Gabriel FauréDas Requiem von Gabriel Fauré (1845-1924) gehört gewiss zu den schönsten und populärsten Werken der gesamten Literatur der sakralen Musik. Die erste Fassung dieses einzigen größeren Kirchenmusik-Werkes von Fauré entstand 1887, vielleicht als Reaktion auf den Tod seines Vaters (1885) und seiner Mutter (1887).

1893 erweiterte Fauré die ursprüngliche Fassung um zwei Sätze – zum einen um das Offertorium (das er 1889 geschrieben hatte), zum anderen um das bereits 1877 als Libera me verfasste Responsorium – und fügte Hörner, Trompeten und Posaunen zur ursprünglichen Instrumentation mit Violas, Cellos, Kontrabass, Solovioline, Harfe, Pauken und Orgel hinzu. Während die Parts für die Trompeten und Posaunen nicht sonderlich umfangreich waren, setze er die Hörner vor allem an prominenter Stelle im Libera me und im Sanctus ein. So entstand eine schlanke, effektvolle Orchesterfassung für ein reduziertes Ensemble, die allerdings niemals aufgeführt wurde.
Die dritte und bei weitem bekannteste Fassung des Requiems (für vollständiges Sinfonieorchester) entstand um die Jahrhundertwende und wurde im Juli 1900 im Trocadéro in Paris uraufgeführt. Erstaunlicherweise ist nicht gesichert, ob sie tatsächlich von Fauré selbst erstellt wurde, ja ob Fauré diese Fassung jemals zu Gesicht oder zu Gehör bekommen hat. Tatsächlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Werk von Jean Roger-Ducasse (1873-1954), einem Schüler Faurés, bearbeitet wurde, von dem man weiß, dass er viele Werke Faurés orchestriert hat. Fauré selbst fehlte es oft wegen seiner Lehrtätigkeit am Pariser Konservatorium an der nötigen Zeit seine Werke selbst zu bearbeiten. De facto war die erste Druckfassung des Requiems voller Fehler und voll willkürlicher Eingriffe (vor allem bei den 1893 hinzugefügten Stimmen der Bläser). Überhaupt entstand die Fassung für Sinfonieorchester nur, weil Faurés Verleger sich davon mehr Aufführungen in Orchesterhäusern versprach, als von der Fassung mit dem reduzierten Orchester.

Cambridge Singers, J. Rutter: Gabriel Fauré - RequiemDer britische Komponist, Chorleiter und Arrangeur John Rutter (*1945) veröffentlichte 1994 die 1893er-Fassung des Requiems mit der ursprünglichen Instrumentierung und den unveränderten Bläserstimmen und brachte sie mit seinem eigenen Ensemble, den Cambridge Singers, und Mitgliedern der City of London Sinfonia über 80 Jahre nach der Fertigstellung der zweiten Fassung erstmalig zu Gehör. Neben den veränderten Instrumenten-Stimmen (man achte auch einmal auf die Solo-Violine im Sanctus im Vergleich zu den Streichern in der 1900er Fassung) wirkt das Requiem mit dieser reduzierten Orchesterbesetzung deutlich intimer. Der liturgische Charakter eines Requiems wird so viel deutlicher hervorgehoben, als in der hinlänglich bekannten ‘sinfonischen Fassung’.

Nun ist diese musikwissenschaftlich und künstlerisch bahnbrechende Aufnahme Rutters (endlich) wieder erhältlich und sie hat von ihrer Faszination und Genialität nicht verloren. Freilich sind nach dieser Einspielung noch zahlreichen andere Einspielungen der 1893-Fassung des Requiems entstanden, Rutters Ersteinspielung bleibt aber unerreicht. Seine Cambridge Singers, 1981 gegründet, erweisen sich als perfekt miteinander harmonierender Chor, der dezent, aber sehr wirkungsvoll von den Instrumentalisten der City of London Sinfonia in Szene gesetzt wird. Die Solisten, Caroline Ashton (Sopran) und Stephen Varcoe (Bariton), singen ihre Parts gefühlvoll, fast andächtig und mit einer gewissen Zurückhaltung, die sehr gut zum religiösen Charakter des Werkes passt. Gelungen auch die Aufnahme, die die einzelnen Parts sehr gut hörbar macht, ohne sie zu sehr in den Vordergrund zu ziehen: Ich habe selten so gut die Harfe und die begleitende Orgel bei einer Aufnahme heraushören können. Es ist, als ob man an einem idealen Ort in einer kleinen Kapelle der Aufführung lauschen würde; überhaupt hat man bei der ganzen Einspielung den Eindruck, man würde nicht einer fantastischen Aufnahme von professionellen Musikern zuhören, sondern von spirituell tief bewegten Menschen. Intensiver kann ich mir diese Musik nicht vorstellen.

Ergänzt wird das Requiem auf dieser CD durch einige kleinerer sakraler Werke von Fauré, darunter solch wundervolle Kleinode wie das Ave verum Corpus (von 1894) und die Messe Basse (die zwischen 1881 und 1906 entstand), einer zu Unrecht vergessenen kleinen Messe, die wie die anderen Stücke auf dieser CD belegt, dass Faurés Requiem kein isolierter Geniestreich war, sondern der Höhepunkt in einer kleinen, aber bemerkenswerten Sammlung sakraler Werke.

Die Besondere CD - CodaexEs gibt viele gelungene und hörenswerte Aufnahmen des Requiems von Fauré, durchaus auch gelungene und rundum überzeugende der ‘großen’ Orchesterfassung, aber keine ist feierlicher, keine ist trostspendender, als diese. Ein must-have und natürlich ‘die besondere CD‘ des Monats Juni 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Gabriel Fauré – Requiem (1893) and other sacred music, gespielt von den Cambridge Singers und Mitgliedern der City of London Sinfonia unter der Leitung von John Rutter erscheint morgen, am am 25. Juni auf Collegium Records (CSCD520) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) vorbestellt werden.

Inhalt:

  1. Requiem (1893 version)
  2. Ave verum Corpus, op. 65/1
  3. Tantum ergo, op. 65/2
  4. Ave Maria, op. 67/2
  5. Maria, Mater garatiae, op. 47/2
  6. Cantique de Jean Racine, op. 11 (Arr. John Rutter)
  7. Messe Basse


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