Natasa Veljkovic · Camerata Janáček, Pavel Doležal: Joseph Haydn – Klavierkonzerte Hob XVIII: 3, 4, 11
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Weniger ist mehr: Manchmal sind es nicht großen, geradezu übermenschlichen Leistungen, die einen nachhaltig beeindrucken können, sondern die kleinen Dinge, die fast unbemerkt geblieben wären. Nun sind die Klavierkonzerte von Joseph Haydn (1732-1809) zwar weit davon entfernt ‘unbemerkt’ zu sein, zu den wirklich großen, bahnbrechenden und wichtigen Klavierkonzerten werden sie aber selten hinzugezählt, da dominieren die monumentalen Werke der Romantik. Selbst bei den Kollegen der Wiener Klassik, bei Mozart und Beethoven, scheint es mehrere deutlich wichtigere Werke zu geben, die Haydns Klavierkonzerte (es gibt derer elf, dazu einige weitere von zweifelhafter Echtheit) in den Schatten stellen: Haydns Sinfonien, seine Streichquartette und generell seine Kammermusik, seine Oratorien, vielleicht seine Opern, die in letzter Zeit mehr und mehr (wieder-) entdeckt werden, aber seine Klavierkonzerte? Die werden oft übersehen.
Weniger ist mehr: Natasa Veljkovic und die Camerata Janáček mit ihrem Konzertmeister Pavel Doležal sind keine Topstars der internationalen Klassikszene, sondern lediglich lokale Größen (und das meine ich gewiss nicht abwertend): Die Pianistin Natasa Veljkovic ist in ihrem Heimatland Serbien und ihrer Wahlheimat Österreich ein fester Begriff; die Camerata Janáček ist eine beständige Größe in der tschechischen Musikwelt (vor allem in ihrer Heimatstadt Ostrau), wo das Kammerensemble vor allem durch zahlreichen Radioaufnahmen einen guten Namen erworben hat. Gemeinsam haben sie nun für das österreichische Label Gramola (wiederum kein großer, aber für Kenner ein durchaus wohlklingender Name) ein Album mit den drei Klavierkonzerten Hob XVIII: 3, 4, 11 von Joseph Haydn aufgenommen und es ist bemerkenswert gutes, bemerkenswert unaufdringliches Album geworden, das es verdient hat, mehr Beachtung zu finden.
»Kein Hexenmeister, doch ein Kenner und ein Könner…« – so ist die Einführung zu den vorliegenden Aufnahmen im Booklet überschrieben, ein Motto, das sowohl für Joseph Haydns Klavierkonzerte gelten kann (so ist es in der Einleitung gemeint), als auch für die Ausführungen auf dieser CD. Ich trete den beteiligten Musikern gewiss nicht zu nahe, wenn ich ihnen alle Titanhaftigkeit hier abspreche, adererseits sind die Sorgfalt und die technische Fertigkeit, die sie hier an den Tag gelegt habeen, wirklich bemerkenswert. Statt fragwürdiger solistischer Ego-Trips vertraut Natasa Veljkovic auf die ausgezeichneten Kadenzen von Paul Badura-Skoda. Ihr Spiel ist von einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Unbeschwertheit geprägt, dass es wirklich Freude macht, ihr bei all den Verzierungen zuzuhören, die sie präzise ausspielt. Sie musiziert zwar auf einem modernen Konzertflügel, einem Steinway, doch ihr flinkes, federleichtes Spiel entlockt ihrem Instrument so höflich-zurückhaltende Töne, dass sie fast ebenso gut von einem weniger aufdringlich klingenden Fortepiano der Haydn-Zeit stammen könnten. Dasselbe gilt im Grunde auch für die Camerata Janáček: Auch sie musizieren auf modernen Instrumenten, doch sie spielen so zart, so zurückhaltend, dass sie den kammermusikalischen Charakter der Werke bestens umsetzen. Was diesen Künstlern aus der zweiten Reihe gelungen ist, ist mancher Größe der internationalen Bühne gründlichst misslungen: Haydns Klavierkonzerte sind keine virtuos-verspielten Geniestreiche wie die Mozarts, sie sind keine dramaturgisch wirksam aufgebauten Innovationen wie jene Beethovens, sie sind (im besten Sinne des Wortes) klassische Konzerte, die Musikalität und Unterhaltung perfekt miteinander verbinden. Der wohlwollende, menschenfreundliche Humor Haydns steckt auch in diesen Werken: Natasa Veljkovic, die Camerata Janáček und Pavel Doležal haben diesen Humor sehr fein herausgearbeitet. Entstanden ist ein (übrigens auch klanglich bemerkenswert gelungenes und wohlbalanciertes) Album, das über die gesamte Spielzeit von einer Stunde bestens unterhält.
Das Album Joseph Haydn – Klavierkonzerte von Natasa Veljkovic und der Camerata Janáček unter der Leitung von Pavel Doležal ist am 25. Juni 2010 beim Wiener Label Gramola (98868) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Klavierkonzert in D-Dur, Hob XVIII/11
- Klavierkonzert in G-Dur, Hob XVIII/4
- Klavierkonzert in F-Dur, Hob XVIII/3
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