J. S. Bach: Goldberg-Variationen - Titelseite des ErstdrucksVor einigen Monaten schrieb, anlässlich der → Besprechung von Pieter Dirksens Aufnahme der Goldberg-Variationen auf einem zweimanualigen Cembalo, folgende Einführung:

»Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) sind zweifelsohne der Höhepunkt der barocken Variationskunst. Die “Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen”, wie Bach sie selbst bei dem von ihm in Auftrag gegebenen Erstdruck nannte, blieben trotz einiger Versuche in der Romantik und Spätromantik, sie durch Bearbeitungen für das Klavier bekannter zu machen, weitgehend unbeachtet. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden  die Goldberg-Variationen zu einem festen Begriff beim Publikum.«

Der Rest ist freilich Legende: Seitdem der kanadischen Pianist Glenn Gould mit seiner Einspielung von 1955 die Goldberg-Variationen quasi über Nacht weltberühmt gemacht hat und sie ein Teil der (Pop-) Kultur wurden, sind die Variationen zahllose Male aufgenommen und uminterpretiert worden; Auf dem Klavier, auf dem Cembalo, auf der Orgel, in Streichtrio- und Orchester-Fassungen, vom Jacques Loussier Jazz-Trio, auf Gitarre(n) und (gar nicht so selten) auf dem Akkordeon.

B.-J. Steens: J. S. Bach - Goldberg VariationsDer Belgier Benjamin-Joseph Steens hat nun die Goldberg-Variationen für das kleine belgische Label Evil Penguin Records Classic (!) auf einem Clavichord.eingespielt, also einem Instrument, das dem ‘großen Bruder’ Cembalo ähnelt, jedoch seinerzeit im häuslichen Gebrauch bevorzugt wurde und insgesamt viel zarter, leiser und intimer klingt. B.-J. Steens: Clavichord - Manual (Videoscreenshot)Das Clavichord war im 18. Jahrhundert das meistverbreitete Instrument in deutschen Haushalten. Skeptiker mögen einwenden, dass auch diese Einspielung nicht den präzisen Instrument-Vorgaben Bachs (»Clavicimbal mit 2 Manualen« ergo ein zweimanualiges Cembalo) entsprecht, jedoch kann man kaum von der Hand weisen, dass es sich hierbei um eine historisch-informierte Einspielung handelt. Steens spielt auf einem Nachbau eines (einmanualigen) Instruments (1987 von Joris Potvlieghe erbaut), wie es zu Zeiten Bachs und bis zum Aufkommen des Fortepianos Anfang des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war.

Entstanden ist dabei eine besonders leise, aber dennoch recht perkussive Fassung der Goldberg-Variationen. Der kurze, elastische, fast metallische Klang des Clavichords klingt, gerade im Vergleich zum Cembalo, zeitloser. Die Tempi spielt Steens ungefähr so, wie man es von vielen Aufnahmen auf dem Cembalo kennt (allerdings nicht bei der bewusst gemächlich gehaltenen Aufnahme von Dirksen), also zügig, aber nicht rasend schnell (wie etwa Gould 1955), die angegebenen Wiederholungen werden ausgespielt. Falls es darum ging eine Aufnahme zu machen, die dem nahe kommt, was im häuslichen Kreis der Familie Bach zu Hause hätte erklingen können. dann ist dieses Album rundum gelungen, birgt es doch viel von jener viel zu selten eingefangenen Behutsamkeit, die eben auch ein Merkmal für das Musizieren im Barock war.

B.-J. Steens am Clavichord (Videoscreenshot)Besonderen Wert wurde bei der Produktion auf die Klangqualität gelegt. Um den zarten und intimen Klang des Clavichords so genau wie möglich wiederzugeben, enthält die CD am Ende einen Test-Track, mit dem man die Lautstärke justieren soll: Die Lautstärke soll komplett abgedreht werden und dann langsam erhöht werden, bis man die ersten Töne des Test-Tracks hört. So ist gewährleistet, dass man die Variationen in der “richtigen” Lautstärke hört. Aber Obacht: Bevor die nächste CD eingelegt wird, sollte man die Lautstärke wieder auf den normalen Pegel einstellen.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations · Canonic Variations von Benjamin-Joseph Steens ist am 23. Juli 2010 auf Evil Penguin Records Classic (EPRC007) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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