Essener Philharmoniker, Stefan Soltesz: Appassionatamente plus Lulu-Suite
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Nicht erst seitdem Essen (für das gesamte Ruhrgebiet) zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 gekürt wurde, sind die Essener Philharmoniker das wohl renommierteste Orchester im Ruhrgebiet. Der Klangkörper kann auf eine über 100-jährige Tradition zurückblicken. Es wurde 1899 gegründet und erhielt bald darauf einen eigenen Konzertsaal, in dem schon bald bedeutende Uraufführungen wie etwa die “Sinfonietta” von Max Reger (1905) und die Sinfonie No. 6 von Gustav Mahler (1913) stattfanden. Bedeutende Namen waren Chef- und Gastdirigenten der Essener Philharmoniker, unter anderem so klangvolle Namen wie Hermann Abendroth, Max Fiedler, Otto Klemperer, Hans Knappertsbusch und Yehudi Menuhin. Zweimal, 2003 und 2008, wurden der Klangkörper zum “Orchester des Jahres” von der Fachzeitschrift Opernwelt gekürt. Seit 1997 ist Stefan Soltesz Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker und hat durch seine Arbeit maßgeblich zum guten Ruf Essens als Opern- und Kulturmetropole des Westens beigetragen. Nun erscheint seit langer Zeit wieder ein Album der Essener mit zwei Orchestersuiten, die nach Opern entstanden sind: Appassionatamente plus von Hans Werner Henze nach der Oper Das verratene Meer und die Lulu-Suite nach der gleichnamigen Oper von Alban Berg. Beide Einspielungen entstanden in diesem Frühjahr im Alfried Krupp Saal der Essener Philharmonie in bester SACD-Technik. Für die Produktion zeichnet sich das mehrfach mit dem Echo Klassik und Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Düsseldorfer Label Cybele Records verantwortlich.
Zweimal Musik des 20. Jahrhunderts von zwei einflussreichen und wichtigen Komponisten des deutschsprachigen Raums, dem Wiener Alban Berg und dem in Italien lebenden, aus Gütersloh stammenden Hans Werner Henze.
Zweimal sind es symphonische Werke, deren musikalisches Material aus Opern entnommen worden ist und dennoch: Es sind auch zwei Werke, die neben vielen Ähnlichkeiten auch unüberhörbare Unterschiede aufweisen. Neben ihrer Ableitung aus Opernmaterial ist ihnen der düstere Grundton (der Opern) gemein, doch während Berg mit seiner Oper Lulu (»die beste Oper des 20. Jahrhunderts«, Philip Hensher, The Guardian) ein Meisterwerk der Zweiten Wiener Schule schuf, ist die Klangsprache Henzes keiner eindeutigen Schule zuzuordnen und weist heterogene Einflüsse auf. Beiden Werke ist wiederum eine essentielle Verdichtung des musikalischen Materials der Opern gemein.
Die Essener Philharmoniker erweisen sich als erfahrenes und überaus qualifiziertes Ensemble in Sachen Musik des 20. Jahrhunderts, die sich unter der Leitung von Stefan Soltesz sicher durch die vielschichtigen und komplexen Partituren bewegen. Das gelingt ihnen bei Appassionatamaente plus ganz exzellent und das gelingt ihnen vielleicht noch ein wenig mehr bei der Lulu-Suite. Das ist wiederum vielleicht gar kein Zufall, war es doch das Essener Aalto-Theater, das die Oper – damals noch unvollendet – vor über fünfzig Jahren als erste deutsche Bühne aufgeführt hat. Die zwei Gesangspartien, die aus der Oper auch in die Suite Eingang gefunden haben, das zentrale Lied der Lulu (»Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab (…)«) und die letzten Worte der Gräfin Geschwitz am Ende des abschließenden Adagio (»Lulu! – Mein Engel! – Lass dich noch einmal sehen! Ich bin dir nah! – Bleibe dir nah – in Ewigkeit!«) singt Julia Bauer, die auch schon die Lulu in der diesjährigen Essener Aufführung der Lulu im Aalto-Theater sang.
Die SACD Appassionatamente plus Lulu-Suite der Essener Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Soltesz mit der Koloratur-Sopranistin Julia Bauer als Solistin ist am 20. August 2010 bei Cybele Records (860801) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Hans Werner Henze – Appassionatamente plus per grande orchestra (1994/2003)
- Alban Berg – Lulu-Suite: Symphonische Suite aus der Oper “Lulu” – Konzertante Fassung für Koloratursopran und großes Orchester (1934)
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