The Sixteen, Harry Christophers: Dietrich Buxtehude – Membra Jesu Nostri
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Rezension, WiederveröffentlichungenDer dänisch-deutsche Komponist Dietrich Buxtehude (ca. 1637 – 1707, gelegentlich auch Dieterich Buxtehude geschrieben) ist wohl die wichtigste musikalische Figur des deutschsprachigen Raumes vor Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) und nach Heinrich Schütz (1585 – 1672). Er hatte direkten Einfluss auf den jungen Bach: Sein eigenmächtig verlängerter Besuch im Oktober 1705 bei Buxtehude in Lübeck ist ja hinlänglich bekannt. Unter den über 130 geistlichen Vokalwerken, die Buxtehude schrieb, nimmt der Passionszyklus Membra Jesu nostri patientis sanctissima (lat., “Die allerheiligsten Gliedmaßen unseres leidenden Jesus”) eine Sonderstellung ein: Es ist eine der seltenen Kompositionen Buxtehudes, in der ein lateinischer (und nicht einen deutschsprachigen) Text verwendet wird, im protestantischen Norden Deutschlands war dies zumindest unüblich. Textgrundlage für diesen Zyklus über die sieben Körperteile (sic!) Jesu am Kreuze (Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz, Gesicht) war allerdings nicht direkt die (viel gescholtene) lateinische Bibel, sondern die mittelalterliche Gedichtsammlung Rhythmica Oratio, die vom Brabanter Zisterziensermönch, Abt, und Dichter Arnulf von Löwen geschrieben wurde.
Bei der vorliegenden Aufnahme der “Membra Jesu Nostri” des englischen Spitzenensembles für Alte (Chor-) Musik The Sixteen (wie stets unter der erfahrenen Leitung ihres Gründers Harry Christophers) sind die Sänger (sie übernehmen sowohl den Chor, als auch die Soloparts) bemerkenswert: Libby Crabtree, Robin Blaze, James Gilchrist, Simon Birchall und vor allem Carolyn Sampson (aufmerksame Leser des Blogs wissen, wie sehr ich ihre Stimme und ihre Interpretationskunst schätze) standen zum Zeitpunkt der Aufnahme (2000) noch kurz vor dem Absprung in eine erfolgreiche Solistenkarriere. Hier sollten sie noch einmal unter Beweis stellen, was sie in ihren Lehrjahren bei The Sixteen gelernt hatten: Perfekte Technik, natürliche Intonation, artikulierter Gesang sowie die Fähigkeit sowohl im Ensemble, als auch als Solist ausdrucksstark zu singen.
Besondere Erwähnung verdienen auch die mitwirkenden Instrumentalisten: Nicht nur bei den Chören und Strophen begleiten sie präzise und mit schlankem, wendigen Klang, auch bei den kurzen Sonaten, die die sieben Teile instrumental einführen, glänzen die Musiker durch wohl-balanciertes Spiel. Der sehr positive Eindruck verstärkt sich sogar, wenn man die sieben instrumentalen Sonaten hintereinander abspielt und sie gelöst vom Kontext (und Text) der Passion anhört. Es wird deutlich, wie effektvoll und psychologisierend schon Buxtehude die Musik in Beziehung zum Kontext setzte.
“Membra Jesu Nostri” erschien 2001 ursprünglich auf Linn Records und ist nun auf dem eigenen Label der Sixteen Coro endlich wiederveröffentlicht worden. Eine homogenere Aufnahme dieses Werkes habe ich noch nicht gehört: ‘Der besondere Tipp’ Mai 2010.
Die CD Dietrich Buxtehude – Membra Jesu Nostri von The Sixteen unter der Leitung von Harry Christophers ist am 21. Mai 2010 auf Coro (COR16082) veröffentlicht worden und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Cantata I: Ad pedes
- Cantata II: Ad genua
- Cantata III: Ad manus
- Cantata IV: Ad latus
- Cantata V: Ad pectus
- Cantata VI: Ad cor
- Cantata VII: Ad faciem
Ähnliche Beiträge:
- The Purcell Quartet · Fretwork · Emma Kirkby · Elin Manahan Thomas · Michael Chance · Charles Daniels · Peter Harvey: Dietrich Buxtehude – Membra Jesu Nostri
- The Sixteen, Harry Christophers: The Victoria Collection
- The Sixteen, Harry Christophers: Giovanni Pierluigi da Palestrina – Volume 1

Einträge (RSS)