Quadriga Consort - Songs from the British IslesVor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle das neue Album “Songs from the British Isles” des österreichischen Quadriga Consort vorgestellt (‘Der besondere Tipp‘ Juli 2010 → Besprechung auf blog.codaex.de). Das in Freistadt/ Oberösterreich beheimatete Ensemble überzeugt darauf durch mitreißende Fassungen englischer, irischer und schottischer Volkslieder. Das Besondere: Das Quadriga Consort verzichtet auf elektrische und elektronische Instrumente und auf jegliche Modernisierungen und nähert sich der Folkmusik von Seiten der Alten Musik und musiziert auf Originalinstrumenten. Dieses überaus spannende (und gelungene!) musikalische Konzept hat mich neugierig gemacht. Ich bin froh darüber, dass sich Nikolaus Newerkla, der künstlerische Leiter und Cembalist des Septetts, dazu bereit erklärt hat, einige Fragen hier an dieser Stelle zu beantworten.

Die neue CD ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Sind Sie zufrieden mit dem Album? Wie war die bisherige Resonanz in der Presse und vom Publikum?

Auf diese Live-CD können wir, wie ich glaube, zu recht stolz sein. Handelt es sich dabei doch um den Mitschnitt eines einzigen Konzerts, also ohne Gegenschnitte zu einem zweiten Konzert oder Generalprobenaufnahmen, wie das sonst ja durchaus üblich ist. Das heißt, es gab keinen doppelten Boden, kein Fangnetz, es durfte einfach nichts passieren. Trotz dieses Drucks so inspiriert und inspirierend agiert zu haben, ist denke ich die größte Leistung der Aufnahmen und ein ziemlich kräftiges Statement unserer Live-Stärke. Das Publikum schätzt es sehr, nach einem Konzertbesuch endlich auch die direkte Emotion des Konzerterlebnisses mit nach Hause nehmen zu können – und es wird uns immer öfter bescheinigt, dass die CD stärker und unmittelbarer zu wirken vermag als unsere bisherigen Studio-CDs.

Was die Presse anlangt, so war sicherlich die Wahl zur »Klassik-CD der Woche auf Deutschlandradio Kultur« (blog.codaex.de berichtete) ein schöner Einstieg, auf weitere Resonanz in den Medien warten und hoffen wir noch.

Quadriga Consort - Pressefoto 1, © Daniel K. GebhartDas Quadriga Consort (Warum eigentlich dieser Name?) spielt hauptsächlich alte Volkslieder auf Originalinstrumenten. Ordnen Sie sich selbst eher als “Alte Musiker” oder als “Folkband” ein? Auf was für einem Festival ist es wahrscheinlicher das Ensemble zu hören, auf einem für Alte Musik oder auf einem Folk-Festival?

Quadriga hat vor Jahren zu viert begonnen. Da lag der Name auf der Hand. Damals haben wir uns durch die Triosonaten-Literatur gespielt. Allerdings hat es nicht lange gedauert, und wir waren zu acht und bei dem Repertoire, dem wir bis heute treu geblieben sind. Seit dem plötzlichen Tod unserer Gambistin Elisabeth Kurz im Jahr 2005, hat sich die Besetzung nicht mehr geändert, wir haben also bis heute zu siebt weitergemacht. Wir teilen schon viele intensive Erlebnisse, sind schon weit und viel miteinander gereist, und vom Gefühl her sind wir demnach bestimmt eine eingeschworene Band, die immer und ausschließlich in der gleichen Besetzung agiert. Wo Quadriga draufsteht, ist also Quadriga drin.

»das coole folkige Alte-Musik-Ensemble«

Ein Teil von uns ist mit der historischen Aufführungspraxis groß geworden und natürlich außerhalb von Quadriga weiterhin damit beschäftigt. Ein anderer Teil, etwa unsere Sängerin oder auch unser Perkussionist, kommt eher aus der Pop- und Folkecke. Eine Einordnung der ganzen Gruppe ist schwer, jeden und jede von uns zeichnet aber eine Vielseitigkeit und das Gefühl für unterschiedlichste Stile aus. Insgesamt sind wir aber bestimmt eher das coole folkige Alte Musik Ensemble als die Gamben- und Blockflöten-Folkband. Wir werden auch eher von unpuristischen Alte-Musik- und Klassik-Festivals gebucht als von Folk-Veranstaltern.

