Archiv für August 2010

Dass man in Nordamerika längst nicht so streng zwischen U- und E-Musik, zwischen klassischer Musik und Popmusik trennt wie bei uns in Europa ist hinlänglich bekannt. Was in der Alten Welt bisweilen noch zu Irritationen führen kann, ist in Kanada und den USA längst Alltag: Die Orchester sind zu Brückenbauern geworden und eröffnen mit ihren Bearbeitungen populärer zeitgenössischer Musik neue Hörerschichten peu à peu für andere musikalische Genres; dasselbe gilt freilich auch in die andere Richtung.

Hier ein Video der franko-kanadischen Violinistin Angèle Dubeau (ihre aktuelle CD “Arvo Pärt – Portrait” war ‘die besondere CD’ im Juni 2010, s. die → Besprechung hier auf blog.codaex.de) an der e-Violine (!) mit einem temperamentvollen Abba-Tribute-Medley, arrangiert von Sergei Dreznin für-Violine, Streichorchester und Klavier. Man beachte bitte das Violinensolo am Ende, dass jedem gestanden Hardrock-Gitarristen zur Ehre gereichen würde.

Das aktuelle Album von Angèle Dubeau & La Pietà, Arvo Pärt – Portrait ist am 25. Juni 2010 auf Analekta (2 8731) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Hector BerliozÜber die Symphonie fantastique - Episode de la vie d’un artiste (zu Deutsch “Episoden aus dem Leben eines Künstlers“), op. 14 von Hector Berlioz (1803-1869) ist viel geschrieben und viel spekuliert worden, schon zu Lebzeiten des Komponisten. Sie gehört ohne jeden Zweifel zu den beliebtesten symphonischen Werken der Romantik (und überhaupt) und die sagenumwobene Entstehungsgeschichte – vor allem der Opiumrausch, aus dem sie angeblich entstanden sein soll – beflügelt vor allem die Phantasie des Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts. Es scheint, als ob das maßlose, das exzessive, das Berlioz in dieser programmatischen Sinfonie zum Ausdruck gebracht hat, besonders reizvoll auf den Hörer von heute wirkt, so als ob wir selbst mit der Maßlosigkeit und der Exzessivität Berlioz’ bestens vertraut sein. Offenbar neigt man heute in der öffentlichen Wahrnehmung (zumindest außerhalb der “Klassikwelt”) dazu, Berlioz wohl belegte Drogeneskapaden mit jenen der ersten Generation von Rockmusikern zu vergleichen, so als ob Hector Berlioz ein Vorgänger von Jimi Hendrix, Jim Morrison usw. gewesen wäre.
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Appassionatamente plus Lulu-SuiteNicht erst seitdem Essen (für das gesamte Ruhrgebiet) zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 gekürt wurde, sind die Essener Philharmoniker das wohl renommierteste Orchester im Ruhrgebiet. Der Klangkörper kann auf eine über 100-jährige Tradition zurückblicken. Es wurde 1899 gegründet und erhielt bald darauf einen eigenen Konzertsaal, in dem schon bald bedeutende Uraufführungen wie etwa die “Sinfonietta” von Max Reger (1905) und die Sinfonie No. 6 von Gustav Mahler (1913) stattfanden. Bedeutende Namen waren Chef- und Gastdirigenten der Essener Philharmoniker, unter anderem so klangvolle Namen wie Hermann Abendroth, Max Fiedler, Otto Klemperer, Hans Knappertsbusch und Yehudi Menuhin. Zweimal, 2003 und 2008, wurden der Klangkörper zum “Orchester des Jahres” von der Fachzeitschrift Opernwelt gekürt. Seit 1997 ist Stefan Soltesz Generalmusikdirektor der Essener Philharmoniker und hat durch seine Arbeit maßgeblich zum guten Ruf Essens als Opern- und Kulturmetropole des Westens beigetragen. Nun erscheint seit langer Zeit wieder ein Album der Essener mit zwei Orchestersuiten, die nach Opern entstanden sind: Appassionatamente plus von Hans Werner Henze nach der Oper Das verratene Meer und die Lulu-Suite nach der gleichnamigen Oper von Alban Berg. Beide Einspielungen entstanden in diesem Frühjahr im Alfried Krupp Saal der Essener Philharmonie in bester SACD-Technik. Für die Produktion zeichnet sich das mehrfach mit dem Echo Klassik und Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Düsseldorfer Label Cybele Records verantwortlich.
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Frédéric Chopin, gemalt von M. Wodzinska, 1835Nahezu alle Werke von Frédéric Chopin (1810-1849) sind für das Klavier geschrieben worden. Abgesehen von seinen beiden Klavierkonzerten (mit Orchesterbegleitung) und den nicht für die Veröffentlichung bestimmten Liedern (mit Gesangsbegleitung) gibt es nur vier Kompositionen, die nicht (alleine) fürs Klavier geschrieben worden sind: Die drei frühen Werke Polonaise brillante für Violoncello und Klavier in C-Dur, op. 3 (1829),  das Trio für Klavier, Violine und Violoncello in g-Moll, op. 8 (1829), das gemeinsam mit seinem Cellisten-Freund Auguste Franchomme verfasste Grand Duo über Themen aus der