Guadagnini 1782 - Bildquelle: florianleonhard.comVor etwas mehr als einem Monat schrieb ich in meiner → Besprechung zur Gesamtausgabe der Violinsonaten von Ludwig van Beethoven (1770-1827) von Jeannette Koekkoek und Sarah Kapustin:

»Die zehn Sonaten für Klavier und Violine sind zwar zumindest teilweise beim Publikum sehr beliebt (…), genießen aber bei Violinisten keinen kanonischen Charakter. Vielleicht liegt es daran, dass Violinisten üblicherweise besonders Interesse an hochvirtuosen Stücken haben, die sie als Musiker an die Grenzen der Technik (und oft genug weit darüber hinaus) bringen, mit denen man glänzen kann, wenn man sie bewältigt, weil man seine virtuosen Fähigkeiten unter Beweis stellt?«

Es gibt freilich auch eine Ausnahme: Die sogenannte “Kreutzersonate“ (ergo die Sonate für Pianoforte und Violine No. 9, op. 47) wird immer wieder von den wichtigsten und besten Violinisten aufgenommen, zum einen sicherlich weil sie zum populärsten Repertoire für Violine und Klavier gehört, zum anderen sicherlich auch, weil die Kreutzersonate sehr wohl technische Schwierigkeiten en masse bietet und jede Menge Möglichkeiten seine Interpretationskunst unter Beweis zu stellen. Am Besten gelingt sie (so scheint mir) jenen Violinisten, die sich nicht mehr beweisen müssen oder wollen, ergo den ganz Großen der Zunft, den Charakterköpfen und echten Persönlichkeiten.
Fortepiano (Erard)Aber dann wäre da noch da noch die Sache mit dem Klavier: Mir scheint, bei den allermeisten Interpretationen der letzten Jahrzehnte (und die Geschichte der Aufnahmen der Violinsonaten Beethovens reicht bis in die 1930er Jahre zurück, als Franz Rupp und Fritz Kreisler die Sonaten erstmalig vollständig aufnahmen) wurde viel zu stark auf die Violine und viel zu wenig auf das Klavier geachtet. Dabei sind es doch ausdrücklich zehn »Sonaten für Pianoforte und Violine« und nicht Sonaten für Violine und Pianoforte die Beethoven zwischen 1797 und 1812 schrieb. Die Stimmen sind gleichberechtigt angelegt auch wenn die Violine (meistens) melodieführend ist. Liegt es vielleicht an der mangelnden (Lautstärke-) Balance zwischen der Violine und dem (modernen) Konzertflügel, dass sich die Pianisten meistens so zurückgenommen haben?

Mullova/Bezuidenhout - Beethoven - Violin SonatasJetzt ist ein Album der russischen Violinistin Viktoria Mullova und des südafrikanischen Fortepianisten Kristian Bezuidenhout erschienen, mit zwei Violinsonaten, pardon, zwei Sonaten für Pianoforte und Violine, zum einen der Sonate No. 3, in Es-Dur, op. 12/3, zum anderen eben jener Sonate No. 9, in A-Dur, op. 47, also der Kreutzersonate. Sowohl das hohe künstlerische Niveau der beiden Musiker, als auch ihr mutiges, historisch-informiertes Spiel – Bezuidenhout spielt auf einem Fortepiano von Anton Walter aus dem Jahre 1822, die Mullova hat ihre Guadagnini mit Darmsaiten bespannt und spielt mit einem Barockbogen – machen diese Veröffentlichung zu einer der hörenswertesten und gelungensten, die es überhaupt in der Diskografie der Violinsonaten Beethovens gibt.

