Archiv für Juli 2010

Erst vor einigen Tagen besprach ich auf diesen Seiten die neue CD des österreichischen Quadriga Consort “Songs from the British Isles” (‘Die besondere CD’ Juli 2010, Besprechung s. → hier), auf der das Septett mit viel Fingerspitzengefühl alte (Folk-) Songs von den britischen Inseln historisch-informiert auf Originalinstrumenten vorträgt. Sie belegen (einmal mehr), dass E- und U-Musik mehr Berührungspunkte haben, als man glauben möchte und dass man Alte Musik auch so gestalten kann, dass sie Hörerschichten anspricht, die mit dem, was sonst unter dem Label ‘klassische Musik’ definiert wird, nicht viel anfangen können. Ausgerechnet die Alte Musik erweist sich hier als guter Einstieg in die Klassik-Welt.


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Johann Sebastian BachDie h-Moll-Messe, BWV 232 (international meistens unter der englischsprachigen Bezeichnung “Mass in B minor” bekannt) von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist das letzte große Chorwerk des Thomaskantors und gleichzeitig jenes, um welches sich die meisten Mythen ranken. Die Tatsache, dass Bach die ursprüngliche Kurzmesse (geschrieben 1733, anlässlich des Todes des Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen) ohne (bekannten) Anlass 1748/9 zu einer vollständigen Messe ausbaute, der dann das vollständige Ordinarium des lateinischen Messetextes zugrunde liegt (und damit eher katholisch, denn protestantisch war – waren doch vollständige Messen auf Latein zu Bachs Zeiten in der protestantischen Glaubenswelt schon sehr ungewöhnlich), ließ Raum für Spekulationen. h-Moll-Messe, Autograph der 1. Seite des CredoGerade in der Romantik mutmaßte man, dass Bach sich selbst eine Totenmesse geschrieben hat (obwohl es sich bei der h-Moll-Messe nicht um eine Totenmesse, ein Requiem, sondern um eine Missa solemnis handelt), die sein wahres (katholisches) Glaubensbekenntnis beinhalte, eine gewagte These, wenn man bedenkt, wie wichtig Bach für die protestantische Kirchenmusik war und wie umworben seine Dienste waren. Wenn er wirklich katholisch hätte sein wollen, wäre es für ihn gewiss nicht unmöglich gewesen, dies zu sein.

Gleich welche Gründe es letzten Endes gegeben haben mag (am wahrscheinlichsten scheint heute einfach Bachs Wunsch ein weiteres exemplarisches Werk zu schaffen), wurde die 1733er Messe teils durch Neukompositionen, teils durch parodierende Umarbeitung vorhandener Sätze aus seinen Kantaten um ein Credo, ein Sanctus und ein Agnus Dei erweitert. Bachs zweitältester Sohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) erbte die Partitur, bearbeitete sie (möglicherweise begann er damit sogar noch zu Bachs Lebzeiten), doch erstmalig im Druck erschien die Messe allerdings erst 1805, lange nach dem Todes Carl Philipp Emanuels. Unklar bleibt, wann sie zum ersten Mal vollständig am Stück aufgeführt wurde, möglicherweise in den 1830er Jahren in Leipzig unter Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847).
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Richard Wagner: De Los Ángeles - LohengrinOb das Erscheinungsdatum zwei Tage vor der Eröffnung der diesjährigen Bayreuther Festspiele mit der Oper Lohengrin ein Zufall war? Wie dem auch sei. die NDR Kultur-Redakteurin Dagmar Penzlin hat in der Sendung “Neue CDs” vor einigen Tagen die vor kurzem erschienene 3-CD-Box mit einem historischen (Amateur-) Mitschnitt von 1964 derselben Oper unter die Lupe genommen. In der Titelrolle glänzt die spanische Sopranistin Victoria de los Ángeles, es spielt das Orchester und der Chor des berühmten Teatro Colón in Buenos Aires unter der Leitung von Lovro von Matačić. Sie schreibt:

