Robert Schumann, 1839 (Zeichung)Ich finde es höchst erfreulich, dass das diesjährige Robert Schumann-Jahr (zum 200. Geburtstags des Komponisten) anscheinend von den Künstlern genutzt wurde, auch zahlreiche weniger populäre Werke sorgsam neu einzuspielen und sie somit wieder der breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie in Erinnerung zu rufen. Binnen kürzester Zeit sind beispielsweise Schumanns Werke für Viuoline neu eingespielt worden: So nahm beispielsweise der französische Violinist Philippe Graffin das Konzert in a-Moll für Cello und Orchester, op. 129 in der Bearbeitung für Violine und die Violinsonate No. 2, op. 121 für das englische Label Onyx auf (s. Besprechung→ hier); der russische Violinist Ilya Gringolts widmete seine neueste Veröffentlichung gleich allen drei Violinsonaten Schumanns (Besprechung→ hier) und – last but not least (auch wenn das Album nicht bei einem von Codaex vertriebenem Label erschienen ist) – hat der Violinist Daniel Sepec mit Andreas Staier die Violinsonaten Nos. 1 & 2 (für Harmonia Mundi) historisch-informiert aufgenommen. Das Faszinierendste an all diesen Veröffentlichungen ist: Jede scheint einen anderen Aspekt dieser sonst eher vernachlässigten Werke betonen zu wollen, in jeder Aufnahme gibt es neue Momente, neue Sichtweisen. Die nun veröffentlichte Neuaufnahme aller drei Violinsonaten Schumanns des Ensemble Villa Musica (in diesem Fall bestehend aus Nicolas Chumachenco, Violine und Kalle Randalu, Klavier) für das Label MDG bildet darin keine Ausnahme.

Ens. Villa Musica: R. Schumann - Violin SonatasChumachenco und Randalu arbeiten in ihrer Interpretationen der drei Sonaten vor allem die Unterschiede der Sonaten sehr präzise heraus. Zurecht zeigen sie, dass die Sonaten nicht nur im Charakter, sondern auch von der Gestaltung und Ausarbeitung völlig unterschiedliche Ansätze verfolgen. Sie widersprechen damit der allgemein gültigen Annahme, dass die zweite Sonate lediglich der zweite, gelungenere Versuch der ersten Violinsonate sei, die Schumann angeblich ja nicht sonderlich mochte, wie zumindest der Violinist der ersten privaten Probe (mit Clara Schumann am Klavier) Wilhelm Joseph von Wasielewski (1822-1896) in seiner Biographie berichtet:

»Die Sonate hatte übrigens als Komposition nicht ganz seinen Erwartungen entsprochen, weshalb er eine zweite, ‘bessere’ zu machen beschloß.«

Vielmehr ist die zweite Sonate ein großangelegtes Konzertstück (deswegen auch ihr Name »Grand Sonata für Violine und Klavier«), das einen völlig anderen Aufbau hat, einer völlig andere Dramaturgie fogt. Die erste Sonate wurde im internen Sprachgebrauch der Schumanns immer nur das »Duo« genannt, was eben ihren Charakter unterstreicht. Die zweite Sonate stellt die Violine und deren solistischen Passsagen viel weiter in den Vorgrund (deswegen auch »für Violine und Klavier« und nicht umgekehrt); die erste Sonate (das »Duo« für Klavier und Violine) ist deutlich bescheidener, kammermusikalischer im Aufbau und die beiden Instrumente sind gleichberechtigter eingesetzt. Genau hier setzen Chumachenco und Randalu bei ihrer Interpretation an: Mit kraftvoller und ausladender Solo-Violine bei der Grand Sonata und dem Klavier das meistens eher begleitet (meistens, nicht immer!), während das Duo deutlich zurückhaltender und insgesamt schlanker und wendiger im Klang bei der ersten Sonate vorgeht.

Auch die wenig gespielte und oft genug als zu vernachlässigen abgewertete  Sonate No. 3, WoO 2 erfährt durch das sorgfältig musizierende Duo eine echte Aufwertung. Da die Sonate in die allerletzte Schaffensperiode Schumanns fällt – sie entstand 1853, kurz vor Schumanns Einweisung in die Endenicher Heilanstalt – hält sich hartnäckig das Gerücht, dass sie, wie all seine Werke dieser Zeit (sic!) überschattet sei von der nahenden Geisteskrankheit. Hört man aber nun den engagierten, schwungvollen, dann wieder lyrischen Vortrag Chumachencos und Randalus, muss man sich über solch ein Vorurteil wundern. Die aus der gemeinschaftlich mit Johannes Brahms (1833-1897) und Albert Dietrich (1829-1908) geschriebenen F-A-E-Sonate entstandene dritte Violinsonate ist hier alles andere als ein Fragment (auch wenn die endgültige Reihenfolge der Sätze nicht von Schumann festgelegt wurde), sondern eine ebenbürtige Sonate, die den beiden vorangegangenen in nichts nachsteht. Gerade das träumerische Intermezzo hier ist einer der schönsten vergessenen Momente in der Kammermusik Schumanns.

Übrigens: Anders als im Booklet vermerkt, ist bei der dritten Sonate das Scherzo an zweiter, das Intermezzo an dritter Stelle (wie im Autograph und in der Erstausgabe des Notentextes von 1956 vermerkt) und nicht umgekehrt (wie in den Neuausgaben von 2001 und 2007). Vermutlich ein Fehler bei der CD-Herstellung, den man dank programmierbarer CD-Player schnell beheben kann. Die ausführlichen Anmerkungen von Joachim Draheim sind informativ, engagiert und lesenswert.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Robert Schumann – Violinsonaten Nos. 1 – 3 vom Ensemble Musica: Nicolas Chumachenco & Kalle Randalu ist am 20. August 2010 bei MDG (304 1647) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Violinsonate No. 2 in d-Moll, “Grand Sonata”, op. 121
  2. Violinsonate No. 1 in a-Moll, op. 105
  3. Violinsonate No. 3 in a-Moll, WoO 2


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