Luigi BoccheriniEs ist eine Binsenweisheit, dass die Zeit die Sicht der Dinge verändert. In der Musikrezeption bedeutet dies vor allem eine Fokussierung auf wenige herausragende Figuren ihrer Epoche, die längst nicht immer zu Lebzeiten dieselbe Bedeutung hatten, wie wir sie heute sehen. Aber diese Begrenzung des Blickfelds lässt notgedrungen viele Komponisten außer Acht, die mehr Beachtung oder eine umfassendere Betrachtung verdient hätten.

Vielleicht gibt es keine Epoche der Musikgeschichte, in der die Verengung so radikal ist, wie die der Klassik. Wir sprechen von der Wiener Klassik und meinen damit hauptsächlich die drei herausragenden Figuren Joseph Haydn (1732-1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) und Ludwig van Beethoven (1770-1827), ignorieren aber darüber hinaus eine ganze Reihe weiterer Komponisten die zur selben Zeit lebten und erfolgreich wirkten oder beschränken sie auf nur einen Teil ihres Œuvres. Ein gutes Beispiel für diese veränderte, beschränkende Wahrnehmung ist der italienische Komponist Luigi Boccherini (1743-1805). Dieser ist heute vor allem für seine kammermusikalischen Werke bekannt (er gilt als der Erfinder des Streichquintetts mit zwei Celli), seine rund 30 Sinfonien (und viele weitere Werke des Toskanen) gilt es noch zu entdecken und vom Nimbus des Vorurteils zu befreien. Die Musik Boccherinis wurde oft als rückständig gebrandmarkt, weil er sein Hauptwerk am spanischen Hof schrieb, der kulturell eher als rückständig und isoliert galt und weil er den Innovationen Haydns und Mozarts in seinen Werken nicht in letzter Konsequenz folgen mochte.

London Mozart Players: Luigi Boccherini - SymphoniesDie London Mozart Players widmen sich in ihrer neuesten Ausgabe ihrer Veröffentlichungsreihe für das britische Label Chandos “Contemporaries of Mozart” (zu Dt. Zeitgenossen Mozarts) drei Sinfonien Luigi Boccherinis, nämlich den Sinfonien Nos. 3, 8 und 21, G 503, 508 und 515. Wie immer bei den über 20 Ausgaben dieser beachtenswerten Reihe wird das Orchester vom ehemaligen Chefdirigenten der Mozart Players, dem Schweizer Dirigenten Matthias Bamert geleitet.

Die Sinfonien Boccherinis überraschen. Sie überraschen mit einer – selbst für jemanden, der in seiner Musik den Übergang vom Rokoko zur Klassik markiert – unbekümmerten Leichtigkeit, die man bestenfalls von Mozart, nicht aber von Haydn oder gar Beethoven kennt. Dabei bleibt Boccherini der italienischen Tradition der unbekümmerten Melodiösität mindestens ebenso treu wie den Kompositionsregeln der damaligen Zeit. Es ist schlicht nicht wahr, wenn man Boccherini einen Personalstil in der Symphonik abspricht und ihn spöttisch als ‘Ehefrau Haydns’ stigmatisiert. Boccherinis Sinfonien sind eine adäquate Umsetzung der Klassik nach mediterraner Lesart. So wob er in den hier ausgewählten Sinfonien immer wieder kleine Passagen ein, bei denen einzelne Instrumentengruppen für einige Takte aus dem Tutti hervortreten: Herrlich leichte Flöten, Violinen und Celli unterstreichen den freundlichen, hellen Charakter der Werke, die (der Vergleich sei mir erlaubt) wie der Soundtrack für einen wundervollen Sommer auf den Land klingen. Den London Mozart Players gelingt es diese sommerliche Leichtigkeit mit federndem Spiel hervorragend umzusetzen. So fröhlich, so beschwingt, manchmal sogar betörend kommt sonst nur der Namensgeber der Londoner daher – eine bessere Werbung für Boccherinis Sinfonien könnte man sich kaum vorstellen. Wer den jugendlichen Mozart schätzt, der wird auch an Boccherini, dem Sinfoniker Boccherini, viel Freude haben. So charmant hat man Sinfonien selten gehört.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Luigi Boccherini – Symphonies der London Mozart Players unter der Leitung von Matthias Bamert ist am 25. Juni 2010 bei Chandos (CHAN 10604) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Sinfonie No. 3, G 503
  2. Sinfonie No. 8, G 508
  3. Sinfonie No. 21, G 515


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