Oper Robert le diable von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), WoO 16 (1832/33) und die späte Sonate für Violoncello und Klavier in g-Moll, op. 65 (1846/47). Alle diese Werke haben eines gemeinsam: Neben dem Klavier spielt das Cello eine prominente Rolle. Nun ist ein Album des polnischen Fryderyk Chopin Institute (auf Polnisch “Narodowy Institut Fryderyka Chopina”, NIFC abgekürzt) erschienen, das diese vier kammermusikalischen Werke zusammenfasst. Die Klavierparts wurden hierbei, wie immer bei der “Real-Chopin-Reihe”, des NIFC auf einem zeitgenössischem Instrument, einem Érard (1849 in Paris gebaut), eingespielt. Auf dem Album “Chamber music” musizieren Jan Krzysztof Broja (Fortepiano), Andrzej Bauer (Cello) und Jakub Jakowicz (Violine).
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Robert Schumann, 1839 (Zeichung)Ich finde es höchst erfreulich, dass das diesjährige Robert Schumann-Jahr (zum 200. Geburtstags des Komponisten) anscheinend von den Künstlern genutzt wurde, auch zahlreiche weniger populäre Werke sorgsam neu einzuspielen und sie somit wieder der breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie in Erinnerung zu rufen. Binnen kürzester Zeit sind beispielsweise Schumanns Werke für Viuoline neu eingespielt worden: So nahm beispielsweise der französische Violinist Philippe Graffin das Konzert in a-Moll für Cello und Orchester, op. 129 in der Bearbeitung für Violine und die Violinsonate No. 2, op. 121 für das englische Label Onyx auf (s. Besprechung→ hier); der russische Violinist Ilya Gringolts widmete seine neueste Veröffentlichung gleich allen drei Violinsonaten Schumanns (Besprechung→ hier) und – last but not least (auch wenn das Album nicht bei einem von Codaex vertriebenem Label erschienen ist) – hat der Violinist Daniel Sepec mit Andreas Staier die Violinsonaten Nos. 1 & 2 (für Harmonia Mundi) historisch-informiert aufgenommen. Das Faszinierendste an all diesen Veröffentlichungen ist: Jede scheint einen anderen Aspekt dieser sonst eher vernachlässigten Werke betonen zu wollen, in jeder Aufnahme gibt es neue Momente, neue Sichtweisen. Die nun veröffentlichte Neuaufnahme aller drei Violinsonaten Schumanns des Ensemble Villa Musica (in diesem Fall bestehend aus Nicolas Chumachenco, Violine und Kalle Randalu, Klavier) für das Label MDG bildet darin keine Ausnahme.
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Christan Zacharias - Quelle: christianzacharias.com - © Nicole Chuard / IddGerade vor einigen Wochen wurde der Pianist und Dirigent Christian Zacharias und sein Orchestre de Chambre de Lausanne (kurz OCL) mit dem Echo Klassik 2010 für die Konzerteinspielung des Jahres für das Album Wolfgang Amadeus Mozart – Piano Concertos Vol. 5 ausgezeichnet (blog.codaex.de → berichtete), schon erscheint der sechste Teil seiner Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart, selbstverständlich wieder als audiophile SACD und selbstverständlich wieder beim renommierten Detmolder Label MDG, mit dem Zacharias seit 1998 exklusiv zusammenarbeitet (davor stand er bei EMI unter Vertrag) . Dieses Mal sind drei Konzerte aus Mozarts produktivsten Phase zwischen 1784 und 1785 zu hören, darunter das populäre C-Dur Klavierkonzert No. 21, KV 467 (mit dem irreführenden Beinamen Elvira Madigan, den das Konzert durch die Verwendung des 2. Satzes in der Filmmusik des gleichnamigen Films von 1967 erhielt); ferner die Konzerte Nos. 14 und 15, KV 449/450. Und man muss kein Hellseher sein um zu prophezeien, dass auch dieses Album beste Chancen beim nächsten Echo Klassik haben wird, wenn es darum gehen wird, die beste Konzerteinspielung des Jahres zu küren.
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Quadriga Consort - Songs from the British IslesVor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle das neue Album “Songs from the British Isles” des österreichischen Quadriga Consort vorgestellt (‘Der besondere Tipp‘ Juli 2010 → Besprechung auf blog.codaex.de). Das in Freistadt/ Oberösterreich beheimatete Ensemble überzeugt darauf durch mitreißende Fassungen englischer, irischer und schottischer Volkslieder. Das Besondere: Das Quadriga Consort verzichtet auf elektrische und elektronische Instrumente und auf jegliche Modernisierungen und nähert sich der Folkmusik von Seiten der Alten Musik und musiziert auf Originalinstrumenten. Dieses überaus spannende (und gelungene!) musikalische Konzept hat mich neugierig gemacht. Ich bin froh darüber, dass sich Nikolaus Newerkla, der künstlerische Leiter und Cembalist des Septetts, dazu bereit erklärt hat, einige Fragen hier an dieser Stelle zu beantworten.