Es ist schon eine ziemlich klangliche Überraschung, wenn man diese CD zum ersten Mal hört: Dazu trägt sicher nicht im unerheblichen Maße die Wahl der Instrumente bei. Gerade das Walter-Fortepiano klingt aufregend anders als herkömmliche Konzertflügel, schlanker im Klang, dafür akzentuierter: Düster in den tiefen und klar in den hohen Registern. Die Guadagnini, mit Darmsaiten bespannt, klingt glockenhell und etwas weniger vordergründig, als sie mit Stahlsaiten klingen würde, dafür umso nuancenreicher. Aber es sind eben nicht nur die Instrumente, die hier den radikal neuen Höreindruck ausmachen, es sind auch und vor allem die Interpreten, die sie bedienen. Der Klang der Instrumente ist für Mullova und Bezuidenhout lediglich das Vehikel, um die radikal andere Lesart dieser Violinsonaten zu verdeutlichen. Und wenn man den beiden zuhört, so ist man mehr als geneigt dahinter nicht nur zwei starke Künstlerpersönlichkeiten zu erkennen, sondern auch die Intention Beethovens: “So war es also gedacht!” denkt man ein ums andere Mal. Ich bin sicher, dass sich Beethoven in dieser Interpretation zurecht gefunden hätte und das kann man nicht von vielen Einspielungen der Kreutzersonate sagen, die die Sonate mal zum romantischen Träumerstück mit Virtuosenpart, mal zur vordergründigen Zigeunerweise (oder das, was man hinlänglich darunter versteht) umdeutet. bei der der Violinist möglichst schnell, möglichst kratzig, mit möglichst viel Vibrato spielt. Die Mullova spielt hier, bei aller Virtuosität mit einer gewissen Strenge, einer Konzentration, die sie geschickt mit kleinen Kadenzen und Verzierungen auflockert.

Ludwig van Beethoven (ca. 1804)Das Bemerkenswerteste an diesem Album ist, und dies soll auf keinen Fall die phänomenale Leistung von Viktoria Mullova schmälern, das Klavierspiel von Bezuidenhout. Was der Südafrikaner aus dem ehrwürdigen Walter-Fortepiano herausholt, ist schier unglaublich und ließe sich so auf einem modernen Konzertflügel vielleicht gar nicht produzieren. Sein selbstbewusstes, gleichberechtigtes Spiel vibriert, ist dann wieder schwelgerisch, stets virtuos, kraftvoll und sehr rhythmisch betont; der perlend-helle Klang seines Instruments tut da sein Übriges. Schon in der frühen Sonate No. 3 umspielen sich Violin- und Klavierstimme federleicht, bei der Kreutzersonate dann wird aus dem Spiel ein regelrechter Dialog, mal zärtlich, mal aufbrausend, mal träumend, immer aber gemeinsam, in perfektem Einklang. Die Balance unter- und miteinander, die Bezuidenhout und Mullova dabei erreichen ist erstaunlich und hebt diese Einspielung aus der schier unübersichtlichen Masse anderer Einspielungen heraus. Dieses gleichberechtigte Spiel, gemeinsam mit einer überzeugenden Deutung der Noten, machen das Album zu einem echten Hörgenuss (in großartiger Klangqualität) und damit meine ich ausdrücklich nicht nur die berühmte Kreutzersonate, sondern auch (sondern endlich auch einmal) die spritzig-jugendliche Sonate No. 3.

Ich glaube nicht, dass Mullova und Bezuidenhout diese Veröffentlichung als ersten Teil einer Gesamtaufnahme geplant haben, aber wünschenswert wäre es schon, wenn die beiden sich noch weiterer Sonaten Beethovens (oder Mozarts?!) annehmen würden.

CD des Monats - blog.codaex.deEine authentische, vor allem aber lebendige, individuell ausgestaltete und ungemein spannende Einspielung Beethovenscher Violinsonaten: Ganz nah an Beethovens Vorstellungen und durch die Persönlichkeiten (und die Interpretationskünste) beider Musiker im gleichen Maße sehr charakterstark: CD des Monats Juni 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Ludwig van Beethoven – Violin Sonatas Nos. 3 & 9, gespielt von Viktoria Mullova & Kristian Bezuidenhout ist am 25. Juni auf Onyx Classics (4050) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Violinsonate No. 3, Es-Dur, op. 12/3
  2. Violinsonate No. 9, A-Dur, op. 47 “Kreutzer”


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  1. [...] (also die Sonate No. 9, op. 47). Das Album ist übrigens auch die aktuelle »CD des Monats« → hier auf diesen [...]

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