Marc-André Hamelin: ÉtudesDer kanadische Pianist Marc-André Hamelin ist definitiv kein Klassikstar, den man aus deutschen Samstagabend-Shows kennen würde und obwohl die Kritiker seit Jahren voll des Lobes sind, ist er – im Vergleich zu einigen anderen Pianisten seiner Generation – in Deutschland eher ein Geheimtipp, der gerade unter Pianisten hoch gehandelt wird. Aber dennoch ist Hamelin alles andere als ein Musicians’ musician oder ein unnahbarer Pianist im Elfenbeinturm. Sein Klavierspiel zeugt von Humor, seine Interviews (und seine Anmerkungen in den Booklets!) sind geistreich und obwohl Hamelin einer der technisch (und interpretatorisch) Besten seiner Zunft ist und sein Programm alles andere als leichte oder gewöhnliche Kost ist,  sind seine Konzerte anderswo, in Kanada, den USA und in Großbritannien, alles andere als rein elitäre Veranstaltungen für ein paar Connaisseurs. Der vielfache Preisträger (darunter mehrfach der der kanadische Juno Award,  der kanadische Opus Award, der Preis der deutschen Schallplattenkritik inklusive der Ehrenurkunde (= Höchste Auszeichnung) desselben im Jahr 2006 u.v.m.) legt nun mit Études (auf Hyperion) seine erste CD vor, auf der ausschließlich Eigenkompositionen zu hören sind.

Marc-André Hamelin - Quelle: wikipedia.orgEigenkompositionen schließt bei Hamelin allerdings nicht aus, dass er sich teilweise recht ausführlich bei seinen Kollegen der Pianisten-Komponisten-Zunft bedient hat und in seinen Études berühme und teilweise auch unbekannte Themen zitiert, umgearbeitet, variiert hat. Hamelins Études sind tatsächlich nicht nur pianistische Parforceritte durch seine außergewöhnlichen pianistischen Fähigkeiten, sondern auch eine Art Hommage an die wichtigsten Klaviervirtuosen, die – wie er selbst – ebenso Komponisten waren: Frédéric Chopin, Franz Liszt, Charles Valentin Alkan, Domenico Scarlatti – sie alle sind Teil des Hamelinschen Mikrokosmos der Klavier-, Kompositions- und Variationskunst. Mit viel Sachverstand, einer gehörigen Portion Ironie und gleichzeitiger Bewunderung und gespickt mit einer Vielzahl pianistischer Höchstschwierigkeiten sind die zwölf Etüden in allen Molltonarten die Wiederbelebung einer Tradition, die vor hundert, hundertfünfzig Jahren die Grenzen zwischen Interpreten und Komponisten immer mehr verwischte. In seinen geistreichen Anmerkungen schreibt er einleitend dazu:

»Meine Sammlung der 12 Etüden in allen Molltonarten sollte als ein Beitrag angesehen werden, die alte Tradition des komponierenden Pianisten fortzusetzen. Leider sind es immer noch viel zu wenige von uns, die den Drang verspüren, sich darin zu engagieren, auch wenn man in den letzten Jahrzehnten in dieser Hinsicht eine deutliche Wiederbelebung und eine wachsende Akzeptanz feststellen konnte.«

Das soll freilich nicht heißen, dass Hamelin hier ein typisches Album von einem Pianisten für Pianisten vorgelegt hat: So virtuos, so mitunter halsbrecherisch seine Etüden auch sein mögen, sie besitzen allesamt neben dem demonstrativen Aspekt (‘Schaut her, wie schnell und präzise ich diese schwierigen Passagen spielen kann!‘) tatsächlich auch noch einen künstlerischen, wenn man so will unterhaltenden Aspekt. Hamelins Études sollen nicht für »rein virtuose Herausforderungen« gehalten werden, sondern »zuerst und vor allem [für] Charakterstücke«. Und tatsächlich offenbaren sie viel von Hamelins Blick auf komponierenden Pianisten und seine Deutung ihrer Eigenheiten derselben. Und auch ein Stück frenetische Leidenschaft des Pianisten/Komponisten Hamelin für sein Instrument und seine Lust am Komponieren, am Variieren, am Karikieren und last but not least an seinem Instrument selbst. Dies gilt für die 12 Études ebenso wie für die anderen hier aufgenommenen Werke, gleich wenn sie in der Art und in der Grundstimmung deutlich ruhiger und melancholischer ausfallen.

CD des Monats - blog.codaex.deVirtuos und mit einem leise-ironischen Lächeln, respektvoll und gleichzeitig keck, originell und zeitlos: Marc-André Hamelins Études haben das Zeug zu einem Dauerbrenner der klassischen Musikszene zu werden und bieten (endlich!) mal neues, noch nicht völlig abgenutztes Material für dievirtuosesten Pianisten, welche dennoch nicht ihre klassischen und romantischen Wurzeln und Vorlieben verleugnen möchten. Ich wünschte, wir hätte mehr so mutige und so talentierte Pianisten-Komponisten / Komponisten-Pianisten wie Hamelin. ‘CD des Monats‘ September 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Études von Marc-André Hamelin ist am 17. September 2010 bei Hyperion (CDA 67789) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. 12 Études in all the minor keys
  2. Little Nocturne
  3. from Con intimissimo sentimento
    • Ländler I
    • Album Leaf
    • Music Box
    • After Pergolesi
    • Berceuse (in tempore belli)
  4. Theme and Variations (Cathy’s Variations)


Ähnliche Beiträge:

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,
2 Antworten zu “Marc-André Hamelin: Études”
  1. [...] erst vor kurzem sein Debütalbum als Komponist (und Interpret) kunstvoller, hoch virtuoser Musik vorgelegt [...]

  2. [...] Stelle bereits ausgezeichneten Études von und mit Marc-André Hamelin (auf Hyperion) [s. → Besprechung], ferner Maurice Ravels  Complete Solo Piano Music von  Steven Osborne (ebenfalls auf Hyperion) [...]

  3.  
Hinterlasse einen Kommentar