Pieter Wispelwey · Flanders Symphony Orchestra, Seikyo Kim: Benjamin Britten – Symphony for Cello and Orchestra · Cello Suite No. 1
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Der englische Komponist Benjamin Britten (1913-1976) gehört zu den vielseitigsten Komponisten des 20. Jahrhundert. Er hat für quasi jede Gattung und für eine Vielzahl von Soloinstrumenten Konzerte und kammermusikalische Werke komponiert, die zu den wichtigsten ihrer Art des vergangenen Jahrhunderts gehören. Auch für das Cello schrieb Britten eine ganze Reihe von Werken, was nicht verwunderlich ist, denn er war mit Mstislav Rostropovich, einem der bedeutendsten Cellisten des Jahrhunderts, befreundet, dem auch auch alle Werke für Cello gewidmet wurden. Die vorliegende CD des niederländischen Cellisten Pieter Wispelwey, erschienen beim britischen Label Onyx Classics, beinhaltet zwei dieser Werke für Cello, die “Cello Symphony, op. 68″ für Cello und Orchester und die “Cello Suite No. 1, op. 72″ für Solo-Cello.
Pieter Wispelwey schreibt in seinen Anmerkungen zu dieser Aufnahme:
»Wie kommt es, dass solch ein atemberaubendes Statement so selten aufgeführt und so unterschätzt wird? (…) War Britten als Opernkomponist so erfolgreich, dass man seine Instrumentalmusik nicht ernst genug nehmen konnte? Oder war es das modernistische Establishment seiner Zeit, das sich weigerte, das schiere Genie dieses Mannes anzuerkennen? Dies ist meine erste Begegnung mit seinem Konzert (denn das ist es natürlich) und es war ein profunder, erfreulicher Schock. Dieses Meisterwerk gehört für mich zu den allerbesten im Cellorepertoire.«
Sein leidenschaftliches Plädoyer für dieses oft übersehene Werk Brittens stellt nicht nur interessante Fragen (die letzten Endes freilich nur die Zeit beantworten kann), es offenbart auch viel von seiner eigenen Begeisterung für das Werk, die man der Aufnahme von der ersten Sekunde an anmerkt. Die Cello Symphony ist ein emotionales Werk, gespickt mit zahlreichen technischen Schwierigkeiten, die den Solisten sehr weit in den Vordergrund rücken. Ohne jeden Zweifel hat Britten es verstanden das Solo-Instrument Cello wirkungsvoll einzusetzen. Für einen technisch brillanten Cellisten wie Pieter Wispelwey, der über ein wohlklingendes Cello verfügt (er spielt auf einem 1760 erbauten Instrument von Giovanni Battista Guadagnini) ist die Cello Symphony geradezu ein Paradestück, weil es die bestmöglichen Eigenschaften eines Cellisten unterstreicht. Wispelwey spielt mit bemerkenswerter Leichtigkeit selbst die schwierigsten Passagen und auch wenn sich vieles bei der Cello Symphony um den Solisten dreht, so ist die Leistung des belgischen Flanders Symphony Orchestra (auch bekannt unter seinem niederländischen Namen Symphonieorkest Vlaaderen) unter der Leitung des jungen japanischen Dirigenten Seikyo Kim nicht zu unterschätzen. Der belgische Klangkörper spielt rhythmisch betont mit schlanken, frischem Klang und unterstreicht den gefühlvollen Charakter des Konzerts.
Zeitnah zur Cello Symphony (1963) entstand 1964 die Suite No. 1 für Cello solo, op. 72 und obwohl sie die beiden Stücke von der Art und der Grundstimmung unterscheiden haben sie auch einiges gemeinsam: Technisch anspruchsvolle Passagen, in denen die klanglichen Möglichkeiten des Cellos immer wieder voll ausgereizt werden, wechseln sich mit langen, elegischen Passagen ab. Nicht umsonst benutzt Britten bei den Satzbezeichnungen zahlreiche Begriffe aus der Vokalmusik: “Canto” (zu Dt. Gesang), “Lamento” (zu Dt. Klagelied) und Serenata (zu Dt. Abendständchen) unterstreichen den kantilenen Charakter der Suite. Auch ohne Orchesterbegleitung beweist Wispelwey seine besondere Affinität für Brittens Musik: Allein schon diese durch und durch inspirierte und bewegende Aufnahme der Cellosuite ist ein guter Grund in diese CD hinein zu hören.
Wispelwey empfiehlt sich mit dieser auch klanglich sehr überzeugenden CD als einer der derzeit sensibelsten und fähigsten Britten-Interpreten. Wer ein Faible für diese introvertierten und gewiss nicht auf den ersten Durchlauf eingängigen Werke hat, der ist mit dieser Einspielung bestens bedient. ‘Die besondere CD‘ des Monats Mai 2010.
Die CD Benjamin Britten – Symphony for Cello and Orchestra · Cello Suite No. 1, eingespielt von Pieter Wispelwey als Solist und dem Flanders Symphony Orchestra unter Seikyo Kim ist am 21. Mai 2010 bei Onyx Classics (4058) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Cello Symphony (mit dem Flanders Symphony Orchestra, Seikyo Kim)
- Cello Suite No. 1
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