Philippe Graffin · Claire Désert · Deutsche Radio Philharmonie, Christoph Poppen: Robert Schumann – Violin Concerto (Arr. from Cello Concerto) · Violin Sonata No. 2 / Clara Schumann – 3 Romances for Violin and Piano
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, RezensionRobert Schumann schrieb 1853, kurz vor seinem völligen geistigen Verfall, ein letztes großes Orchesterwerk, das d-Moll-Violinkonzert WoO 23. Dieses wurde 1937, also über 80 Jahre später, im Rahmen einer groß angelegten propagandistischen Inszenierung der Nazis im Deutschen Opernhaus Berlin mit dem Solisten Georg Kulenkampff und den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Karl Böhm uraufgeführt.
Doch schon zuvor hatte sich Schumann mit der Vioiline als Soloinstrument in einem Konzert beschäftigt, allerdings über einen Umweg: 1850 hatte Schumann das Konzert für Violoncello und Orchester in a-Moll, op. 129 geschrieben (es sollte zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt werden ) und bearbeitete es kurz darauf für Violine. Er widmete es dem Geigenvirtuosen Joseph Joachim, mit dem er befreundet war. Diese Bearbeitung ist einer der beiden Hauptwerke auf der soeben bei Onyx Classics erschienenen CD des französischen Violinisten Philippe Graffin, der das Konzert mit der Deutschen Radio Philharmonie Kaiserslautern Saarbrücken (oh, wie ich diese politisch motivierten Namen scheußlich finde) unter der Leitung ihres Chefdirigenten Christoph Poppen aufgenommen hat. Außerdem hat er mit seiner langjährigen Duettpartnerin Claire Désert die bekannte Violinsonate No. 2 in d-Moll, op. 121 aufgenommen. Abgerundet wird das Album durch die 3 Romanzen für Violine und Klavier, op 22 von Clara Schumann.
Ganz gleich ob man das Konzert in seiner ursprünglichen Fassung für Cello kennt oder nicht, schon nach den ersten paar Takten wird klar: Es handelt sich bei dieser Bearbeitung um eine äußerst gelungenes Konzert, das viele Tugenden der Musik Schumanns vereint. Kein Wunder, wurde es doch unmittelbar nach seiner erfolgreichen und bis heute äußerst populären dritten Sinfonie, der “Rheinischen” geschrieben. Das Konzert atmet denselben schwelgerischen, hoffnungsfrohen Optimismus, den Schumann mit seiner gerade angetretenen Stelle als Musikdirektor in Düsseldorf verband (die Realität sollte ihn bald eines besseren belehren). Graffin gelingt es, den kantilenen Charakter der Cellos auf seiner Violine entsprechend umzusetzen, so dass das Konzert (fast) in seiner ursprünglichen Schönheit erstrahlt. Graffins weicher, wendiger Stil ist geradezu ideal für die singende Solostimme der Violine. Dazu kommt überaus differenziert spielende, glänzend aufgelegte südwestdeutsche Orchester unter der sicheren Leitung von Christoph Poppen.
Auch die Violinsonate No. 2 in d-Moll, op. 121 gelingt Graffin, auch dank seiner ebenbürtigen Partnerin Claire Désert, ganz vorzüglich. Gemeinsam deuten sie das kantige und vielschichtige Werk als lebendigen Dialog zwischen Violine und Klavier. Bemängelte ich bei der vor kurzem → besprochenen Vergleichsaufnahme von Ilya Gringolts und Peter Laul, dass »das Zusammenspiel der beiden Musiker nicht hundertprozentig« sei, dass die beiden Musiker sich widersinnigerweise gleichzeitig zurücknehmen, um dann wieder gleichzeitig vorzupreschen, ist der Dialog von Graffin und Désert viel ausgewogener, stimmiger. Ihre Violinsonate pulsiert lebendig und verspielt, wo Gringolts und Laul den Hörer etwas ratlos zurücklassen. Kein Zweifel, die zweite Violinsonate in dieser Einspielung ist rundum gelungen.
Als I-Tüpfelchen für eine rundum gelungene Veröffentlichung seien auch die Romanzen für Violine und Klavier von Clara Schumann erwähnt. Hier, wie bei der gesamten CD, überzeugt Graffin durch einen herrlich weichen, singenden Klang und das Klavier der Désert haucht in der ersten, tänzelt in der zweiten, schwebt in der dritten Romanze dazu.
Übrigens ist die Klangqualität dieser CD (anders als bei der Gringolts-Aufnahme) wieder Onyx-typisch exzellent, beim Konzert sogar überragend. Dies ist ein rundum gelungener Beitrag zum Schumann-Jahr und fast wünscht man sich, Graffin würde sich auch des anderen Violinkonzerts und der anderen beiden Violinsonaten annehmen.
Eine wirkliche Bereicherung des Schumann-Jahres: Der späte Schumann, ganz und gar romantisch gedeutet. ‘Die besondere CD’ im Juli 2010.
Die CD Robert Schumann – Konzert für Violoncello (Violine) und Orchester a-Moll op. 129 · Violinsonate No. 2 von Philippe Graffin ist am 23. Juli 2010 bei Onyx Classics (4062) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Robert Schumann: Konzert in a-Moll für Cello und Orchester, op. 129 (arr. vom Komponisten für Violine) (mit der Deutschen Radio Philharmonie Kaiserslautern Saarbrücken, Christoph Poppen)
- Clara Schumann: 3 Romanzen für Violine und Klavier, op 22 (mit Claire Désert, Klavier)
- Robert Schumann: Violinsonate No. 2 in d-Moll, op. 121 (mit Claire Désert, Klavier)
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