Pittsburgh Symphony Orchestra, Marek Janowski: Hector Berlioz – Symphonie fantastique · Le Roi Lear
Geschrieben von Sal Pichireddu in CD des Monats, Neuerscheinungen, Rezension
Über die Symphonie fantastique - Episode de la vie d’un artiste (zu Deutsch “Episoden aus dem Leben eines Künstlers“), op. 14 von Hector Berlioz (1803-1869) ist viel geschrieben und viel spekuliert worden, schon zu Lebzeiten des Komponisten. Sie gehört ohne jeden Zweifel zu den beliebtesten symphonischen Werken der Romantik (und überhaupt) und die sagenumwobene Entstehungsgeschichte – vor allem der Opiumrausch, aus dem sie angeblich entstanden sein soll – beflügelt vor allem die Phantasie des Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts. Es scheint, als ob das maßlose, das exzessive, das Berlioz in dieser programmatischen Sinfonie zum Ausdruck gebracht hat, besonders reizvoll auf den Hörer von heute wirkt, so als ob wir selbst mit der Maßlosigkeit und der Exzessivität Berlioz’ bestens vertraut sein. Offenbar neigt man heute in der öffentlichen Wahrnehmung (zumindest außerhalb der “Klassikwelt”) dazu, Berlioz wohl belegte Drogeneskapaden mit jenen der ersten Generation von Rockmusikern zu vergleichen, so als ob Hector Berlioz ein Vorgänger von Jimi Hendrix, Jim Morrison usw. gewesen wäre.
Bei aller Sympathie dafür, dass man versucht sich eine Gestalt des 19. Jahrhunderts in die Gegenwart zu “übersetzen” darf allerdings nicht vergessen werden, dass Berlioz in erster (und einziger) Linie eine Figur seiner Zeit war. Visionär und zeitlos war nicht sein Drogenkonsum, sondern seine Musik und die blickte, wie so oft bei großen Schöpfungen, im gleichen Maße nach vorne und zurück: Sie ebnete den Weg für Programmmusik (ja, das schreibt man mittlerweile so) der Romantik und gleichzeitig knüpft sie unüberhörbar an die Symphonik Beethovens an.
Die Symphonie fantastique ist die Schnittmenge des Spannungsfeldes zwischen einer unerfüllten Liebe, Berlioz’ Leidenschaft für das shakespeare’sche Drama (und seine Idee das dramatische Konzept in der Musik anzuwenden), seiner Begeisterung für die Sinfonien Beethovens (insbesondere die Pastorale) und seinen neuen, revolutionären Ideeen, die er aus diesem Konglomerat aus alten und neuen, fremden und eigenen Einflüssen entstehen ließ. Es ist vielleicht das größte Verdienst der nun bei PentaTone Classics erschienenen SACD des Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Marek Janowski, dass man all dies glasklar heraushören kann.
Vieles kommt bei dieser herausragenden Neueinspielung zusammen: Da wäre erst einmal das sensationelle Orchester (man achte einmal auf die Bläser und die Perkussionsinstrumente – beide extrem wichtig in der Symphonie fantastique), das hier im Verlauf der Live-Aufnahme (!) geradezu über sich hinauswächst; da wäre das sichere und klar strukturierte, aber überaus leidenschaftliche Dirigat von Marek Janowski; da wäre – last but not least – die meisterliche Aufnahmetechnik, die das so komplexe und vielschichtige Werk perfekt eingefangen hat, was gewiss gerade beim furiosen Finale alles andere als einfach gewesen sein muss. Diese Aufnahme ist so kraftvoll, so unheimlich, so düster, so obsessiv wie es nur irgendwie geht: Ein musikalischer Thriller, den man immer wieder ansehen, pardon anhören kann und immer wieder neue Details entdeckt. Sogar das Booklet ist informativ. Achtung: Die deutschen Liner Notes von Franz Steiger sind nicht identisch mit jenen (auf Englisch und Französisch) von Ronald Vermeulen, doch lesenswert sind beide. Müßig über das wenig gelungene Artwork (mit Totenschädel, sic!) viele Worte zu verlieren, hier entschädigt der Inhalt mehr als genug. Und dass man quasi als Bonus-Track die Ouvertüre Le Roi Lear obendrauf mitgeliefert bekommt, ist das i-Tüpfelchen an einer rundum gelungenen Veröffentlichung.
Eine wahrhaft fantastische Aufnahme der Symphonie fantastique: So kraftvoll, so unheimlich, so düster, so klar im Klang und Ausdruck hört man sie selten. Eine überragende Leistung des Pittsburgh Symphony Orchestra und von Marek Janowski. ‘CD des Monats” August 2010.
Die SACD Hector Berlioz – Symphonie fantastique · Le Roi Lear des Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Marek Janowski ist am 20. August 2010 bei PentaTone Records (5186 338) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Symphonie fantastique, op. 14
- Le Roi Lear – Overture for Orchestra, op. 4
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