Steffen Schleiermacher: Philip Glass – How Now
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Immer die gleichen Melodie-Partikel, ewig der gleiche Rhythmus, lediglich minimale Veränderungen: Musik, die sich allen ‘normalen’ Aufbauschemata widersetzt, die unmittelbar beginnt, quasi ohne Einführung auskommt und die ebenso unvermittelt aufhört, eine Musik, die nicht an feste Zeitbegriffe gebunden ist und die mit einem reduzierten tonalen Vokabular auskommt.
Die Musik des US-Amerikaners Philip Glass (*1937) war in seiner Frühzeit ein doppelter Schlag gegen das musikalische Establishment: Sie schien wenig gemein zu haben mit dem Musikverständnis der meisten zeitgenössischen Komponistenkollegen, deren Atonalität und radikale Neudefinitionen von Musik die Zuhörer vor stets neue Herausforderung stellte und bewusst provozieren wollte; sie schien aber ebenso wenig gemein zu haben mit der vom Publikum nach wie vor favorisierten Musik klassisch-romantischer Prägung. Glass und seinen Mitstreitern in Sachen Minimal Music Steve Reich, Terry Riley und LaMonte Young war die Quadratur des Kreises gelungen; Sie eckten bei allen an, gleichzeitig begannen sich Hörerschichten für diese Form von Musik zu interessieren, die sich noch nie mit “klassischer Musik” beschäftigt hatten: Die Minimal Music inspirierte die Popkultur und passte mit ihrer hypnotisch-meditativen Wirkung ungemein gut in das Lebensgefühl der neuen, aufgeklärten Generationen nach 1968 passte.
Glass selbst wurde eine Art Popstar, seine Musik beeinflusste die Popmusik der späten 1960er und frühen 1970er Jahre (und darüber hinaus) und ließ sich von dieser beeinflussen. Heute machen die Urväter des Genres längst keine klassische Minimal Music (sic!) mehr, auch nicht Glass, dafür ist eine neue Komponistengeneration herangereift, die sich ihrer Techniken und ihrer Ideen wie selbstverständlich bedient und sie weiterentwickelt: Vor allem in der Filmmusik (man denke nur an die Filmmusik zu “Die fabelhafte Welt der Amélie” (Originaltitel: Le fabuleux destin d’Amélie Poulain) von Yann Tiersen oder die bemerkenswerte Musik zu Steven Soderbergs “Solaris” von Cliff Martinez) ist die Minimal Music ein fester Begriff geworden, auch wenn man sie längst nicht immer so nennt.
Der Leipziger Pianist Steffen Schleiermacher, einer der unumstrittenen Koryphäen der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, hat nun für das audiophile Label MDG ein Album mit frühen Werken von Glass aufgenommen. Dabei stellte sich ihm ein Problem: Die allermeisten frühen Werke Glass’ sind eigentlich für sein eigenes Ensemble geschaffen, das variabel besetzt war (und ist), je nach Verfügbarkeit der Musiker. Intendiert war sie eher vage für diverse Orgeln, Saxophone, Klarinetten und Flöten, doch richtige Vorgaben machte er (bewusst) nicht. Steffen Schleiermacher nutzt diesen Freiraum für seine eigenen Deutungen: Das Titelstück “How Now” hat er auf einem ‘normalen’ Klavier eingespielt, die beiden anderen Stücke des Albums, “Music in Fifths” und “Music in Similar Motion”, hat er mit dem Sound mehrerer elektrischen Orgeln eingespielt, die nacheinander aufgenommen und anschließend zusammengemischt wurden. Um der “historischen Aufführungspraxis” gerecht zu werden, wählte Schleiermacher nur solche Klangregister aus, die den in den 1960er Jahren typischen Farfisa-Orgeln nahe kommen. Die italienische Firma Farfisa war einer der bevorzugten Hersteller der Organisten im Psychedelic und Progressive Rock der späten 1960er und frühen 1970er: So erklangen Farfisa-Orgeln bei Pink Floyd aus England, bei Kraftwerk aus Düsseldorf, den rockenden Stockhausen-Schülern von Can aus Köln, aber auch auf den frühen Aufnahmen des Glass-Kollegen Terry Riley.
Zusammen mit dem Sounddesigner Bernd E. Gengelbach ist Schleiermacher auf diesem Album eine echte Illusion gelungen: Obwohl diese Musik für andere Instrumente gedacht war, präsentiert diese CD diese Musik so, wie sie auch zur Entstehungszeit hätte klingen können, eben mit heute eher schlicht wirkenden elektronischen Orgeln oder am Klavier gespielt. Stellenweise fühlt man sich (angenehm) an den ‘Urknall’ der elektronischen Minimal Music A Rainbow in Curved Air (CBS, 1967) von Terry Riley erinnert. Dabei verfügt Schleiermacher eben auch über die spielerischen Mittel, diese Musik in all ihren monotonen Wiederholungen und minimalen Veränderungen und Bewegungen sehr exakt zu spielen, was unabdingbar ist, wenn man ihren ganzen fast schon psychedelischen Charakter darlegen will (was übrigens Glass bei seinen eigenen Aufnahmen längst nicht immer gelang).
Eine exzellente Deutung der Musik Glass’: Schleiermachers Zeitreise in den Sound und die Klangwelt der späten 1960er Jahre klingt authentisch und verdeutlicht eindrücklich die ungemindert hypnotisierende Faszination dieser Stücke – übrigens in allerbester Audioqualität. ‘Die besondere CD’ im Juni 2010.
Das Album Philip Glass – How Now von Steffen Schleiermacher ist am 25. Juni 2010 auf MDG (613 1600-2) in der Reihe Scene erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Music in Similar Motion (1969)
- How Now (1968)
- Music in Fifths (1969)
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