»Victoria de los Ángeles besitzt genau jene leuchtend entrückten Töne, die man sich von einer Elsa-Interpretin wünscht. Die Spanierin liebte ein vielseitiges Repertoire, begeisterte als Lied-Interpretin ebenso wie in Wagner-Rollen. (…)  so einer Wagner-Sängerin würden auch heute alle Türen offen stehen.«

Neben der de los Ángeles glänzt auch Christa Ludwig in der Rolle der Ortrud:

»Christa Ludwig (…) bringt das argentinische Publikum zum Jubeln. Etwa nach ihrem Racheschwur, den man selten so entfesselt und zugleich klangschön hört. So energiegeladen dieser Ausbruch, so subtil überwiegend der Ortrud-Gesang von Christa Ludwig. Wie in einem Schubert-Lied formt sie die Silben der Worte, mit denen sie in Elsa das Misstrauen weckt.«

Dagmar Penzlin resümiert:

»Diese historische “Lohengrin”-Aufnahme ist keine professionell gemachte. Wohl der Grund dafür, dass manche, gerade lautere Passagen verschwommen klingen. Wer Victoria de los Ángeles und Christa Ludwig in zwei ihrer Paraderollen erleben möchte, nimmt das sicherlich gern in Kauf.«

Den ganzen Artikel gibt es → hier in der Rubrik “Neue CDs” bei NDR Kultur

Den Podcast zur Sendung kann man im MP3-Format → hier herunterladen (mit der rechten Maustaste anklicken und “Speichern unter” auswählen)

Die 3CD Richard Wagner – Lohengrin mit Victoria de los Ángeles ist am 23. Juli 2010 bei Columna (1CM 0229) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Pieter Dirksen: J. S. Bach - Goldberg VariationenEinige Wochen sind nun vergangen, seitdem die bewusst authentische Aufnahme der berühmten Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) des niederländischen Musikwissenschaftlers, Organisten und Cembalisten Pieter Dirksen beim kleinen niederländischen Label Etcetera erschienen. Die Doppel-CD (siehe Besprechung → hier) wird ergänzt durch die “Kanonische Variationen”, BWV 769, gespielt an einer Kirchenorgel. Im Booklet äußerte Dirksen so etwas wie Frustration darüber, dass die Goldberg Variationen heutzutage vor allem in alles andere als authentischen Einspielungen wahrgenommen werden. Er schreibt dazu:

»Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden.«

Eine Aussage, der man freilich beipflichten muss, wenn man sich die Diskografie der Goldberg-Variationen anschaut, die mittlerweile auf allen möglichen Instrumenten eingespielt worden sind – zuletzt erschien eine sehr interessante (und durchaus gelungene Fassung) für Akkordeon von Teodoro Anzellotti – und die alle überstrahlt werden von der Jahrhundertaufnahme von Glenn Gould aus dem Jahre 1955. Dirksen plädiert dafür, dass es sich durchaus lohnt die Variationen in ihren Originaltempi (samt Wiederholungen) auf einem Original-Instrument neu zu entdecken. Ich konnte mit dem polyglotten Dirksen ein Interview (auf Deutsch!) führen, über das neue Album und über seine generellen Überlegungen zu Bach.

