I. Gringolts: R. Schumann - Violin SonatasEs ist nicht alles Gold, was glänzt. Diese Erkenntnis ist so alt, wie banal, was aber, wenn man sie umkehrt? »Was glänzt, muss nicht Gold sein« scheint mir im mehrfachen Sinne eine gute Überschrift für das Debüt des russischen Violinisten Ilya Gringolts auf Onyx Classics zu sein. Für seine erste CD beim britischen Renomée-Label wählte Gringolts Musik, die man – bei allem gebotenen Respekt – ebenso nicht als “reines Gold” bezeichnen würde, namentlich die drei Violinsonaten von Robert Schumann. Die erste Violinsonate in a-Moll, op. 105 (geschrieben 1851) mochte Schumann nach eigenen Angaben selbst nicht besonders, so dass er noch im selben Jahre die zweite Violinsonate in d-Moll, op. 121 hinterherschob. Die dritte Sonate, WoO 2 wurde sogar erst 1856 veröffentlicht und hat eine kuriose Entstehungsgeschichte.  Carenza Hugh-Jones schreibt in den Liner Notes im Booklet dazu:

»Robert Schumann, Albert Dietrich und Johannes Brahms kollaborierten 1853 an einer viersätzigen Komposition für Violine und Klavier, die sie nach dem Motto „Frei aber einsam“ des Geigers Joachim die F–A–E Sonate nannten. Schumann schrieb den zweiten und vierten Satz dafür und nutzte kurze Zeit später diese beiden Sätze zusammen mit zwei neuen für seine Sonate Nr. 3. Da das Werk jedoch ursprünglich in zwei Manuskripten existiert, gibt es keine Hinweise darauf, in welcher Reihenfolge die vier Sätze gespielt werden sollen. Nur wenige Monate nachdem er das Werk vollendete, erlitt Schumann einen schweren Nervenzusammenbruch und wurde in eine Irrenanstalt eingewiesen, wo er zwei Jahre später starb.«

Das erstaunliche an diesem Album ist: Es hat seine besten Momente just bei jenen Sonaten, die man immer etwas kritisch betrachtet, nämlich der (von Schumann) ungeliebten ersten Violinsonate (die viel seltener aufgenommen und aufgeführt wird als die zweite) und bei der eh immer stiefmütterlich behandelten dritten Sonate. Oder anders herum gesagt: Die zweite Sonate ist dem russischen Duo meiner Meinung nach nicht stringent genug nicht gelungen.

Doch der Reihe nach: Ilya Gringolts, ein hierzulande noch eher unbekannter Violinist, nichtsdestoweniger aber schon mehrfacher Preisträger, unter anderem Sieger des internationalen Violinwettbewerbs “Premio Paganini”1998 mit gleich zwei zusätzlichen Sonderpreisen (dem Preis als jüngster Final-Wettbewerbsteilnehmer und dem als bester Interpret der Paganini-Capricen) und sein Duo-Partner am Klavier Peter Laul spielen Schumann überraschend zurückhaltend, gar nicht so, wie man es von einem russisch-russischen Duo gemeinhin erwarten würde (man vergebe mir diesen Griff in die Klischee-Schublade). Das funktioniert bei der Violinsonate No. 3, vor allem aber bei der introvertierten und meiner Meinung nach völlig zu Unrecht unterschätzten Violinsonate No. 1 ganz hervorragend.

Sicher, keine der drei Sonaten nutzt die technischen Möglichkeiten der Violine voll aus, soll heißen: Es sind keine Paradestücke für Virtuosen. Dennoch (oder gerade deswegen) verlangen sie ein hohes Maß an expressiven Qualitäten der Interpreten. Gringolts Spiel ist angenehm weich und gefühlvoll, bleibt dabei aber zart, fast zerbrechlich im Klang (aber nicht unsicher), was ich gerade bei der ersten Sonate als sehr passend empfinde. Bei der zweiten Sonate wirkt er allerdings zu zurückhaltend auf mich, gleichzeitig stimmt auch das Zusammenspiel der beiden Musiker nicht hundertprozentig. Erstaunlich, denn mal nehmen sich beide gleichzeitig zurück, dann wieder preschen beide Musiker gleichzeitig in den Vordergrund und man verliert als Zuhörer ein wenig der Überblick, wer hier gerade federführend sein will. Dazu kommt eine für Onyx überraschend schwache Klangqualität der Aufnahme. Das Klavier klingt während der ganzen Aufnahme etwas dumpf und viel zu weit im Hintergrund; als störend erweist sich das unüberhörbare scharfe Einatmen Gringolts – hier wäre mehr Sorgfalt angebracht gewesen. Bei allem Respekt: Dies ist keine Meisterleistung des Produzenten und Toningenieurs Philip Hobbs geworden, was umso erstaunlicher ist, gilt Hobbs doch als einer der allerbesten Toningenieure/ Produzenten in Großbritannien.

Unterm Strich reicht es für eine durchschnittliche Wertung, doch nota bene: Gerade die erste Violinsonate finde ich bemerkenswert einfühlsam musiziert und hörenswert. Es gibt gar nicht so viele Aufnahmen dieser Sonate, Gringolts Aufnahme ist – trotz der oben genannten technischen Einschränkungen – sicher einer der besten, eine der romantischsten, dasselbe gilt ebenso für die Sonate No. 3.

Es ist nicht alles Gold hier, doch Gringolts schafft es genau dort zu glänzen, wo man es am wenigsten vermutet, bei der ersten und bei der dritten Sonate. Ein Name, den man sich merken sollte, gerade weil mit einer Tugend glänzt, die sich im Zeitalter der technisch perfekten Interpreten deutlich seltener finden lässt, mit emotionaler Tiefe, oder um es mit der ehrwürdigen englischen Tageszeitung The Times zu sagen: »Gringolts has depth beyond his years.«

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Anmerkung: Die Note für die interpretatorische Leistung ist hier nur ein Durchschnittswert, der sich aus der sehr gelungenen ersten (****), aus der eher unsicheren zweiten (**) und der ordentlichen dritten Sonate (***) zusammensetzt. Weitere Details zum Bewertungsschema finden sich auf → dieser Seite.

Die CD Robert Schumann – Violinsonaten Nos. 1 – 3 von Ilya Gringolts und Peter Laul ist am 23. Juli 2010 bei Onyx Classics (4053) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Violinsonate No. 1 in a-Moll, op. 105
  2. Violinsonate No. 2 in d-Moll, op. 121
  3. Violinsonate No. 3 in a-Moll, WoO 2


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Eine Antwort zu “Ilya Gringolts & Peter Laul: Robert Schumann – Violin Sonatas Nos. 1 – 3”
  1. [...] Letztes Jahr debütierte er bei Onyx Classics mit seinen drei Violinsonaten (s. dazu auch die → Besprechung in diesem Blog). Wer aber damals dachte, dass sich der aufstrebende Musiker nur am allgemeinen [...]

  2.  
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