Residentie Orchestra The Hague, Neeme Järvi: Gustav Mahler – Symphony No. 7
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Vor einigen Wochen schrieb ich in meiner → Besprechung der Einspielung von Bruckners Sinfonie No. 5 des Residentie Orkest aus Den Haag unter Neeme Järvi: »Für jedes Orchester sind Sinfonien von Anton Bruckner eine besondere Herausforderung (ähnlich wie vielleicht sonst nur bei den Werken Mahlers) (…)«. Da wusste ich noch nicht, dass der niederländische Klangkörper sich nach seiner bemerkenswerten Einspielung der Bruckner-Sinfonie gleich der nächsten besonderen Herausforderung stellen würde, eben der Aufnahme der Sinfonie No. 7 in e-Moll von Gustav Mahler, die nun beim britischen Label Chandos erschienen ist.
Gustav Mahlers Sinfonie No. 7 gehört sicherlich zu den unbekannteren, unerforschteren Sinfonien Mahlers. Anders als andere Sinfonien Mahlers hat sie kein Motto, keine Überschrift und es scheint so, als ob diese Sinfonie jene sei, auf die »niemand gewartet hat« – so Olaf Wilhelmer in seiner lesenswerten Werksanalyse “Eine große Nachtmusik” – eine Sinfonie mit der »sich Mahler zwischen alle Stühle gesetzt {hat], obwohl er es gerade hier einmal allen recht machen wollte.« Ironischerweise bewertete er selbst die Sinfonie ganz anders: »Es ist mein bestes Werk und vorwiegend heiteren Charakters«, schrieb er Anfang 1908 an einen Konzertveranstalter.
Mahlers nur schwer nachvollziehbaren Charakterisierung zum Trotz ist es tatsächlich jene Sinfonie, die aus seinem Œuvre am ehesten übergangen oder vergessen wird. Von keiner anderen Sinfonie Mahlers gibt es so wenig Einzelaufnahmen, die nicht im Rahmen eines großen Gesamtaufnahme-Projekts (erst-) veröffentlicht wurden, wie von der Siebten. Umso bemerkenswerter ist es, wenn ein Orchester mit seinem (relativ) neuem Chefdirigenten ausgerechnet mit dieser Sinfonie debütiert. Andererseits: Sowohl das Orchester, als auch der Dirigent sind freilich nicht gänzlich unbeleckt und haben Mahlers Werke sowohl aufgeführt, als auch anfgenommen, wenn auch nicht gemeinsam.
Wie aber nähern sich Järvi und seine niederländischen Musiker der Sinfonie? Nun,sie tun es bemerkenswert zügig (rund 70 Minuten brauchen sie für das fünfsätzige Werk, statt der üblichen 80), jedoch ohne große Gesten, ohne eine voreilige Deutung, weder die traditionelle spätromantische, noch die das Moderne darin betonende. Die Sinfonie, die Mahler zügig im Sommer 1904 begann (in dem er die beiden Nachtmusiken, respektive die Sätze II und IV schrieb) und die dann lange brach lag und erst im darauffolgenden Jahr sehr schnell vollendet wurde, macht es dem Hörer auch wirklich nicht leicht. Sie wirkt etwas zerrissen (gemessen an anderen Sinfonien Mahlers), ohne den sonst so nachvollziehbaren Zusammenhalt. Es steckt etwas Übergangshaftes in Järvis Deutung, das immer wieder andeutet, dass Mahler hier tatsächlich “zwischen allen Stühlen” saß. Vielleicht ist das die unsichtbare Überschrift dieser Sinfonie: Veränderung, Bewegung, Übergang. Der Kontrast zwischen Tag und Nacht, etwa zwischen dem ersten und zweiten Satz, ist schroff; noch gespenstischer ist der 3. Satz (zwischen den beiden Nachtmusiken), einem Scherzo mit der Anweisung ‘schattenhaft‘, der hier bei Järvi fast wie der Prototyp eines beißend-spottenden Satzes einer Shostakovich-Sinfonie wirkt. Grelle Effekte wechseln sich mit poetischen Momenten ab, Licht mit Dunkelheit, »Film noir und Romanze« wie Wilhelmer schreibt.
Mahlers Siebte bleibt in Järvis Interpretation rätselhaft, widersprüchlich, gleichzeitig stößt sie mit der unüberhörbaren Abkehr von Konventionen die Tür zur Moderne ganz weit auf, gerade im 3. und 4. Satz. Nicht umsonst war Arnold Schönberg einer der ersten und prominentesten Fürsprecher für dieses Werk.
Die SACD Gustav Mahler - Symphony No. 7 des Residentie Orchestra The Hague unter Neeme Järvi ist am 23. Juli 2010 auf Chandos (CHSA 5079) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
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