Frédéric Chopin, gemalt von M. Wodzinska, 1835Nahezu alle Werke von Frédéric Chopin (1810-1849) sind für das Klavier geschrieben worden. Abgesehen von seinen beiden Klavierkonzerten (mit Orchesterbegleitung) und den nicht für die Veröffentlichung bestimmten Liedern (mit Gesangsbegleitung) gibt es nur vier Kompositionen, die nicht (alleine) fürs Klavier geschrieben worden sind: Die drei frühen Werke Polonaise brillante für Violoncello und Klavier in C-Dur, op. 3 (1829),  das Trio für Klavier, Violine und Violoncello in g-Moll, op. 8 (1829), das gemeinsam mit seinem Cellisten-Freund Auguste Franchomme verfasste Grand Duo über Themen aus der Oper Robert le diable von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), WoO 16 (1832/33) und die späte Sonate für Violoncello und Klavier in g-Moll, op. 65 (1846/47). Alle diese Werke haben eines gemeinsam: Neben dem Klavier spielt das Cello eine prominente Rolle. Nun ist ein Album des polnischen Fryderyk Chopin Institute (auf Polnisch “Narodowy Institut Fryderyka Chopina”, NIFC abgekürzt) erschienen, das diese vier kammermusikalischen Werke zusammenfasst. Die Klavierparts wurden hierbei, wie immer bei der “Real-Chopin-Reihe”, des NIFC auf einem zeitgenössischem Instrument, einem Érard (1849 in Paris gebaut), eingespielt. Auf dem Album “Chamber music” musizieren Jan Krzysztof Broja (Fortepiano), Andrzej Bauer (Cello) und Jakub Jakowicz (Violine).

J. K. Broja- A. Bauer: Frédéric Chopin - Chamber MusicEs ist schon ein besonderes Klangerlebnis Chopin auf einem Fortepiano zu hören: Vieles von dem, was wir in unserer Vorstellung unverrückbar mit der Musik Chopins zu tun hat, hat in Wirklichkeit in erster Linie mit dem Sound moderner Konzertflügel zu tun: Der lange Nachklang, der polierte, weiche und runde Klang der Steinways, der Bösendorfer usw. und das Spiel einiger exzentrischer Interpreten daran (Alfred Cortot, Artur Rubinstein, Vladimir Horowitz und viele weitere) prägen unser (Klang-) Bild von Chopin’scher Musik, das Klischee. Wie viel klarer wirken sie Werke (nicht nur die mit Cello-Begleitung, sondern generell), wenn sie auf einem Instrument gespielt wurden, ähnlich dem, auf dem sie komponiert wurden und dessen Klang Chopin im Ohr gehabt haben muss, als er die Noten niederschrieb. Die Klaviere, die Mitte des 19. Jahrhunderts üblich waren, waren zwar technisch schon vollends ausgereift, hatten aber einige bauliche Unterschiede zu den heutigen Flügeln und daraus resultierend klingen sie anders als die heute üblichen Instrumente.