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Ida Haendel: Beethoven / Sibelius - Violin ConcertosDie in Warschau geborene und zwischen Paris und London aufgewachsene Violinistin Ida Haendel (*1928) war eine der ersten Frauen, die sich in der Männerdomäne Violine behaupten konnte, lange bevor Frauen wie Anne-Sophie Mutter (übrigens eine glühende Bewunderin Haendels) und und zahlreiche Violin-Nymphen die Podien eroberten. Bereits mit sieben Jahren wurde sie als Schülerin von Mieczyslaw Michalowicz an der Musikakademie Warschau aufgenommen. Als 1935 ihre Familie nach Paris verzog, studierte sie dort bei Carl Flesch und später bei George Enescu. Sie gilt als Spezialistin für Stravinsky, Tchaikovsky und Sibelius und sie hat mehrfach betont, dass ihr die deutschen Komponisten (Beethoven und Brahms) stets besonders am Herzen gelegen hätten. In der Tat gilt ihre Aufnahme des Violinkonzerts in D-Dur, op. 61 von Ludwig van Beethoven (1770-1827)  aus dem Jahre 1949  (mit dem Philarmonia Orchestra unter Rafael Kubelik) als Meilenstein in der Musikgeschichte, dasselbe gilt für ihre Aufnahme des Violinkonzerts in d-Moll, op. 47 von Jean Sibelius (1865-1957) aus dem Jahre 1993 (!) mit dem jungen  Simon Rattle und dem Birmingham Symphony Orchestra. Sibelius selbst hatte sie 1949 mit seinem Konzert spielen gehört und über sie geschwärmt, dass sein Konzert in Ida Haendel »eine Interpretin von seltenem Können« gefunden habe.
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Quadriga Consort - Songs from the British IslesBei den meisten sogenannten Mittelalter- und Renaissance-Bands, die heute teilweise mit recht großem Erfolg durch die Lande tingeln, mag ich deren Trivialisierung, ja Vulgarisierung der Alten Musik nicht. Sicher, die Volksmusiken waren noch nie kunstvoll ausgeschmückte Barock-Opern, aber mir scheint, dass Einfachheit und Volksnähe zu oft mit Derbheit verwechselt wird. Wenn das Zotige zum Selbstzweck verkommt, dann taugt die dargebotene Musik zumeist eher als lärmende Untermalung des nächsten Mittelalter-Jahrmarktes. Mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Pop(ulär)musik der Vergangenheit hat das nicht viel gemein, was unendlich schade ist, denn es gibt gerade bei den einfachen Liedern aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Frühbarock viel Kunstvolles zu entdecken und es gibt nicht wenige, die den Ursprung unserer heutigen Song-orientierten Pop-Musik genau in diesen alten Liedern sehen.
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Quadriga Consort - Songs from the British IslesIch freue mich immer wieder darüber, wenn die deutschen Kulturradios auch CDs abseits vom Klassik-Mainstream besprechen, wenn CDs besprochen werden, deren Material vielleicht nicht immer direkt mit ‘klassischer Musik’ assoziiert wird. Der überregionale deutsche Sender Deutschlandradio Kultur präsentiert diese Woche als »CD der Woche« in der Sparte Klassik das neue (Live-) Album “Songs from the British Isles” der early music band (Eigendefinition) Quadriga Consort. Dieses österreichische Originalinstrumente-Ensemble hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Volksmusik-Schätze vergangener Jahrhunderte authentisch, lebendig und doch zeitgemäß aufzuführen. Angenehmerweise verzichtet das Ensemble dabei gänzlich auf moderne Instrumente (wie elektronische Sounds und Beats), ebenso verzichtet das Quadriga Consort auf aufgesetzte Künstlichkeit und auch auf zur Schau gestellter Derbheit (was bei vielen sogenannten Mittelalter- und Renaissance-Bands leider zum Alltag gehört). Das siebenköpfige Ensemble findet bei seinen Arrangements, die der Bandleader Nikolaus Newerkla in den allermeisten Fällen selbst schreibt, eine angenehme Balance zwischen Natürlichkeit und Kunst.

Deutschlandradio Kultur-Redakteurin Bettina Schmidt lobt in ihrer Besprechung des nun erschienenen vierten Albums des Septetts, das Debüt für das renommierte, kleine aber feine Wiener Label Gramola, den »gelungenen Spagat« zwischen »historischem und modernem Stilgefühl« und konstatiert »“Lieder von den Britischen Inseln” bietet so genannten “early music pop”, und das vom Feinsten.«

Den gesamten Artikel kann man → hier nachlesen.

