Im Oktober 2009 wurden in einer Kirche in der Nähe der Karlsbrücke in Prag zum ersten Mal seit über 100 Jahren zwei sakrale Werke der beiden wichtigsten tschechischen Komponisten der Frühromantik Jan Václav Hugo Voříšek (1791-1825) und Václav Jan Křtitel Tomášek (1774-1850) vom renommierten tschechischen Originalinstrumente-Ensemble Musica Florea unter der Leitung von Marek Štryncl aufgeführt und aufgenommen. Die beiden Messen zeigen die gesamte Bandbreite der tschechischen Musik der Klassik bzw. Frühromantik und belegen die stilistische Nähe der Prager Komponisten zum damaligen Epizentrum der Musik in Wien. Die geographische und politische Nähe von Wien und Prag führte damals zu einem regen Austausch zwischen den beiden Kulturmetropolen, der keineswegs nur in eine Richtung führte. Tschechische Musiker und Komponisten waren gern gesehene Gäste in den Konzertsälen Wiens.

Musica Florea: J. V. Vorisek / V. J. Tomasek - MessenNun hat das tschechische Label Supraphon einen Mitschnitt dieser Aufführungen aus dem Oktober veröffentlicht und damit dazu beigetragen, dass diese vergessenen kleinen Meisterwerke mitteleuropäischer sakraler Musik wieder mehr Beachtung zuteil wird. Bemerkenswert dabei ist, dass sie der Leiter der Musica Florea Marek Štryncl nicht nur um eine möglichst authentische Aufführungsart der beiden Messen bemüht hat, so werden die eingestreuten Solo-Arien allesamt von Ensemble-Mitgliedern und nicht separaten Solisten gesungen, sondern auch anhand bisher nicht ausgewerteter Handschriften die Missa solemnis, op. 24 von Voříšek um zwei bisher noch nicht aufgenommene Sätze (namentlich der 3.Teil “Graduale Benedictus es, Domine” und der 5. Teil “Offertorium Mentis oppressæ”) erweitert hat.

Doch jenseits aller musikwissenschaftlichen Entdeckungen auf dieser CD (auch das kurze “Offertorium Quoniam iniquitatem” von Voříšek liegt hier in einer Weltersteinspielung vor) ist es die Musik selbst, die hier im Mittelpunkt steht. Zum einen erstaunt der frappierende Unterschied zwischen der Musik des Lehrers Tomášek und seines Schülers Voříšek – logische Durchdachtheit beim Lehrer, improvisatorische Leichtigkeit beim Schüler – zum anderen erstaunen die hierzulande eher unbekannten Werke auch allein betrachtet. Der Musik Voříšeks hört man an, dass sich der im Todesjahr Mozarts geborene, ab 1813 bis zu seinem Tod in Wien lebende Pianist, Organist und Komponist mit der Musik des Barocks intensiv beschäftigt hat, sie sogar in Konzerten dem Publikum näherbringen wollte. Dieser Rückgriff auf die “alten Meister” ist typisch für die erste Generation der romantischen Komponisten (man denke nur an Mendelssohn und Schumann und ihre Affinität zu Bach). Tomášeks Musik ist deutlich näher an der klassischen Ordnung eines Haydn oder Beethoven. Ähnlich ist bei beiden (und hier stehen sie im Gegensatz zum Barock), dass sie auf selbstständige Arien verzichten. Alle Solo-Passagen sind feste Bestandteile der Kompositionen und werden von Chor und Orchester nicht nur begleitend umrahmt, sondern entscheidend mitgeprägt.

Besonders lobenswert ist die Leistung des Klangkörpers Musica Florea, das einmal mehr belegt, warum es zu den besten Original-Instrumente-Ensembles Tschechiens zählt. Sowohl das Orchester, als auch der Chor (aus dessen Reihen die Solisten kommen und eben nicht nur die Soli, sondern auch die Chorpassagen mitsingen) bestechen durch feierliches, nicht zu frommes, nicht zu strenges Musizieren (was bei sakraler Musik dieser Epoche auch völlig unangebracht wäre). Diese (übrigens auch klanglich exzellente) CD belegt auch, wie wichtig es ist, auch diese Musik des frühen 19. Jahrhunderts  möglichst authentisch aufzuführen. Nicht auszudenken, wie moderne Instrumente bei diesen wohl durchdachten Messen die Klangbalance und den Charakter verändert hätten.

Die Besondere CD - CodaexDie besondere CD‘ im Juni 2010 aus zwei Gründen: Diese Werke, diese Komponisten verdienen es auch jenseits Tschechiens wahrgenommen zu ; die Musica Florea und das exzellente Supraphon-Team empfehlen sich für weitere Großtaten bei der Wiederentdeckung vergessener Meisterwerke des 18. und 19. Jahrhunderts im Originalklang.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Jan Václav Hugo Voříšek – Missa solemnis in B · Václav Jan Křtitel Tomášek – Messa con Graduale et Offertorio, eingespielt von der Musica Florea unter Marek Štryncl ist am 25. Juni 2010 auf Supraphon (4022-2) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Jan Václav Hugo Voříšek – Missa solemnis in B, op. 24
  2. Jan Václav Hugo Voříšek – Offertorium Quoniam iniquitatem
  3. Václav Jan Křtitel Tomášek – Messa con Graduale et Offertorio, op. 46


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