Die neue CD ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Sind Sie zufrieden mit dem Album? Wie war die bisherige Resonanz in der Presse und vom Publikum?

Auf diese Live-CD können wir, wie ich glaube, zu recht stolz sein. Handelt es sich dabei doch um den Mitschnitt eines einzigen Konzerts, also ohne Gegenschnitte zu einem zweiten Konzert oder Generalprobenaufnahmen, wie das sonst ja durchaus üblich ist. Das heißt, es gab keinen doppelten Boden, kein Fangnetz, es durfte einfach nichts passieren. Trotz dieses Drucks so inspiriert und inspirierend agiert zu haben, ist denke ich die größte Leistung der Aufnahmen und ein ziemlich kräftiges Statement unserer Live-Stärke. Das Publikum schätzt es sehr, nach einem Konzertbesuch endlich auch die direkte Emotion des Konzerterlebnisses mit nach Hause nehmen zu können – und es wird uns immer öfter bescheinigt, dass die CD stärker und unmittelbarer zu wirken vermag als unsere bisherigen Studio-CDs.

Was die Presse anlangt, so war sicherlich die Wahl zur »Klassik-CD der Woche auf Deutschlandradio Kultur« (blog.codaex.de berichtete) ein schöner Einstieg, auf weitere Resonanz in den Medien warten und hoffen wir noch.
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Antonin DvorákAntonín Dvořák (1841-1904) wendete sich in den letzten Jahren seines Lebens noch einmal intensiv der Oper zu. Zwar hatte er in allen Phasen seiner Karriere bereits Opern geschrieben – seine erste Oper “Alfred” entstand 1870 – doch nachdem er mit der Orchester- und Kammermusik endgültig abgeschlossen hatte, fand er ausreichend Zeit und widmete sich ausschließlich der Oper. Innerhalb seiner letzten sechs Lebensjahre entstanden drei seiner gelungensten Opern: Čert a Káča (zu Dt. ‘Die Teufelskrähe‘, 1898/99) op. 112, Rusalka, op. 114 (1900) und Armida, op. 115 (1902/3).

Vor allem die lyrische Oper Rusalka, die Dvořák 1900 nach einem Libretto von Jaroslav Kvapil geschrieben hatte und die am 31. März 1901 am Prager Nationaltheater uraufgeführt wurde, wurde schnell weit über die Landesgrenzen hinaus populär und gilt heute, gemeinsam mit Prodaná nevěsta (zu Dt. ‘Die verkaufte Braut‘) von Bedřich Smetana, als beliebteste und bekannteste tschechische Oper.
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Residentie Orkest - Quelle: residentieorkest.nl, Foto: © Janiek DamVor einigen Wochen schrieb ich in meiner → Besprechung der Einspielung von Bruckners Sinfonie No. 5 des Residentie Orkest aus Den Haag unter Neeme Järvi: »Für jedes Orchester sind Sinfonien von Anton Bruckner eine besondere Herausforderung (ähnlich wie vielleicht sonst nur bei den Werken Mahlers) (…)«. Da wusste ich noch nicht, dass der niederländische Klangkörper sich nach seiner bemerkenswerten Einspielung der Bruckner-Sinfonie gleich der nächsten besonderen Herausforderung stellen würde, eben der Aufnahme der Sinfonie No. 7 in e-Moll von Gustav Mahler, die nun beim  britischen Label Chandos erschienen ist.
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Wolfgang Amadeus MozartMozart Cellokonzerte? Was für ein ungewöhnlicher Titel und was für eine ungewöhnliche Vorstellung: Es gibt kein echtes Cellokonzert (wohl aber eine hie und da eingespielte Transkription des Flötenkonzerts in D-Dur, KV 314), es gibt sogar fast gar keine Werke mit solistischem Cello von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Warum dies so ist, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Mozarts Zeitgenossen Joseph Haydn (1732-1809) und Luigi Boccherini (1743-1805) schrieben Cellokonzerte, ebenso Mozarts frühes Vorbild Johann Christian Bach (1735-1782), Mozart hingegen verwendete das Cello mit einer unvollendeten Ausnahme (dem Andantino in B für Klavier und Violoncello, KV Anh. 46, vor einigen Jahren von John Hilliard fertiggestellt, s. → hier) stets nur im kammermusikalischen Verband, im Trio, im Quartett oder im Quintett.
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