Arvo Pärt - © Woesinger/flickr.comAls der estnische Komponist Arvö Pärt (*1935) nach frühen Kompositionen neoklassizistischer, später serieller Art und nach einer langen schöpferischen Pause 1976 das Klavierstück “Für Alina” veröffentlichte, hatte er in dieser Pause eine eigene, sehr reduzierte Klangsprache entwickelt, die für sein Œuvre fortan prägend sein sollte. Er nannte sie “Tintinnabuli-Stil”. abgeleitet vom lateinischen Wort für Glöckchen. Damit spielte er auf das “Klingeln” des Dreiklangs an, der eine zentrale Rolle in dieser Kompositionstechnik hat. Die Wikipedia schreibt dazu

»Kompositionstechnisch bestehen Pärts Tintinnabuli-Werke aus zwei Stimmen: Eine Stimme besteht aus einem Dur- oder Moll-Dreiklang, die zweite ist die Melodiestimme, die nicht zwingend in derselben Tonart steht wie die erste. Beide Stimmen sind durch strenge Regeln miteinander verknüpft. Der kleinste musikalische Baustein ist der Zweiklang, weshalb auch die Melodiestimme aus zwei Stimmen besteht. Die daraus entstehenden Gebilde entbehren trotz der Einfachheit des Materials und dem Ziel der Reduktion auf das Wesentliche jedoch nicht der Komplexität. Mit Hilfe alter Techniken wie des Proportionskanons entwickelt er Formen, die durch ihre Regelmäßigkeit große Ruhe ausstrahlen. Die Statik der Dreiklangstöne repräsentiert sozusagen die Ewigkeit, die Dynamik des Melodischen die Vergänglichkeit der Zeit.«

Hinter dem einfach klingenden Resultat steckt also eine durchdachte, ja fast schon mathematische Formel, die den Klang auf das Wesentliche reduziert. Diese ‘einfach klingende’ (und das meine ich gewiss nicht wertend), aber ungemein suggestiv wirkende Musik erschloss Pärt breite Hörerschichten. Ohne es vielleicht mit seiner introvertierten Musik beabsichtigt zu haben, wurde er zu einem der meist gehörten zeitgenössischen Komponisten.

Angèle Dubeau - Arvo PärtDie kanadische Violinistin Angèle Dubeau wird im Booklet ihrer neuen CD “Arvo Pärt – Portrait” etwas übertrieben als legitime Nachfolgerin des legendären kanadischen Pianisten Glenn Gould (1932-1982) angepriesen.  Der Vergleich hinkt natürlich an allen Ecken und Enden: Glenn Gould war eine Ausnahmeerscheinung des 20. Jahrhunderts, die aufgrund vieler Faktoren zum Kult-Star avancierte, nicht alle waren rein musikalischer Natur. Sicher hat Gould seine kanadische Herkunft stets betont, doch seine Veröffentlichungen wirkten seit 1955 überall (gleichzeitig) auf der Welt – und das in einer Zeit, in der die Welt ideologisch noch streng in zwei Lager getrennt war. Angèle Dubeau ist in Europa nur den Insidern bekannt, gehört aber in Kanada, speziell im frankophonen Teil, zu den bekanntesten und populärsten Local Heroes, die die Musikwelt zu bieten hat. Durch ihr einfühlsames Spiel und ihre neugierige Repertoire-Auswahl hat sie sich bei den Québécois einen Namen gemacht, ihre o.g. jüngste Veröffentlichung für das (franko-) kanadische Label Analekta, eingespielt mit dem von ihr gegründeten Kammerensemble La Pietà (das übrigens ausschließlich mit Frauen besetzt ist), hat das Zeug dazu ihren Namen auch hierzulande bekannter zu machen. Schon das Vorgänger-Album, auf dem sie ein Portrait des US-amerikanischen Komponisten Philip Glass (*1937) eingespielt hat, fand über die kanadischen Grenzen hinaus Beachtung.

Nun also ein Portrait von Pärt und wie man nicht anders bei einer Violinistin erwarten konnte, porträtiert sie den estnischen Komponisten anhand von Stücken, bei denen die Violine eine prominente Rolle fiel. Diese ‘Einschränkung’ in der Auswahl ist (bei Pärt) glücklicherweise keine wirkliche, gehört doch die Violine bei Pärt zu den allerwichtigsten Instrumenten.

Angèle Dubeau hat bei ihrer Auswahl hauptsächlich auf Stücke der wohl besten und intensivsten mittleren Phase Pärts, also den 1970ern und 1980ern ausgewählt: “Summa” und “Tabula Rasa” (beide von 1977), “Spiegel im Spiegel” (1978), “Cantus in memoriam Benjamin Britten” (1980), das “Wallfahrtslied” (1984) und dazu das “Mozart-Adagio” (1992). Nun gehören diese schlichten Pärt-Kompositionen nicht zur virtuos-anspruchsvollsten Literatur für Violine und Orchester. Umso wichtiger ist hier einerseits die Klangqualität der Aufnahme, andererseits die emotionale Authentizität, mit der die Kompositionen gespielt werden. Genau hier liegt die Stärke dieser Aufnahme: Angèle Dubeau schafft es mit ihrem Ensemble die Verinnerlichung dieser Werke glaubwürdig umzusetzen, die exzellente Aufnahme gibt die Fragilität, aber auch die Vielschichtigkeit der Musik plastisch wieder. Dazu kommt der wirklich bemerkenswert weiche und schöne Klang der 1733 erbauten “Des Rosiers”-Stradivari Dubeus, die die Solo-Passagen geradezu magisch aufleuchten lässt.

Die Besondere CD - CodaexDies ist eine rundum gelungene Aufnahme und eine ideale Visitenkarte, für Arvo Pärt und für Angèle Dubeau. ‘Die besondere CD‘ Juni 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Arvo Pärt – Portrait von Angèle Dubeau & La Pietà ist am 25. Juni 2010 auf Analekta (2 8731) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Summa
  2. Cantus in memoriam Benjamin Britten
  3. Tabula Rasa
  4. Wallfahrtslied
  5. Mozart-Adagio
  6. Spiegel im Spiegel


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Eine Antwort zu “Angèle Dubeau & La Pietà: Arvo Pärt – Portrait”
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