern, vor allem in Frankreich und in Deutschland. Sein erfolgreichstes Werk, La dame blanche (zu Deutsch: Die weiße Dame) aus dem Jahre 1825 wurde regelrecht zum Standardwerk des Opernrepertoires im 19. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland. Bereits 1826 wurde sie in Deutschland in deutscher Sprache aufgeführt und blieb über viele Jahre ein Favorit des Publikums, dass die leicht beschwingte Atmosphäre, die heiteren Melodien und die einfache, naiv-humorvolle Handlung schätzte: Boieldieus Oper stand damals für gut gemachte Unterhaltung.
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Es ist sicher eher ungewöhnlich, dass an dieser Stelle eine DVD besprochen wird und das obwohl sich die Zahl der audiovisuellen Tonträger im Musiksektor (sprich DVDs und zunehmend auch Blu-rays) stetig weiter erhöht. Selbst der konservativste Hörer wird einsehen, dass es zahlreiche Musikaufführungsformen gibt, die eine visuelle Komponente beinhalten (man denke da nur an die Oper, an Musicals aber auch an opulent inszenierte Konzerte). Auch Dokumentationen über Künstler, Komponisten oder Werke können durch das bewegte Bild deutlich aufgewertet und erweitert werden. Die Dokumentationen “The Alchemist” und “Hereafter” von Bruno Monsaingeon über Glenn Gould etwa gehören zu den aufschlussreichsten Quellen, wenn man sich mit dem Phänomen Gould geschäftigen möchte.
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Hermann KellerHermann Keller: Second Piano Concerto - Chamber Music war in der ehemaligen DDR, unter Kennern durchaus auch im Westen Ende der 1970er/Anfang der 1980er mit seiner Jazz-Formation Berliner Improvisationstrio bzw. –quartett bekannt. Darüber hinaus beschäftigte sich Keller schon damals mit auskomponierter, zeitgenössischer E-Musik. Der BR-Klassik-Redakteur Johann Jahn hat die bei Neos Music erschienene CD »Second Piano Concerto and Chamber Music« mit vier Weltersteinspielungen von und mit Hermann Keller in der Rubrik »CD-Tipp« ausführlich unter die Lupe genommen.

Er erklärt:

»In”Keimblättern” für Soloklavier sucht man direkte Schumann-Zitate (fast) vergebens. Es sind vielmehr ausgesuchte Strukturen Schumann’scher Klaviermusik wie gewisse Rhythmen, figurative Modelle und “berüchtigte”  Artikulationsweisen, die Hermann Keller interessieren.

(…)

Die “Schumann-Metamorphosen” für Violine und Klavier (1996) dagegen verarbeiten Themata aus den späten Geistervariationen, dem d-Moll Violinkonzert und der berühmten Mondnacht. Die Durcharbeitung erfolgt dabei fast “klassisch”. Das Material wird vom Gegenpart aufgenommen, kommentiert, weitergesponnen und verfremdet.«

Die vollständige Besprechung der CD gibt es → hier

Die CD Second Piano Concerto and Chamber Music von und mit Hermann Keller ist am 24. September 2010 bei Neos Music (NEOS 11040) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Josef SukDer tschechische Komponist Josef Suk (1874-1935) gehört hierzulande zu den weniger präsenten Komponisten seines Heimatlandes, der hier nie so recht über den Rang eines ‘Geheimtipps’ hinausgekommen ist. Der Schwiegersohn von Antonín Dvořák (1841-1904) und Großvater des Violinisten Josef Suk gilt in seinem Heimatland aber als einer der wichtigsten Komponisten und als Bindeglied der großen böhmischen und mährischen Komponisten des 19. Jahrhunderts (neben Dvořák ist dies in erster Linie natürlich Bedřich Smetana (1824-1884)) und den wichtigen tschechischen Komponisten des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts Leoš Janáček (1854-1928) und Bohuslav Martinů (1890-1959). Sein eher kleines Œuvre umfasst größtenteils Kammermusik (zumeist für Klavier und für Streichensembles), Chorwerke, zwei Opern, einige Orchesterwerke und lediglich zwei Sinfonien, von denen die erste nun gemeinsam mit der symphonischen Dichtung Zrání (zu Deutsch ‘Die Lebensreife’, oft auch auf Englisch ‘Ripening‘) vom BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Jiří Bělohlávek für Chandos aufgenommen wurde.
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