Wolfgang Amadeus MozartMozart Cellokonzerte? Was für ein ungewöhnlicher Titel und was für eine ungewöhnliche Vorstellung: Es gibt kein echtes Cellokonzert (wohl aber eine hie und da eingespielte Transkription des Flötenkonzerts in D-Dur, KV 314), es gibt sogar fast gar keine Werke mit solistischem Cello von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Warum dies so ist, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Mozarts Zeitgenossen Joseph Haydn (1732-1809) und Luigi Boccherini (1743-1805) schrieben Cellokonzerte, ebenso Mozarts frühes Vorbild Johann Christian Bach (1735-1782), Mozart hingegen verwendete das Cello mit einer unvollendeten Ausnahme (dem Andantino in B für Klavier und Violoncello, KV Anh. 46, vor einigen Jahren von John Hilliard fertiggestellt, s. → hier) stets nur im kammermusikalischen Verband, im Trio, im Quartett oder im Quintett.

N. Hilger: Mozart Cellokonzerte?Der Leipziger Cellist Norbert Hilger (auch bekannt als Duettpartner der Violinistin Vera Hilger im Hilgerduo) hat aus der Not eine Tugend gemacht und drei der fünf Violinkonzerte Mozarts für Cello transkribiert. Dabei legte er besonderen Wert darauf, die Cellostimme nicht nur als eine nach unten oktavierte Violinstimme zu betrachten, sondern spielpraktische Möglichkeiten des Cellos gedanklich mit einzubeziehen und gleichzeitig den ursprünglichen Charakter der Violinkonzerte zu respektieren. Nicht alle der Violinkonzerte kommen demnach in Frage: Das Konzert in D-Dur, KV 211 würde mit seiner Solostimme einseitig die hohen Bereiche des Cellos strapazieren, was bei einem Cellokonzert gänzlich unnatürlich klänge, das A-Dur Konzert, KV 219 sagt Hilger:

»Es ist geigerisch konzipiert [Mozart hatte ja bereits in seiner Kindheit Violine spielen gelernt und war sich der Möglichkeiten des Instrumentes ergo bewusst. Anm. d. Autors] wie kein anderes Konzert. Dort stößt man beim Übertragen an Grenzen, die es zu respektieren gilt.«

Darüber hinaus gibt es gegen eine Transkription per se keine echten musikalischen Einwände: Transkriptionen waren bis weit ins 20. Jahrhundert eine gängige Methode, um ein Werk zu verbreiten und facettenreich darzustellen. Wenn man so will hat die Schallplatte diese Methode ersetzt, die dem Hörer heute zahlreiche Einspielungen ein- und desselben Werkes in derselben Besetzung zugänglich macht. Früher lernte man ein Werk vornehmlich in verschiedenen Fassungen kennen, oft genug im eigenen heimischen Rahmen. Auch fertigten viele Komponisten Bearbeitungen für bestimmte Orchester an, um diese dann beispielsweise auf Reisen aufführen zu können. Was uns dem heutigen Verständnis nach als ‘minderwertig’ erscheint oder als banale ‘Zweitverwertung’ von Material, war lange Zeit gleichberechtigte Variante und Usus.

Aber wir klingen denn nun die ‘Cellokonzerte’ von Mozart? Nun, sie klingen in erster Linie tatsächlich nach Mozart. Und die Auswahl der Konzerte gibt Hilger recht: Gerade das eröffnende Konzert KV 207 klingt erstaunlich ‘cellistisch’ wenn man bedenkt, dass es ein waschechtes Violinkonzert ist. Der heitere Charakter des Konzerts lässt sich allerdings ebenso gut auf einem Cello wiedergeben, wie auf einer Violine. Sicher: Hie und da merkt man schon, für welches Instrument die Konzerte eigentlich geschrieben worden sind, aber im großen und ganzen funktioniert die Illusion: Cellokonzerte von Mozart? Doch doch, das geht.

Das eigens dafür zusammengestellte Ensemble Akademie Leipzig, ein von Hilger eigens dafür zusammengestelltes Kammerorchester mit vielen befreundeten Musikern, erweist sich als nicht zu unterschätzender Faktor für das Gelingen dieses Projekts. Hilger meint zur Akademie:

»Wir kennen uns schon aus verschiedenen Kammermusikbesetzungen und liegen stilistisch auf einer Wellenlänge. Das ist ein Vorteil und hat die Arbeit wesentlich erleichtert. Über viele Dinge mussten wir nicht sprechen, sie waren selbstverständlich. Was anfangs nicht zu planen war: Die Musiker haben in den Entstehungsprozess der Transkriptionen maßgebend mit eingegriffen. Über mehrere Stellen der Übertragung haben wir heftig diskutiert, Spielräume ausgetestet. Und ich bin dankbar für den Rat der Kollegen. Auf viele aufführungspraktische Details sind das Resultat gemeinsamer Suche.«

Transkriptionen als Ergebnis einer gruppendynamischen Diskussion? Nun, warum nicht? Wenn das Ergebnis dann so gelungen (bis in viele Details hinein) ist, dann soll es dem Hörer recht sein. “Mozart Cellokonzerte?” ist ein gelungenes Experiment und eine schöne Bereicherung der Mozart-Diskografie, gerade für Cellofreunde, die schon immer einmal wissen wollten, wie es hätte klingen können, wenn Mozart tatsächlich Konzerte fürs Cello komponiert hätte.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Mozart Cellokonzerte? von der Akademie Leipzig mit dem Solisten Norbert Hilger ist am 23. Juli 2010 bei Querstand (VKJK0917) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Konzert für Violoncello und Orchester in B-Dur (Transkription des Violinkonzerts KV 207)
  2. Konzert für Violoncello und Orchester in G-Dur (Transkription des Violinkonzerts KV 216)
  3. Konzert für Violoncello und Orchester in D-Dur (Transkription des Violinkonzerts KV 218)


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