Viele der Songs, die das Quadriga Consort spielt, liegen in zahlreichen überlieferten Fassungen vor, wurden oft viele Jahre nach ihrem Entstehen notiert, oft genug auch (gerade textlich) ‘geglättet’. Aus welchen Quellen stammen die Lieder, die Sie dann arrangieren?

Ich genieße es sowohl bei der Auswahl der Stücke als auch bei der Arrangier-Arbeit, dass mir das Repertoire der traditionellen Musik alle Freiheiten lässt, die ich mir nehmen will. Es gibt ja von den allermeisten Liedern viele und vor allem unterschiedlichste Versionen, die sich von Jahr zu Jahr, von Interpret zu Interpret stetig verändern, eine einzige allgemein gültige Version wird man nicht finden. Man braucht sich also auch nicht der Illusion hinzugeben, selbst so eine schaffen zu können. Beim Arrangieren stelle ich mir einzig und allein die Frage danach, wie ich dieses oder jenes Stück gerne einmal hören würde. Vor allem aber möchte ich immer der dem Text innewohnenden Emotion gerecht werden. Bei den meisten Stücken bieten sich tatsächlich eine Vielzahl unterschiedlicher Textversionen an. Die Entscheidung fällt meist intuitiv für die eine oder andere Version, wobei ich mich mittlerweile auch gerne einmal für die unbekanntere Variante entscheide. Andererseits sind auch die überlieferten Melodien zu gleichen Texten teilweise gänzlich unterschiedlich. In jedem Fall freue ich mich immer, wenn mir eine gänzlich neue und unverwechselbare Version eines Stücks gelingt. Ich scheue auch nicht davor zurück, Melodien anzupassen oder quasi neu zu komponieren, wenn ich es für nötig halte.

Was die Quellenlage anlangt, so kann man gottlob ja auf einen schier unüberschaubaren Fundus von Songs und Tunes zurückgreifen. Es gibt heute eine Unzahl von gedruckten Sammlungen, aber auch im Internet gibt es riesige Melodien- und Text-Datenbanken, die frei zugänglich sind, und das Schöne ist, dass auf traditionelle Literatur niemand Rechte für sich beanspruchen kann.

Quadriga Consort - Pressefoto 2, © Daniel K. GebhartAuf Originalinstrumenten spielen bedeutet im Falle des Quadriga Consort, dass Arrangements für alte Instrumente geschrieben werden. In wie weit ‘legitimieren’ sie die Arrangements? Werden die Instrumente der jeweiligen Musik zeitlich angepasst, also eine Barockflöte für ein Lied aus dem Barock, eine Renaissance-Flöte für solche aus der Renaissance oder werden die Arrangements der Lieder ihren Instrumenten angepasst?

Der Folk-Bereich ist eine wunderbare Spielwiese, auf der man sich als Arrangeur und Komponist austoben kann, ohne sich vor jemandem rechtfertigen zu müssen. Meine Arrangements sind unterschiedlichster Natur. Manche von ihnen lassen sich schwer stilistisch oder musikhistorisch einordnen, andere wieder, etwa Stücke im Renaissance-Consort-Stil sind bewusst historisierend arrangiert. Viele Melodien oder Lieder waren bereits in der Renaissance bekannt und haben sich bis heute gehalten. Man kann sich meiner Meinung nach also relativ entspannt ans Arrangieren machen, schließlich haben die Stücke oft mehr als dreihundert Jahre und viele Musikepochen überdauert, also finde ich es immer spannend, mich auch an mehreren Musikstilen zu bedienen. Welches Instrumentarium dann etwa die Blockflötistinnen verwenden, entscheiden sie beim Erarbeiten der Stimmen oder spätestens wir alle dann beim Proben. Tendenziell ist es aber natürlich so, dass die Renaissance-Flöten gerne für archaisch anmutende Stimmen, aber natürlich auch für die Jigs und Reels der irischen Folkmusik verwendet werden, seltener verwenden wir Barock-Flöten, weil sie oft eine zu kunstmusikalische Atmosphäre schaffen.

Das Quadriga Consort hat sich auf Volksmusik der britischen Inseln konzentriert. Warum ausgerechnet die der britischen Inseln? Und spielt das Quadriga Consort auch Lieder aus anderen Gegenden? Läge es nicht näher Volkslieder aus dem alpenländischen Raum zu spielen? Und könnten Sie sich vorstellen auch einmal Lieder aus einem anderen Kulturkreis zu spielen?

