Interview mit Pieter Dirksen: Johann Sebastian Bachs Goldberg Variationen
Geschrieben von Sal Pichireddu in Interview
Einige Wochen sind nun vergangen, seitdem die bewusst authentische Aufnahme der berühmten Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) des niederländischen Musikwissenschaftlers, Organisten und Cembalisten Pieter Dirksen beim kleinen niederländischen Label Etcetera erschienen. Die Doppel-CD (siehe Besprechung → hier) wird ergänzt durch die “Kanonische Variationen”, BWV 769, gespielt an einer Kirchenorgel. Im Booklet äußerte Dirksen so etwas wie Frustration darüber, dass die Goldberg Variationen heutzutage vor allem in alles andere als authentischen Einspielungen wahrgenommen werden. Er schreibt dazu:
»Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden.«
Eine Aussage, der man freilich beipflichten muss, wenn man sich die Diskografie der Goldberg-Variationen anschaut, die mittlerweile auf allen möglichen Instrumenten eingespielt worden sind – zuletzt erschien eine sehr interessante (und durchaus gelungene Fassung) für Akkordeon von Teodoro Anzellotti – und die alle überstrahlt werden von der Jahrhundertaufnahme von Glenn Gould aus dem Jahre 1955. Dirksen plädiert dafür, dass es sich durchaus lohnt die Variationen in ihren Originaltempi (samt Wiederholungen) auf einem Original-Instrument neu zu entdecken. Ich konnte mit dem polyglotten Dirksen ein Interview (auf Deutsch!) führen, über das neue Album und über seine generellen Überlegungen zu Bach.
Ihr Album mit den Goldberg Variationen / kanonische Variationen ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Sind Sie mit dem Album zufrieden?
Ganz zufrieden zu sein bei CD-Aufnahmen ist schwierig, aber so insgesamt kann ich doch zufrieden sein, glaube ich. Sehr schön finde ich jedenfalls, dass das Label meinem Vorschlag zugestimmt hat auch das Schwesterwerk der Goldberg-Variationen, nämlich die Canonische Veränderungen für Orgel, mit aufzunehmen. Ich glaube, diese eigentlich sehr auf der Hand liegende Kombination, ist hier zum ersten Mal gemacht worden.
Sie haben sich für eine konsequent historisch-informierte Spielweise entschieden, auf einem Cembalo(-Nachbau) der Epoche und mit allen Wiederholungen, die Bach angegeben hat. Warum glauben Sie, dass es wichtig ist, die Goldberg Variationen so zu spielen?
Ich kann mich eigentlich keine einzige Variation ohne Wiederholung vorstellen! Die Struktur des Werkes verlangt einfach danach. Ansonsten läuft man schnell in Gefahr das Werk miniaturhaft zu erfahren – und das war wirklich nicht Bachs Absicht.
Ihre Interpretation ist deutlich länger als viele andere Aufnahmen der Goldberg-Variationen. Warum ist das so?
Weil ich die Goldberg-Variationen in erster Linie nicht als ein Virtuosenwerk betrachte. Da wird doch manchmal vieles von den Vorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts hinein transportiert. Vertieft man sich aber wirklich in die wunderbare Linien, Kontrapunktik und Harmonik, so reduziert sich das Tempo wie von selbst.
Machen andere Interpretationen (auf dem Klavier, auf der Orgel etc.) nicht auch Sinn? Was halten Sie von Goulds berühmter Aufnahme von 1956 der Goldberg Variationen?
Ich will keinesfalls die Bedeutung alternativer Ausführungen schmälern, aber ich muss gleichzeitig einfach feststellen, dass die Goldberg-Variationen mehrheitlich auf Instrumenten oder in Instrumentationen gespielt und aufgenommen werden, die dem nachdrücklich vom Komponisten vorgeschriebenen zweimanualigen Cembalo nicht entsprechen. Ich glaube, dass es kein anderes Hauptwerk der Musikgeschichte gibt, wo das der Fall ist, und somit ist das allgemeine Bild einfach verzerrt. Diese Verzerrung, so könnte man sagen, ist auch die Stärke von Goulds 1955er Aufnahme. Er führt quasi den Beweis an, dass die Goldberg-Variationen eben kein Klavierwerk sind ad absurdum, aber er macht es auf geniale Weise.
Gibt es denn überhaupt andere Aufnahmen/Interpretationsansätze, die Sie als gelungen betrachten?
Natürlich gibt es bei solch einem Meisterwerk eine breiten Raum für verschiedene Interpretationen, aber ich muss bekennen, dass ich schon seit langem mich meistens auf das Anhören von Musik beschränke, die ich nicht selbst spiele …
Sie schreiben in ihren höchst informativen Anmerkungen im Booklet, dass Sie »kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte (kennen), bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden.« Warum ist das so? Die historische Aufführungspraxis hat doch gerade bei Bach einen wichtigen Ausgangspunkt gehabt.
Ich spiele hier natürlich auf die außerordentliche Popularität des Werkes unter den Pianisten an. Diese vergessen dabei aber, dass diese Tatsache mehr über die ganz konkurrenzlose Qualität des Stückes, als über die Eignung des Werkes für ihr Instrument aussagt (man denke nur an die zweimanualige Variationen mit ihre ständig kreuzende Stimmen!).
Mir ist aufgefallen, dass es in Belgien und in den Niederlanden viel mehr historisch-informierte Solisten und Ensembles gibt. Warum glauben Sie ist das so? Und warum ist das in Deutschland anders? Haben Sie Erfahrungen mit dem deutschen Publikum?
Meine Erfahrung ist, dass das in Deutschland jetzt doch ziemlich kräftig nachgeholt wird. Meine Erfahrungen mit dem deutschen Publikum sind sehr positiv: Es bleibt ja ein einmaliges Land der Musik!
Historisch-informierte Musik (gerade für Soloinstrumente) erscheint selten bei den großen Labels. Ist das ein Problem für die Künstler? Oder sind die Konzerte wichtiger als die CD-Veröffentlichungen?
Die Konzerte bleiben natürlich das weitaus Wichtigste. Nichts kann die Spontanität eines Spielens auf der Bühne und den Kontakt mit das Publikum ersetzen. CDs sind niemals “endgültiges Ziel” oder “definitiv”.
Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft aus? Gibt es schon konkrete Projekte für die Zukunft?
Ich habe jetzt schon einiges von Bach veröffentlicht und will das auf selektive Weise in der Zukünft fortsetzen – aber bestimmt keine “Gesamtaufnahme”, wobei mir die Relevanz hier (zumal bei Bach) zunehmenderweise fragwürdig erscheint. Aber auch bezüglich der (noch) älteren Literatur für mitteltönig gestimmte Instrumente habe ich noch einiges geplant. Hier wird es allerdings immer schwieriger das dann auch bei einem Label unterzubringen. Neben Bach schlägt mein Herz ja vor allem für die wunderbare Cembalo- und Orgelliteratur des 17. Jahrhunderts!
Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
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Das Doppelalbum Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations · Canonic Variations von Pieter Dirksen ist am 19. März 2010 auf Etcetera (KTC 1400) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
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