Hört man die vorliegende CD, dann ist es zuerst der perlende, helle Klang des Érard, der einem auffällt. Der Pianist Jan Krzystof Broja hat in Frankfurt, Hannover und Warschau studiert und zahlreiche Preise bei internationalen Wettbewerben gewonnen. Hier am Érard überzeugt er durch sein vitales, klares Spiel und seine Fähigkeit, auf seine Mitmusiker zu achten, allen voran dem Cellisten Andrzej Bauer, der mit seinem wohlklingenden Spiel eine echte Entdeckung auf diesem Album ist. Seine Diskografie ist verhältnismäßig klein und leider zum Großteil nicht mehr erhältlich, doch Bauer ist kein wirklicher Nobody in der Szene, hat er doch Ende der 1980/ Anfang der 1990er einige bedeutende Preise und Förderpreise gewonnen (darunter den ARD-Musikwettwerb 1992 in München). Mag sein, dass Bauer hierzulande nur einigen Insidern bisher bekannt war: Mit dieser Aufnahme empfiehlt er sich als feinsinniger und intelligenter Chopin-Interpret auf höchstem internationalen Niveau. Last but not least sei hier ausdrücklich auch noch Jakub Jakowicz lobend erwähnt, der auf dieser CD lediglich bei dem Trio in g-Moll, op. 8 zu hören ist, aber dessen Erfahrung als Mitglied des renommierten Zehetmair Quartetts, eines der besten Streichquartette für romantische Kammermusik überhaupt, ein weiterer Pluspunkt auf dieser rundum gelungenen CD ist. Die Stücke selbst, die drei frühen auf der einen, die späte Sonate auf der anderen Seite, wirken fast gegensätzlich zueinander: Auf der einen Seite die ausladenden, unbeschwert-fröhlichen Klavierparts, auf der anderen Seite eine gefühlvolle, erstaunlich reife Sonate, bei der das Klavier deutlich weniger prominent ist und bei der Chopin eine wundervolle Partitur fürs Cello geschrieben hat, die man einem, der sonst quasi exklusiv für das Klavier schrieb, kaum zutrauen mag, wenn es sich nicht um ein musikalisches Genie wie Chopin handelte. Mag sein, dass Chopin sich bei seinem Kompositionen auf sein Instrument nahezu ausnahmslos beschränkt hat, vor allem die Sonate zeigt, dass er sehr wohl in der Lage gewesen wäre auch andere Gattungen der Musik zu bereichern.

Das Chopin-Institut hat seiner Reihe auf Originalinstrumenten den Beinamen »The real Chopin«, der echte, der wahre Chopin gegeben. Wenn man diese Aufnahmen mit den bekannten Einspielungen auf modernen Instrumenten vergleicht, so ist das veränderte Klangbild mehr als nur ein Überraschungseffekt. Die gesamte Klangarchitektur der Musik Chopins verändert sich, wenn man sie auf diesen ursprünglichen Instrumenten spielt. Aus meiner persönlichen Hör-Erfahrung kann ich sagen, dass ich mit diesem historisch-informierten Spiel bei Chopin (und generell bei den Romantikern) viel besser zurecht komme, als mit vielen anderen ‘konventionellen’ Einspielungen. Gerade bei vermeintlichen den Nebenwerken Chopins offenbaren sich so viele Nuancen, die sonst untergehen, weil moderne Konzertflügel wenn sie nicht mit äußerster Bedacht gespielt werden, viel zu opulent im Klang sind und so viele Kleinigkeiten verdecken. Die stetig wachsende und mittlerweile fast vollständige Gesamtaufnahme des NIFC wird in Zukunft die Referenz sein, an der sich alle anderen Chopin-Einspielungen messen lassen werden müssen. Dabei ist freilich nicht nur die Wahl der Instrumente, sondern auch die der Interpreten entscheidend und hier scheint das Chopin-Institut, wohl auch dank des berühmten Klavierwettbewerbs, auf eine Vielzahl erstklassiger Interpreten zurückgreifen zu können. Ich freue mich schon auf die kommenden Veröffentlichungen aus Warschau.

Die Besondere CD - CodaexWie quasi alle Veröffentlichungen des polnischen Narodowy Institut Fryderyka Chopina: Beste Interpretationen mit exzellenter Klangtechnik aufgenommen und ansprechend verpackt. Authentischer, lebendiger und (wieder-) entdeckenswerter Chopin. ‘Die besondere CD‘ im Monat August 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Frédéric Chopin – Chamber music von Jan Krzysztof Broja (Fortepiano), Andrzej Bauer (Cello) und Jakub Jakowicz (Violine) ist am 20. August 2010 als Veröffentlichung des NIFC (NIFCCD 013) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Sonate in g-Moll für Violoncello und Klavier, op. 65
  2. Polonaise brillante für Violoncello und Klavier C-Dur, op. 3
  3. Gran Duo concertant sur “Robert le Diable” de Meyerbeer für Violoncello und Klavier E-Dur, WoO 16
  4. Trio für Klavier, Violine und Violoncello, g-Moll, op. 8


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