Eine Besprechung des Albums auf diesen Seiten folgt in den nächsten Tagen ist seit dem 26.07. → hier abrufbar.

Das Album Songs from the British Isles, gespielt vom österreichischen Quadriga Consort ist am 23. Juli auf Gramola (98876) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Aquarelle Guitar Quartet - Photo: © aquarellegq.comDie Gitarre ist eines der wenigen Instrumente, dass in allen Genres der Musik als Solo-Instrument verwendet wird: Sowohl in der Popmusik, als auch im Jazz, im Blues, in den verschiedenen Volksmusiken (und erst recht bei dem, was man unter Folk zusammenfasst) und ebenso in der klassischen Musik. Vielleicht hat diese Omnipräsenz in der Musik dazu beigetragen, dass die Musik für Gitarre auch oft genreübergreifend komponiert wird, dass selbst ‘klassische’ Komponisten bei ihren Werken für Gitarre auch Einflüsse aus anderen Bereichen der Musik aufgenommen haben: Gitarrenmusik ist immer in erster Linie Musik für Gitarren, ganz gleich unter welchem ‘Etikett’ dann diese gehandelt wird. Für die Connaisseurs dieser Musik ist das nebensächlich. So hat der Flamenco-Gitarrist Paco De Lucía 1978 eigens Noten gelernt, um Kammermusik von Manuel De Falla (1876-1946) aufnehmen zu können, 1991 folgte dann sogar das berühmteste Gitarrenkonzert überhaupt, das Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo (1901-1999); der britische Jazz-Gitarrist John McLaughlin wiederum komponierte 1988 sein ‘klassisches’ Mediterranean Concerto für Gitarre und Orchestra.
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Echo Klassik - Logo © Deutsche Phono-Akademie, echoklassik.deDie Echo Klassik-Preisträger 2010 wurden gestern durch die Deutsche Phono-Akademie bekanntgegeben. Der Echo Klassik ist wohl der bekannteste und wichtigste Musikpreis Deutschlands und wird seit 1992 jährlich vergeben. Am 17. Oktober 2010 findet eine  große Echo 2010-Gala, der”Echo der Stars” in der Essener Philharmonie statt, moderiert von Thomas Gottschalk und übertragen vom ZDF.

Von Codaex vertriebene Labels haben auch bei dieser Auflage des Echo Klassik zahlreiche Auszeichnungen gewonnen. Alleine das Detmolder Label Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (MDG) hat acht Preise erringen können, mehr als jede andere einzelne Plattenfirma. Insgesamt wurden 14 Veröffentlichungen aus der Codaex-Familie ausgezeichnet.

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CPO, Ch. Mackerras: B. Martinů - 3 Fragments from »Juliette«Nur wenige Tage nach seinem Tod (blog.codaex.de berichtete) und rund einen Monat nach Bekanntgabe, dass Charles Mackerras (1925-2010) für seine CD “Antonín Dvořák – Symphonic Poems”C (eingespielt mit der Tschechischen Philharmonie) den renommierten Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2010 (blog.codaex.de berichtete) erhält, wurde heute bekannt gegeben, dass das bei Supraphon erschienene Album “Bohuslav Martinů – Three Fragments from the Opera Juliette”, ebenfalls eingespielt mit der Tschechischen Philharmonie, den Klassik-Echo 2010 für die beste »Welt-Ersteinspielung des Jahres« erhält.

Mackerras galt, neben anderen Schwerpunkten seiner Arbeit, als kompetentester Dirigent für tschechische Musik und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Musik der großen tschechischen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Leoš Janáček, Bohuslav Martinů usw. heute international wahrgenommen und anerkannt wird.

www.echoklassik.de

Die CD Bohuslav Martinů – Three Fragments from the Opera »Juliette«, gespielt von der Tschechische Philharmonie unter Charles Mackerras, ist am 25. Mai 2009 auf Supraphon (3994-2) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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