Johann Sebastian BachAls ich einmal vor einigen Jahren durch die Kölner Altstadt, genauer gesagt durch die Passage zwischen Dom und Römisch-Germanisches Museum eilte, hörte ich einen Akkordeonist, der die berühmt-berüchtigte Toccata und Fuge in d-Moll, BWV 565 von Johann Sebastian Bach spielte. Der junge Mann, offenbar ein Musikstudent aus der nahegelegenen Kölner Hochschule für Musik und Tanz, beherrschte sein Instrument: Ich war wie vom Blitz getroffen und konnte einfach nicht mehr weitergehen, war fasziniert vom Spiel des Musikers und vom Klang seines Instruments. Beides war mir freilich wohlbekannt: Die Toccata aus zahlreichen Einspielungen (Klassik und Pop), das Akkordeon als populäres Instrument der Volksmusik-Veranstaltungen meiner Heimat Sardinien. Was mir an jenem Tag quasi im Vorbeigehen klar wurde (und dem Musiker mein gesamtes Kleingeld einbrachte) war, wie gut man die kontrapunktische Musik Bachs auf dem Akkordeon spielen kann, wie natürlich sie auf diesem Instrument klingt, das in der Öffentlichkeit leider viel zu oft mit fragwürdigen volkstümlichen Gassenhauern in Verbindung gebracht wird.

Wolfgang Dimetrik: J. S. Bach - Minor MusicDer österreichische Akkordeonist Wolfgang Dimetrik ist ein Ausnahmemusiker an seinem Instrument. Auf seinem neuen Album hat er nun aus den Englischen Suiten Bachs drei der Moll-Tonarten-Suiten (Die Moll-Tonarten werden auf auf Englisch mit dem Begriff minor bezeichnet – daher der Titel des Albums Minor Music). Damit nimmt Dimetrik den Faden seiner Bach-Veröffentlichungen wieder auf: 2001 hatte er mit einer Aufnahme der Goldberg-Variationen debütiert und die Fachwelt in Erstaunen versetzt. Lange bevor es en vogue wurde (dieses Jahr sind bereits mehrere Alben mit Bach auf dem Akkordeon erschienen) Bachs Kompositionen für das Akkordeon zu adaptieren, belegte Dimetrik die außerordentliche Eignung seines Instruments dafür. Genau hier setzt Dimetrik wieder an: Erstaunlicherweise handelt es sich bei seiner Minor Music um die erste Aufnahme der Englischen Suiten auf dem Akkordeon überhaupt, was ganz erstaunlich ist, wenn man hört, wie natürlich sie auf diesem Instrument klingen. Die akkordeonspezifischen Änderungen sind so minimal, dass sie kaum ins Gewicht fallen und man eigentlich nicht von einer Transkription sprechen kann: Sein Bach ist gewissermaßen mindestens ebenso genuin, wie jener, der auf einem modernen Konzertflügel gespielt wird. Was Dimetriks Instrument dem modernen Konzertflügel allerdings voraus hat, kann man auf dieser neuen CD sehr gut heraushören (auch dank einer guten Aufnahmetechnik): Transparenz und ein fein aufeinander abgestimmtes Verhältnis der Töne zueinander, die, wie passend bei Bach, miteinander nicht bloß gleichzeitig erklingen und dabei non legato und nicht bloß staccato (wie Glenn Gould immer betonte) gespielt werden können.

Puristen mögen ruhig die Nase indigniert rümpfen: Ich finde das Akkordeon gerade für Bach eine echte Alternative zum Cembalo und zum Klavier. Bachs vielschichtige Musik kann ich mich kaum klarer (im Sinne von ‘verständlicher’) vorstellen, als etwa auf solchen Aufnahmen. Was beim Klavier und beim Cembalo längst nicht bei jeder Aufnahme gelingt, nämlich die Architektur der Musik nachvollziehbar zu machen, gelingt Dimetrik bei seinem klaren, aber ungemein virtuosem Musizieren mühelos, geradezu spielerisch natürlich.

Mag sein, dass das Akkordeon im Bewusstsein der Menschen sein Image vom Schifferklavier niemals ganz ablegen wird (der Gitarre sagt man ja auch Lagerfeuer-Qualitäten nach und doch…), spätestens nach solch sorgfältigen Einspielungen sollte man für sich persönlich solche Vorurteile ad acta legen. Das Akkordeon ist ein wundervoll klingendes Instrument, das in Wolfgang Dimetrik einen begnadeten Virtuosen und Anwalt hat. Sein Bach verdient es gehört zu werden, nicht nur von einigen wenigen Akkordeon-Freunden, sondern auch von Bach-Liebhabern, die mit diesem Album eine äußerst vielschichtige Interpretation zu hören bekommen.

Die Besondere CD - CodaexKein Album für Puristen und dennoch purer, reiner Bach: Wolfgang Dimetrik adaptiert Bach viel weniger, als man es zunächst glauben möchte: Seine Minor Music ist ein Beleg dafür, dass Bach nicht notwendigerweise auf dem (einzig wahren) Originalinstrument gespielt sein muss, um seine ursprüngliche Schönheit und Größe zu offenbaren. ‘Die besondere CD‘ im August 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Johann Sebastian Bach – Minor Music von Wolfgang Dimetrik ist am 20. August 2010 auf Gramola (98819) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Englische Suite No. 2 in a-Moll, BWV 807
  2. Englische Suite No. 3 in g-Moll, BWV 808
  3. Englische Suite No. 5 in e-Moll, BWV 810


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