Quadriga Consort: Songs from the British Isles
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Bei den meisten sogenannten Mittelalter- und Renaissance-Bands, die heute teilweise mit recht großem Erfolg durch die Lande tingeln, mag ich deren Trivialisierung, ja Vulgarisierung der Alten Musik nicht. Sicher, die Volksmusiken waren noch nie kunstvoll ausgeschmückte Barock-Opern, aber mir scheint, dass Einfachheit und Volksnähe zu oft mit Derbheit verwechselt wird. Wenn das Zotige zum Selbstzweck verkommt, dann taugt die dargebotene Musik zumeist eher als lärmende Untermalung des nächsten Mittelalter-Jahrmarktes. Mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Pop(ulär)musik der Vergangenheit hat das nicht viel gemein, was unendlich schade ist, denn es gibt gerade bei den einfachen Liedern aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Frühbarock viel Kunstvolles zu entdecken und es gibt nicht wenige, die den Ursprung unserer heutigen Song-orientierten Pop-Musik genau in diesen alten Liedern sehen.
Das österreichische Quadriga Consort kommt aus der Alten-Musik-Bewegung, nennt sich selbst early music band, und versucht seit Jahren den schmalen Grat zwischen Authentizität und dennoch attraktiver Interpretationen zu gehen und dabei sowohl der Musik als auch dem Publikumsgeschmack gerecht zu werden, sie nennen es popular & traditional, was ganz gut das Spannungsfeld ihrer Musik definiert: Sie spielen traditionelle Folkssongs (mit deutlichem Schwerpunkt auf die Lieder der britischen Inseln) in populären Fassungen, dazu eigene Kompositionen des irischen Nationalkomponisten Turlough O’Carolan (1670-1738) und seines schottischen Pendants Niel Gow (1727-1807). Mittlerweile hat das Ensemble über 200 Arrangements solcher Songs im Programm, die es bei zahllosen Konzerten auf Original-Instrumenten und ohne modernen Schnickschnack (keine E-Gitarren, keine Synthesizer, keine Beats aus dem Rechner, aber auch keine zu üppigen, barocken Arrangements, keine Kunstlied-Stimmen etc.) aufführt. Ihre 20 besten Nummern sind nun auf der CD “Songs From The British Isles” zusammengefasst, die alles das bietet, was so viele andere Aufnahmen nur versprechen: Authentische Instrumente, historisch-informierte Aufführungen (So kann es damals wirklich geklungen haben!) und mitreißende Performances. Das Album ist ihr insgesamt viertes, das erste jedoch für das renommierte Wiener Gramola-Label.
Dieser Ausschnitt aus der DVD desselben Konzerts vom 5. Januar 2009 in Freistadt vermittelt einen guten Eindruck von ihrem Sound:
Besonders lobenswert sind sowohl die aus Südafrika stammende Sängerin Elisabeth Kaplan, die mit ihrem angenehmen, natürlichen Gesang die Songs gefühlvoll vorträgt, als auch die geschmackvollen und stilsicheren Arrangements vom künstlerischen Leiter und Cembalisten Nikolaus Newerkla. Erfreulich ist auch, dass die Instrumentalstücke, die das Quadriga Consort immer wieder einstreut, alles andere als bloße Füller auf der CD sind: Diese Nummern zwischen Folk und höfischer Liedkultur sind nichts anderes als sehr frühe Pop-Musik, aus einer Zeit, in der es die sinnlose Trennung zwischen E- und U-Musik noch nicht gab.
Die Alte-Musik-Szene hat in den letzten Jahren des öfteren bewiesen, dass sie keine Berührungsängste zu traditionellen Volksmusiken hat – sie bilden ja mit ihrem Melodienreichtum das Fundament für die weltliche Musik der Neuzeit. Das Quadriga Consort ist einer der unterhaltsamsten Anwälte dieser halb vergessenen, halb allgegenwärtigen Musik. ‘Die besondere CD‘ Juli 2010.
Das Album Songs from the British Isles, gespielt vom österreichischen Quadriga Consort ist am 23. Juli auf Gramola (98876) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Trad. – John Barleycorn (Schottland)
- Turlough O’Carolan – James Betagh / James Betagh Jig (Irland)
- Trad. – Chi mi na mòr-bheanna (Schottland)
- Trad. – On A Cold Winter’s Day (Irland)
- Trad. – Harmish The Carpenter / There Cam a Young Man / Hills of Glenorchy / Jenny Nettles (Schottland)
- Trad. – The Willow Tree (England)
- Trad. – ‘Twas in the Moon of Wintertime (Frankreich/Kanada)
- Trad. – The Maid Who Sold Her Barley (England)
- Turlough O’Carolan – Carolan’s Cup / The Two William Davises (Irland)
- Turlough O’Carolan – Miss Noble (Irland)
- Trad. – Pulling The Sea-Dulse (Irland)
- Trad. – Boyne Water / Morrison Jig (Irland)
- Trad. – Fine Flowers In The Valley (Schottland)
- Trad. – Captain James (England)
- Trad. – Puirt a beul – Mouthmusic (Schottland)
- Niel Gow – Neil Gow’s Lament for the Death of His Second Wife (Schottland)
- Trad. – The Saucy Sailor (England)
- Trad. – The Wraggle-Taggle Gypsies, O! (England / Schottland)
- Trad. – The Drunken Sailor (England / Schottland)
- Trad. – The Cliffs of Doneen (Irland)
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