Wir haben uns tatsächlich – und im Moment ausschließlich – auf die britischen Inseln spezialisiert, und ich glaube, wir tun gut daran, vorerst einmal auf dieser Schiene zu bleiben. Wir machen es auch viel zu gern, um schon nach Alternativen Ausschau halten zu müssen. Ich habe bisher etwa 250 Stücke arrangiert, in den Sammlungen, Archiven und Datenbanken gibt es aber noch tausende. Das Faszinierende an der traditionellen Musik der britischen Inseln sind die eingängigen, aber trotzdem komplexen und immer von Emotion geleiteten Melodien. Ebenso faszinieren die alten englischen Texte, in ihrer Einfachheit aber treffsicheren Prägnanz. Die keltischen Sprachen, etwa das schottisch oder irisch Gälische, sind außerdem ein von Alte-Musik-Ensembles bisher noch überhaupt nicht beackertes Feld.

Mir persönlich liegt jedenfalls vom Gefühl her ein englischer Folksong emotional näher als ein alpenländisches Volkslied. Ich wüsste arrangiertechnisch rein gar nichts mit dieser Musik anzufangen und verspüre auch kein Bedürfnis danach.

Das Schöne ist, dass wir mit dem, was wir machen, immer wieder auch auf den britischen Inseln große Anerkennung ernten. Die englischen CD-und Konzertkritiker waren immer besonders wohlwollend unserem Ansatz gegenüber. Quadriga Consort wird mittlerweile auch sofort mit Musik von den britischen Inseln assoziiert. Das geht so weit, dass wir etwa bei einem großen deutschen Festival schon einmal von Mitarbeitern mit „Are you the Scottish Musicians?“ begrüßt wurden.

Quadriga Consort - Pressefoto 3, © Daniel K. GebhartDie (übrigens vorzügliche) Sängerin des Quadriga Consort Elisabeth Kaplan stammt ursprünglich aus Südafrika. Wie hat es sie denn nach Österreich verschlagen? Wie hat die Gruppe überhaupt zusammengefunden?

Elisabeth hat als Tochter österreichischer Auswanderer bis zu ihrem Schulabschluss, also bis zu ihrem 18. Lebensjahr, in Südafrika gelebt und ist dann zum Studieren nach Österreich gekommen – und geblieben. Ich habe sie beim Studieren in Graz kennen gelernt, wir hatten aber damals kaum Berührungspunkte, auch wenn wir im selben Jahrgang waren. Sie war eher mit ihren Jazzprojekten beschäftigt, ich habe mich auf mein klassisches Klavierstudium und auch schon auf die Alte Musik konzentriert. Erst Jahre später und für das Projekt Quadriga haben sich unsere Wege gekreuzt, und das nicht zufällig. Meine Frau, unsere Blockflötistin und Gambistin Angelika Huemer hatte die Idee geboren gehabt, das traditionelle und folkige Repertoire zu erobern. Das Quadriga Consort war bereits gegründet. Zusammengefunden hatten wir uns beim Studium in Graz. Was uns noch fehlte war eine Sängerin. Ich hatte auch schon die ersten zehn Stücke arrangiert, als uns Elisabeths Stimme einfiel. Wir erinnerten uns an ihre Klangfarbe, wenn sie Jazz sang und natürlich an ihre perfekte englische Aussprache. Sie war mittlerweile nach Wien gezogen, und wir mussten erst über einige Ecken ihren genauen Aufenthaltsort ausfindig machen.

»Wir glauben, dass niemand diese Musik besser singen wird!«

Schließlich habe ich eine Email verfasst und ihr unser Projekt beschrieben, dann die bedeutungsvollen Worte dazugesetzt: “Wir glauben, dass niemand diese Musik besser singen wird!” Und ihre Antwort war, dass sie schon immer genau diese Musik singen wollte und ihre Affinität zu den britischen Inseln ebenso ausgeprägt sei wie die unsere.

Und dann noch meine letzte Frage: Ich schenke Ihnen und ihrer Gruppe eine Zeit- und Raumreise. Wohin soll es gehen? Und warum?

Das ist aber nett von Ihnen. In England sind wir schon des öfteren aufgetreten, aber noch nie in Schottland. Also bitte, nächstes Jahr zum Edinburgh International Festival. Und dürfen wir uns auch die doppelte Gage wünschen?

Wünschen darf man sich ja bekanntlich alles. Mal sehen, was die Götter dann daraus machen. Ich drücke dem Ensemble für die Zukunft die Daumen und verspreche es im Auge zu behalten. Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

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Das Album Songs from the British Isles, gespielt vom österreichischen Quadriga Consort ist am 23. Juli auf Gramola (98876) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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